Köln - Es geht bergauf beim SV Werder Bremen. Nach zweieinhalb Jahren Abstiegskampf starteten die Hanseaten in der Rückrunde durch und hätten fast die Qualifikation zur Europa League gepackt. Am Ende landete Werder auf Platz 10 und war damit zufrieden (zur Abschlusstabelle 2014/15). Im Interview mit bundesliga.de spricht Thomas Eichin, Werders Geschäftsführer Sport, über die zurückliegende Spielzeit, die Neuzugänge und die Ziele für die kommende Saison.

bundesliga.de: Herr Eichin, die Bundesliga-Saison endete vor knapp drei Wochen. Haben Sie jetzt ein wenig Zeit zum Entschleunigen gehabt oder gerade besonders viel Arbeit auf dem Tisch?

Thomas Eichin: Wir haben jetzt besonders viel Arbeit auf dem Schreibtisch, weil wir noch einige Aufgaben zu erledigen haben. Wir sind noch in der Kaderplanung, beobachten und sondieren somit den Markt intensiv. Durch den Aufstieg unserer U 23 in die 3. Liga ist zusätzlich etwas Termindruck entstanden. Es gibt noch viel zu organisieren, um die Mannschaft auf Drittliga-Niveau zu bringen. Wir haben also viel zu tun.

"Positive sportliche Entwicklung"

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bundesliga.de: Hatten Sie auch Zeit, die zurückliegende Saison aufzuarbeiten. Wie ordnen Sie die Spielzeit ein, wie fällt Ihr Fazit aus?

Eichin: Ich bin seit zweieinhalb Jahren bei Werder. Wir wollten den Turnaround schaffen, uns weiterentwickeln und im Rahmen unseres finanziellen Konsolidierungskurses ein paar Dinge zurückführen. Der Kader musste an die Umsatzgröße angepasst werden. Das alles ist gut gelungen. Wir sind auch sportlich wieder ein bisschen geklettert. In meinem ersten Jahr haben wir Platz 14 erreicht, dann Platz 12 mit 39 Punkten und nun Rang 10 mit 43 Punkten. Die sportliche Entwicklung ist deshalb (…) positiv zu sehen. Unser definiertes Ziel war immer, einen einstelligen Tabellenplatz zu erreichen und bis zum Schluss an einem europäischen Wettbewerb zu kratzen. Das ist uns in dieser Saison insgesamt ganz gut gelungen.

bundesliga.de: Inwieweit spielte bei dieser Weiterentwicklung der Trainerwechsel von Robin Dutt zu Viktor Skripnik eine Rolle?

Eichin: Der Trainer ist in unserem sportlichen Konzept natürlich der entscheidende Faktor. Auch was die Entwicklung bei den Trainern angeht, bin ich sehr zufrieden. Robin Dutt war nach der Ära von Thomas Schaaf als Trainer, der von außen kam, genau der Richtige. Er hat mit mir gemeinsam viele Dinge umgesetzt, von denen wir auch danach noch profitiert haben. Nach Robin Dutt war Viktor Skripnik der richtige Mann, ein Werderaner, der die Sprache dieses Clubs spricht und der Mannschaft ein unglaubliches Selbstbewusstsein und einen Stil in einer relativ kurzen Zeit gegeben hat. Der Aufschwung nach nur vier Punkten aus den ersten neun Spielen war sensationell.

"Müssen Qualität entwickeln"

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bundesliga.de: Wo hat sich die Mannschaft vor allem sportlich weiterentwickelt? Wo sehen Sie die größten Fortschritte?

Eichin: Wir müssen wegkommen von den früheren Champions-League-Gedanken, als wir noch mit teuren Spielern, hohen Ablösesummen und hohen Gehältern arbeiten konnten. Die Anbindung unserer zweiten Mannschaft und unserer Jugendmannschaften haben wir weiter intensiviert. Wir haben die Mannschaften extrem miteinander verbunden. Die Einsatzzeiten der U23-Spieler und der Potenzialspieler haben wir Monat für Monat verbessert. Viele Spieler aus diesem Bereich haben schon Bundesliga-Luft geschnuppert. Das ist der Weg von Werder Bremen. Wir werden keine überdurchschnittliche Qualität einkaufen können, wir müssen sie entwickeln. Dafür ist Geduld gefragt, aber auch eine gewisse Stabilität innerhalb einer Saison. Sonst lässt sich das nicht umsetzen.

bundesliga.de: Stabilität ist ein gutes Stichwort. Seit Jahren kassiert Werder um die 65 Gegentore pro Saison. Wie kann die Mannschaft defensiv stabiler werden? Oder werden die vielen Gegentore bewusst in Kauf genommen, weil Werder Bremen schon immer für Spektakel stand?

Eichin: Wir haben gerade unter Robin Dutt versucht, diese Gegentorflut einzudämmen. Das hatte dann aber auch die Konsequenz, dass wir offensiv nicht mehr so durchschlagskräftig waren. Das ist ein langfristiger Prozess und nicht so schnell zu lösen. Aber in Bremen ist auch Offensivfußball angesagt. Entscheidend ist die Platzierung, nicht die Tordifferenz. Es nützt mir nichts, wenig Tore zu kassieren, wenn ich die Spiele trotzdem verliere. Natürlich wollen wir weniger Gegentore bekommen. Aber wir haben uns sportlich verbessert und den Zuschauern im Weserstadion eine sehr gute Saison geboten. Bundesliga ist auch Entertainment. Und wir wollen den Leuten auch etwas bieten.

"Wollen junge Spieler durch Transfers nicht blockieren"

bundesliga.de: Was versprechen Sie sich von den Neuzugängen Anthony Ujah, Ulisses Garcia oder Felix Wiedwald?

Eichin: Auf der Torhüterposition haben wir mit Wiedwald einen prima Jungen bekommen, der perfekt zu uns passt. Wir haben auf den Verkauf von Davie Selke schnell reagieren müssen und mit Anthony Ujah einen qualitativ starken Stürmer aus der Bundesliga geholt und mit ihm einen sehr guten Griff getan. Wir sind stolz darauf, dass wir ihn bekommen haben. Bei den weiteren Zugängen muss man abwarten. Wir haben uns im jüngeren Bereich mit Ulisses Garcia, der auf der linken Verteidigerposition großes Potenzial besitzt, verstärkt. Wir wollen mit unseren Verpflichtungen auch nicht die jungen Spieler blockieren, die wir in den letzten Jahren bereits geholt haben.

bundesliga.de: Sie haben die Platzierungen der letzten Jahre angesprochen und wären sicher froh, wenn es nach den Plätzen 14, 12 und 10 so weiter ginge. Wie sehen die Ziele von Werder Bremen für die nächste Saison aus?

Eichin: Wir wollen die Bäume nicht zu hoch wachsen lassen. Wir definieren uns über das Ziel, einen einstelligen Tabellenplatz erzielen zu wollen. Wenn wir dann bis zum Schluss um einen europäischen Platz kämpfen, dann ist das genau das, wo wir uns momentan sehen. Dafür muss alles passen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski