Mönchengladbach - Nach sechs Pflichtspielniederlagen und dem Rücktritt von Trainer Lucien Favre ist Borussia Mönchengladbach gegen den FC Augsburg der erste Sieg gelungen. Nun wollen die Borussen nachlegen, beim VfB Stuttgart, der am sechsten Spieltag ebenfalls den ersten Sieg einfahren konnte (zur Vorschau). Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Borussen-Keeper Yann Sommer über die Gefühle, die das 4:2 gegen den FCA ausgelöst hat, über den neuen Trainer André Schubert und über die Entscheidung von Lucien Favre.

bundesliga.de: Herr Sommer, mit dem 4:2 gegen Augsburg ist Borussia der erste Saisonsieg gelungen. Wie fühlt sich das an nach zuvor sechs Pflichtspielniederlagen?

Yann Sommer: In der Tat: Wenn man zuvor so oft verloren, dann aber vor allem eine erste Halbzeit gespielt hat, die wirklich begeistern konnte, tut das sehr gut, gerade auch für die Seele. Und am folgenden Morgen steht man mit einem ganz anderen Gefühl auf und beginnt den Tag viel entspannter.

bundesliga.de: Als Torwart ist man - räumlich - ein Stück weit weg, wenn auf der gegenüberliegenden Platzseite in nur 16 Minuten vier Tore für die eigene Mannschaft fallen. Wie war der Blick von "außen"?

Sommer: Ich habe mich riesig gefreut für die Mannschaft! Ich glaube zwar, dass wir auch in den vergangenen Wochen gut miteinander wie auch mit der schwierigen Situation umgegangen sind. Jeder kann sich aber wohl vorstellen, dass es dennoch keine leichte Zeit war. Wenn man dann im Tor spürt, dass es für die Jungs vom ersten Moment an läuft, dass sie mit viel Freude das Spiel machen, enormen Druck aufbauen und - der Optimalfall - auch Tore schießen, ist das eine echte Befreiung. Und man spürt, wie das Selbstvertrauen für die kommenden schwierigen Aufgaben zurückkommt.

"Situation hat mich nicht kalt gelassen"

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bundesliga.de: Auch Spieler, die normalerweise als sichere Bank gelten, wirkten in den vergangenen Wochen sehr verunsichert. Sie allerdings schienen - bis auf den Patzer beim dritten Gegentreffer in Sevilla - relativ unbeeindruckt...

Sommer: Auch mich hat diese sehr schwierige Situation selbstverständlich nicht kalt gelassen. Ich sehe mich als einer der Führungsspieler und halte es in einer so schwierigen Phase für sehr wichtig, dass gerade der Torhüter alles versucht, Ruhe auszustrahlen und seinen Vorderleuten Sicherheit zu geben. Ich weiß aber, dass mir das nicht durchgehend gelungen ist.

bundesliga.de: Wie ist Trainer André Schubert, der kaum Zeit hatte die Mannschaft einzustellen, seine Aufgabe angegangen?

Sommer: Ich möchte seine Vorgehensweise nicht mit der von Lucien Favre vergleichen. Diese Aufgabe, von einem Moment auf den nächsten eine Mannschaft zu übernehmen bei der es nicht läuft, war ganz sicher keine leichte. Aber ich finde, dass er sie sehr gut gelöst hat, umso mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass wir nur ein paar Trainingseinheiten hatten. Schubert hat die Basis des Spiels von Lucien Favre belassen und lediglich zwei, drei kleinere Dinge korrigiert, die wir in der vergangenen Saison viel besser gemacht haben als zuletzt.

"Schubert hat uns aufgefordert mutiger zu sein"

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bundesliga.de: Welche Dinge sind das?

Sommer: Das sollte möglichst innerhalb der Mannschaft bleiben. André Schubert hat uns aber aufgefordert wieder mutiger zu sein, uns wieder mehr zuzutrauen, wieder nach vorne zu spielen, Dribblings zu suchen und so auch wieder gefährlicher zu werden. Letztlich also die Dinge, die man von der Borussia aus der vergangenen Saison ohnehin sehr gut kennt. Und ich denke, dass uns das über weite Strecken gut gelungen ist. Aber wir wissen auch, dass wir zunächst nur drei Punkte geholt haben. Nicht mehr und nicht weniger.

bundesliga.de: Wie aber konnte man Selbstvertrauen, das wochenlang verschüttet schien, fast vom Anstoß weg freilegen?

