Bremen - Die Halbwertszeit eines geküssten Vereinswappens ist heute kaum allzu hoch anzusetzen. Wenn einer aber annähernd zwanzig Jahre für ein und denselben Club im Einsatz ist, darf man allemal von Vereinstreue sprechen: Viktor Skripnik ist Werderaner durch und durch.

Im großen Interview mit bundesliga.de spricht der Trainer vom SV Werder Bremen über sein Selbstverständnis und seine Arbeitsweise, über seine Vorbilder, sein Verhältnis zu Thomas Schaaf und Werders Zukunft.

bundesliga.de: Herr Skripnik, waren Sie überrascht, als man vor fünf Monaten entschied, Sie zum Cheftrainer zu machen, oder hatte man Sie zuvor bereits vorbereitet?

Viktor Skripnik: Es war schon eine Überraschung, und ich habe ganz sicher auch nicht darauf gewartet. Im Gegenteil, ich habe mit Robin Dutt immer gut zusammengearbeitet. Als man mich dann gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, die erste Mannschaft zu übernehmen, konnte ich nicht nein sagen. Werder Bremen ist "mein" Verein, und 18 Jahre bei Werder kann man in einem solchen Augenblick nicht einfach beiseite schieben.

"Selbstvertrauen kommt nur mit Erfolgen"

bundesliga.de: Erklären Sie bitte, was die ersten Überlegungen sind, wenn Trainer eine völlig verunsicherte Mannschaft zurück in die Spur bringen soll?

Skripnik: Mir ist zugute gekommen, dass ich diese Situation als Spieler bei Werder selbst erlebt habe. Gemeinsam mit Torsten Frings und Frank Baumann habe ich hier Ende der 90er Jahre gegen den Abstieg gespielt und weiß, was für einen Spieler in einer solchen Situation wichtig ist. Das Wichtigste ist Selbstvertrauen. Deshalb habe ich den Spielern bei meiner Antrittsrede gesagt, dass sie deshalb einen Vertrag bei Werder Bremen bekommen haben, weil jeder einzelne von ihnen längst bewiesen hat, dass er richtig gut Fußball spielen kann. Letztlich kommt das Selbstvertrauen aber nur zurück, wenn sich wieder Erfolge einstellen. Und die haben sich eingestellt - wobei ich ganz ehrlich sagen muss, dass wir dabei bisweilen Glück in Anspruch nehmen mussten. Aber darauf konnten wir aufbauen.

bundesliga.de: Eine Ihrer Maximen lautet "Ich kritisiere nicht, ich korrigiere"...

Skripnik: Genau. Jeder von den Jungs kann doch kicken.

bundesliga.de: ...und diese Korrekturen sollen Sie vor allem in vielen Einzelgespräche vornehmen...

Skripnik: Ich möchte meinen Spielern vermitteln, dass ich daran interessiert bin, was Sie denken und fühlen. Sie sollen spüren, dass sie mit mir jederzeit auch über Dinge sprechen können, die nichts mit Fußball zu tun haben. Trotzdem will ich gewiss nicht der Kumpel meiner Spieler sein, eine gewisse Distanz zwischen Trainer und Spieler ist notwendig. Jeder weiß, was ich auf dem Platz von ihm erwarte.

"Ich habe auch von Felix Magath einiges gelernt"

bundesliga.de: Einzelgespräche, keine negative Kritik, sondern positive Korrektur - haben Sie diese Dinge als Spieler auch erlebt und geschätzt?

Skripnik: Es gibt durchaus unterschiedliche Trainer mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Und bei allem Verständnis dürfen wir nicht vergessen, dass wir Fußball spielen. Fußball ist ein harter Sport, und im Profi-Bereich geht es um viel Geld und um Prestige. Am Ende gewinnt nur derjenige, der noch härter ist als der Gegner. Soll heißen: ich habe auch von Felix Magath einiges gelernt, der bekanntlich eher zu den harten Trainern zählt.

bundesliga.de: Und von Thomas Schaaf?

Skripnik: Bei Thomas Schaaf habe ich gelernt, wie Fußball überhaupt funktioniert, wie ich mich als Spieler auf dem Platz zu verhalten habe, wenn mein Teamkollege dieses oder jenes tut, wie die Atmosphäre im Team sein sollte usw. Manches klappt bereits ganz gut und wir sind zufrieden. Jetzt müssen wir sehen, dass wir auf dem eingeschlagenen Weg weiter vorankommen.

bundesliga.de: Der Name Ihres - neben Thomas Schaaf - wohl größten Lehrmeisters ist noch nicht gefallen. Der 2002 verstorbene Walerij Lobanowskyj war Ihr Nationaltrainer und gilt bis heute als einer der stilprägendsten Trainer überhaupt...

Skripnik: Walerij Lobanowskyj war eine natürliche Autorität und besaß eine unvergleichliche Fachkompetenz. Er wusste alles über mich und war auch über Werder immer bestens informiert. Wenn wir gut gespielt haben, hat er mir stets gratuliert, und wenn es nicht so gut war, hat er mir verständnisvoll auf die Schulter geklopft...

bundesliga.de: ...korrigieren, nicht kritisieren...

Skripnik: Exakt. Von ihm habe ich sehr viel darüber gelernt, wie man mit Spielern umgehen sollte. Die fußballerische Kompetenz war nur eine seiner Stärken, er war auch ein Meister in Psychologie. Die Jahre, die ich unter Lobanowskyj in der Nationalmannschaft spielen durfte, waren ein Genuss und bleiben mir für immer unvergesslich.

Das Interview führte Andreas Kötter

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