München - Der ehemalige Münchner Meistertrainer Ottmar Hitzfeld schätzt vor den Achtelfinal- Hinspielen (alle Spiele im Live-Ticker) der Champions League die Chancen der vier deutschen Teilnehmer Bayern München (Vorschau), Borussia Dortmund, Schalke 04 und Bayer Leverkusen ein.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Schweizer Nationaltrainer vor dem Spiel der Bayern bei Arsenal über die Dominanz der Münchner, Dortmunds Chancen gegen das russische Topteam Zenit St. Petersburg und Schalkes Außenseiterrolle im Duell mit Real Madrid.

bundesliga.de: Herr Hitzfeld, für den FC Bayern geht es im Achtelfinale der Champions League gegen den FC Arsenal. Wie stehen die Chancen, dass die Münchner sich durchsetzen und das Viertelfinale erreichen?

Ottmar Hitzfeld: Die Chancen sind sehr gut, weil Bayern zurzeit unglaublich konstant spielt und auch in jedem Spiel motiviert ist. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Bayern lockerlassen. Sie wollen ja auch Rekorde aufstellen, das ist eine zusätzliche Motivation. Generell ist die Substanz beim FC Bayern so hoch, dass man vier, fünf Spieler draußen lassen kann, ohne dass es zu einem Leistungsabfall kommt. Die Mannschaft kann immer zwei oder auch drei Verletzte ohne Qualitätsverlust ersetzen.

bundesliga.de: Auch einen Franck Ribery? Oder wiegt sein Ausfall schwerer? Denn er wird ja auf jeden Fall im Hinspiel fehlen.

Hitzfeld: Das wird gar nicht auffallen. Man sieht die Bayern spielen, denkt, die sind komplett und merkt dann erst später, dass Ribery gar nicht dabei ist. Oder Toni Kroos, Bastian Schweinsteiger oder Javier Martinez fehlen. Dass Mario Götze zu Saisonbeginn nicht dabei war, ist ja gar nicht aufgefallen. Von daher würde ich dem keine Bedeutung beimessen. Natürlich ist Ribery ein Weltklasse-Spieler, aber Bayern hat nicht nur zwei, drei Weltklasse-Spieler, wie andere Clubs, sondern 15 oder 16.

bundesliga.de: Im vergangenen Jahr mussten die Bayern auch im Achtelfinale gegen den FC Arsenal antreten. In London hatten sie 3:1 vorgelegt, beim 0:2 in der Allianz Arena hätten sie das Weiterkommen fast verspielt. Steckt das noch in den Köpfen der Spieler und welche Rolle spielt das?

Hitzfeld: Das wird Pep Guardiola sicherlich noch thematisieren, und das ist sicherlich auch positiv für die Bayern. Sie sind gewarnt, dass Arsenal gefährlich werden kann, wenn man auch nur zehn Prozent weniger Einsatz und weniger Laufbereitschaft zeigt. Man muss Top-Leistungen abrufen in beiden Spielen. Daher ist das hilfreich.

bundesliga.de: Der FC Arsenal steckt den letzten Ergebnissen nach zu urteilen in der Krise. Gegen Manchester United gab es ein 0:0, gegen den FC Liverpool verloren die Gunners 1:5. Dennoch steht der Club auf Rang 2 der Premier League. Welche Qualitäten zeichnen den FC Arsenal aus?

Hitzfeld: Die Mannschaft spielt unter Arsene Wenger einen sehr attraktiven Fußball und hat in der Offensive ihre Stärken. Da hat sie auch überragende Spieler. Mesut Özil ist eine Verstärkung, Aaron Ramsey ist technisch sehr gut, Tomas Rosicky hat sich wieder heran gekämpft. Dann noch vorne Olivier Giroud oder Lukas Podolski, wenn er fit ist, oder auch Santi Cazorla. In der Offensive ist Arsenal stark. Defensiv gibt es einige Schwächen, weil Arsenal da nicht so kompakt verteidigt. Gerade wenn sie in der Vorwärtsbewegung sind, den Ball verlieren und schnell umschalten müssen, haben sie Probleme in der Defensive.

bundesliga.de: Sehen Sie denn Vorteile für die Bayern oder ist es ein Duell auf Augenhöhe?