Sommer: Vor allem haben wir sehr viel miteinander gesprochen. Wir haben die vergangenen Spiele mit dem Trainer sehr genau analysiert und die schon angesprochenen zwei, drei Kleinigkeiten korrigiert, die aber sehr viel ausmachen können. Gegen Augsburg waren wir vom ersten Moment an mutiger und haben ein höheres, viel aggressiveres Pressing gespielt, so dass die Augsburger gerade in der ersten halben Stunde kaum wussten, wie sie reagieren sollten. Manchmal wirkte das vielleicht etwas wild. Aber wir konnten uns so das notwendige Selbstvertrauen zurückholen.

"Favre hat sehr viel für Borussia geleistet"

bundesliga.de: Die bevorstehende Partie beim VfB Stuttgart dürfte eine Bewährungsprobe werden für dieses wiedergefundene Selbstbewusstsein...

Sommer: Das ist richtig. Der VfB hat eine gute Mannschaft, die sehr guten Fußball spielen kann. Zwar haben die Stuttgarter - genau wie wir - die ersten fünf Spiele verloren, waren allerdings dennoch meist die bessere Mannschaft, die sich viele Chancen herausarbeiten konnte. Mit dem Sieg in Hannover dürften sie nun - ebenso wie wir mit unserem Sieg gegen Augsburg - Selbstvertrauen getankt haben. Die Aufgabe wird also ganz sicher nicht leicht. Trotzdem wollen wir unbedingt nachlegen.

bundesliga.de: Lassen Sie uns dennoch kurz zurückblicken: Borussia hätte als Modell dafür taugen können, dass es Sinn machen kann an einem Trainer, von dem man überzeugt ist, auch in einer Krise festzuhalten...

Sommer: Ich möchte zunächst betonen, dass Lucien Favre es sich absolut verdient hatte, dass der Club trotz der Niederlagen-Serie an ihm festhalten wollte. Favre hat sehr viel für Borussia Mönchengladbach geleistet, und ich finde es wichtig, dass man das nicht vergisst.

"Haben seine Entscheidung bedauert"

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bundesliga.de: Favre hatte den Rückhalt, den die meisten Trainer in einer solchen Situation nicht genießen. Haben Sie Verständnis dafür, dass er trotzdem gegangen ist?

Sommer: Wir als Mannschaft haben seine Entscheidung sehr bedauert, aber hundertprozentig akzeptiert. Wir schätzen Favre nicht nur als Trainer, sondern auch als Mensch sehr. Und wenn er der Meinung war, uns in dieser Situation nicht mehr weiterhelfen zu können, müssen wir das akzeptieren. So ist der Fußball, und es bleibt einem leider auch nicht allzu viel Zeit darüber in Ruhe nachzudenken. Fakt ist, dass wir Lucien Favre in allerbester Erinnerung behalten.

bundesliga.de: Hatte die Mannschaft noch den Glauben, gemeinsam mit Favre aus der Misere herauszufinden?

Sommer: Natürlich. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir diese Krise auch mit Lucien Favre bewältigt hätten.

"Werde Favre immer dankbar sein"

bundesliga.de: Was bleibt für Sie persönlich, auch wenn Sie nur ein Jahr mit Ihrem Landsmann zusammenarbeiten konnten?

Sommer: Ich habe sehr viele schöne Erinnerungen an dieses eine Jahr, das gleichzeitig mein erstes in der Bundesliga war. Ich habe von Anfang an Favres Vertrauen gespürt und glaube, dass ich unter ihm als Torhüter noch einmal einen großen Schritt gemacht habe, was das Verständnis des Spiels per se und den Spielaufbau betrifft. Und ich werde ihm für die Zeit, die ich unter ihm arbeiten durfte, immer sehr dankbar sein.

Das Gespräch führte Andreas Kötter