Für Paul Breitner ist die vierte Meisterschaft in Folge ein "besonderer Höhepunkt"

München - Der FC Bayern München hat sich zum vierten Mal in Folge den Meistertitel in der Bundesliga gesichert. Eine außergewöhnliche Leistung, findet auch Vereinslegende Paul Breitner. Im exklusiven Interview sprachen wir mit dem Markenbotschafter des FCB darüber, warum sein Verein so stark ist. Breitner glaubt sogar, dass auf den vierten auch der fünfte Titel folgen wird.

bundesliga.de: Im Fußball wird oft das Wort „historisch“ verwendet. Wenn es um den vierten deutschen Meistertitel des FC Bayern in Folge geht, scheint der Begriff angebrachter denn je. Viermal in Folge Meister zu werden, ist noch keinem Klub zuvor gelungen.

Paul Breitner: Das ist historisch! Ähnlich wäre dem eine Titelverteidigung in der Champions League. Es gibt auch in unserem Geschäft, in dem sich oft vieles wiederholt, noch den einen oder anderen Höhepunkt. Die vierte Meisterschaft in Folge ist so ein Höhepunkt. Und ich könnte mir sogar vorstellen, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange ist.

bundesliga.de: Das heißt, Sie rechnen damit, dass der FC Bayern dem vierten Titel einen fünften und vielleicht sechsten folgen lässt?

Breitner: Ja, das kann ich mir vorstellen, weil Konstanz und Qualität des Kaders enorm groß sind.

bundesliga.de: Sie sprechen die Konstanz an, die den FC Bayern seit Jahren erfolgreich sein lässt. Was ist ausschlaggebend dafür, so erfolgreich zu sein und immer zur Spitze zu gehören?

Breitner: Diese vierte Meisterschaft in Folge ist für mich der Beleg für die unvergleichliche Konstanz, die der FC Bayern seit Jahrzehnten in seiner Bundesliga-Geschichte zeigt. Der vierte Titel ist ohne Zweifel ein besonderer Höhepunkt, aber vor allem das Ergebnis eines über 50-jährigen Zeitraumes, der geprägt war von solidem Wirtschaften und guten Strukturen im Verein. Vor allem nach dem Amtsantritt von Uli Hoeneß als Manager 1979 war der FC Bayern in seinem Denken und Handeln einige Jahre voraus. Man hat viele Entwicklungen vorhergesehen.

bundesliga.de: Wir haben die Struktur in der Vereinsführung angesprochen . . ..

Breitner: . . . da gibt es eine perfekte Mischung aus Fußballfachleuten, die wirtschaftliches Know-how mitbringen und externen Führungskräften, die die Fußballfachleute perfekt ergänzen.

bundesliga.de: Wenn Sie einen Grund nennen müssten, um den Rekord des vierten Titels zu erklären, was wäre der?

Breitner:  Der FC Bayern hat den weltweit besten Kader, das sind die besten 25. Es hat eine Zeit gedauert, um dorthin zu kommen, aber der jetzige Kader kommt dem Ideal sehr nahe. Das Wichtigste dabei ist, dass die Nummer 15 bis 25 andere im Kader jederzeit zu 90 bis 95 Prozent ersetzen können, nicht nur die beste Elf gewinnt Titel.

bundesliga.de: Ist der deutsche Meistertitel am Ende einer langen Bundesliga-Saison der ehrlichste, weil das Losglück eine nicht so entscheidende Rolle spielt?

Breitner: Es ist der ehrlichste. Und, wenn wir schon bei ehrlich sind, ist es auch der einfachste.

bundesliga.de: Warum?

Breitner: Weder im Pokal noch in der Champions League kannst Du Dir einen gröberen Durchhänger erlauben, sonst bist du draußen. In einer Bundesliga-Saison kann man das eher ausgleichen, über ein Unentschieden oder ein späteres Aufholen durch eine Serie.

bundesliga.de: Sie haben es angesprochen, der FC Bayern ist nicht nur sportlich ein Vorbild, sondern auch wirtschaftlich.

Breitner: Das gilt nicht nur für die Bundesliga, sondern ich sehe das weltweit. Der FC Bayern ist der seriöseste Klub und einer der ganz wenigen weltweit im Spitzenfußball, der keine Schulden hat, ein eigenes abbezahltes Stadion besitzt – und der Ablösesummen und Gehälter auch generiert. Ablösesummen und Gehälter werden nicht über Zuwendungen von außen bezahlt. Der FC Bayern verdient das aus eigener Stärke. Und das ist seit 25 Jahren so, dass wir schwarze Zahlen schreiben. Es gehört auch zum FC Bayern, wie eine Firma zu arbeiten und zu wirtschaften.

bundesliga.de: Trotzdem begegnet einem immer wieder der Hinweis auf die familiäre Atmosphäre im Verein.

Breitner: Wir sind vor allem eine Mannschaft, die eine Struktur und eine Hackordnung hat. Die gab es immer bei FC Bayern seit Franz Beckenbauer und Gerd Müller, seit Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge. Für mich ist das ein entscheidender Faktor für Erfolg, dass jeder weiß, wo sein Platz ist und was er zu tun hat.

bundesliga.de: Lassen Sie uns über die Ära Pep Guardiola sprechen, obwohl sie noch nicht ganz zu Ende ist. Viele Spieler, darunter erfahrene und erfolgreiche Profis, sagen, dass Guardiola es geschafft hat, jeden einzelnen weiter zu entwickeln.

Breitner: Dazu muss man vielleicht einen Blick zurück in die nähere Vergangenheit wagen. Louis van Gaal hat den neuen Fußball zum FC Bayern gebracht, der vor knapp zehn Jahren seinen Ursprung beim FC Barcelona hatte. Es ist ein Highspeed-Fußball mit viel Bewegung. Jupp Heynckes hat ein beweglicheres System daraus gemacht und Pep Guardiola hat selbst das weiter entwickelt und eine noch beweglichere Zirkulation und eine noch größere Flexibilität geschaffen. Keine Frage, Pep Guardiola hat mit seiner Art den FC Bayern grundlegend geprägt. Es ist die Art Fußball, die auch in der Zukunft die einzige ist, die dauerhaften Erfolg verspricht. 

bundesliga.de: Neben der vierten Rekordmeisterschaft gibt es weitere Chancen für den FC Bayern, Titel zu gewinnen. Kann der vierte Meistertitel eine zusätzliche Motivation sein?

Breitner: Ich glaube das hat wenig miteinander zu tun. Pokal und Champions League sind neue Wettbewerbe, in die Du dann zwar als Meister gehst, aber wenn der Schiedsrichter die 90 Minuten anpfeift, denkt kein Spieler an den Meistertitel. Während der Tage zuvor denken Spieler natürlich auch daran, aber beim FC Bayern wissen alle genau, es geht immer darum, sich neu zu konzentrieren. Auch das ist ein Markenzeichen des FC Bayern. 

bundesliga.de: Wie motivierend war es im Hinblick auf die Meisterschaft, dass Borussia Dortmund dem FC Bayern auf den Fersen war?

Breitner: Das hat uns geholfen, nicht nur diese Saison, den letzten Schritt dahin zu tun, einen Kader zusammen zu stellen, der noch ausgeglichener ist. Damit wurde die Basis breiter und stabiler, wenn es während der Saison Verletzungen gibt, die nur schwer auszugleichen sind. Deshalb hat sich die Qualität des Kaders erhöht. Dass Borussia Dortmund zweimal in Folge Meister wurde, hat zu neuen Denkansätzen und einer neuen Qualität beim FC Bayern geführt.

Das Gespräch führte Oliver Trust