Hitzfeld: Nein, die Bayern sind klarer Favorit. Sie sagen zwar, es sei das schwerste Los. Das sehe ich aber nicht so. Ich schätze Paris Saint-Germain oder Real Madrid viel stärker ein. Arsenal ist eine sehr starke Mannschaft, aber Bayern ist klar besser besetzt und spielt den besseren Fußball. Gerade in der Rückwärtsbewegung oder im Pressing sind sie noch stärker als Arsenal.

bundesliga.de: Sie haben anfangs die eindrucksvollen Ergebnisse der Bayern zuletzt in der Bundesliga angesprochen. Jetzt kommt mit dem FC Arsenal ein Gegner auf europäischem Top-Niveau. Fällt es da den Bayern-Spielern schwer, den Schalter wieder umzulegen?

Hitzfeld: Nein. Der FC Bayern wird auch in der Bundesliga gefordert. Man sagt immer, dass es so einfach aussieht, aber auch da müssen sie immer wieder Top-Leistungen bringen. Aber sie haben eine super Einstellung. Das ist eine charakterstarke Mannschaft, die auch unter Druck steht, weil der Konkurrenzkampf im Team groß ist.

bundesliga.de: Wie stehen denn dann Ihrer Meinung nach die Chancen der Bayern auf die Titelverteidigung in der Champions League?

Hitzfeld: Die Bayern sind der absolute Favorit. Trotzdem brauchen sie aber auch das nötige Schlachtenglück, je nachdem auf welchen Gegner sie im Viertelfinale oder im Halbfinale treffen. Da könnten ja Real Madrid oder Paris Saint-Germain warten. Oder auch der FC Barcelona, der zuletzt aber auch nicht immer so stark war, weil Lionel Messi nicht immer fit war. Aber ich sehe Bayern als den klaren Favoriten.

bundesliga.de: Ist das auch die neue Wahrnehmung des FC Bayern im Ausland? Sind die Bayern größer als Real Madrid oder der FC Barcelona?

Hitzfeld: Das würde ich nicht sagen. Dafür hat Real in der Vergangenheit ja auch zu viele große Erfolge gehabt und zahlreiche internationale Titel geholt. Barcelona ebenso. Aber die Bayern sind mit diesen Mannschaften auf einem Niveau und auf bestem Wege, an der europäischen Spitze zu bleiben.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die Chancen von Borussia Dortmund aufs Weiterkommen ein?

Hitzfeld: Borussia Dortmund ist gegen Zenit St. Petersburg Favorit. Petersburg hat zwar auch gute Namen wie Hulk, Domenico Criscito, Danny oder Roman Shirokov, der mir sehr gut gefällt, war in den letzten Jahren aber nicht so konstant. Dortmund sehe ich von der Mentalität her im Vorteil. Die Russen sind mental nicht so stark, und Dortmund ist für mich auch aufgrund der Entwicklung der letzten Jahre Favorit.

bundesliga.de: Bei der Partie Schalke gegen Real sind die Madrilenen Favorit?

Hitzfeld: Das liegt auf der Hand. Schalke hat diese Saison Höhen und Tiefen durchlebt und stand mit dem Rücken zur Wand, hat aber trotzdem immer wieder im entscheidenden Moment Top-Leistungen gebracht. Jens Keller hat die Mannschaft immer wieder sehr gut einstellen können. Trotzdem ist Schalke gegen Real Außenseiter, schon allein, weil Real mit Cristiano Ronaldo, Gareth Bale und Karim Benzema einen Millionen-Angriff hat. In der Offensive ist das Weltklasse.

bundesliga.de: Das heißt, ein Weiterkommen gegen Real Madrid trauen Sie Schalke im Moment nicht unbedingt zu?

Hitzfeld: Doch, Schalke hat Chancen, aber Außenseiterchancen. Wenn es um die Favoritenrolle geht, brauchen wir nicht diskutieren. Aber Schalke ist nicht chancenlos. Wenn sie zweimal Top-Leistungen bringen, dann können sie Real schlagen. Madrid hat in der spanischen Liga auch schon häufiger unentschieden gespielt und die eine oder andere Niederlage hinnehmen müssen. Auch Real Madrid ist nicht unverwundbar.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig