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Neven Subotic ist anders. Anders als andere junge Männer in seinem Alter, die in unserer Wohlstandsgesellschaft aufgewachsen sind, und erst recht anders als viele seiner Profi-Kollegen. Subotic hat es sich zur Aufgabe gemacht seine Popularität zu nutzen, um mit der "Neven Subotic Stiftung" Menschen in den ärmsten Regionen der Welt Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen.

Anlässlich des "Earth Day" am 22. April 2016 sprach er im großen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de darüber, wie seine Arbeit genau aussieht, was Frisch-Wasser mit Bildung zu tun hat, wie seine Profi-Kollegen auf sein Engagement reagieren.

bundesliga.de: Die Neven-Subotic-Stiftung ermöglicht Menschen in den ärmsten Regionen der Welt Zugang zu sauberem Wasser. Wie lässt sich ein so arbeitsintensives Projekt mit dem Profi-Fußball verbinden, wenn man mehr einbringen möchte als den eigenen Namen?

Subotic: Ich sehe da kein Problem. Am Tag verbleiben genügend Stunden, um sich neben dem Fußball auch um Kinder zu kümmern, die nur ein paar Flugstunden, aber doch eine ganze Welt entfernt sind. Zudem delegiere ich viele Aufgaben und kann auf phänomenale Mitarbeiter und Spezialisten und auf tolle ehrenamtliche Helfer zählen.

bundesliga.de:Beschreiben Sie bitte kurz, was die Stiftung genau leistet?

Subotic: Ich sehe ich es als unsere Aufgabe an, den Menschen in den ärmsten Regionen der Welt zu helfen, und dort vor allem denjenigen, die es am schwersten haben, die Kinder. Ihnen möchte ich den jederzeitigen Zugang zu sauberem Wasser ermöglichen, was die Er- und Einrichtung von Sanitäranlagen einschließt. Wir gehen bald ins vierte Jahr und haben in dieser Zeit ein phänomenales Team aufgebaut, das hoch effiziente Arbeit ermöglicht. Nahezu eine Million Euro konnte die Stiftung bisher sammeln, so dass wir mit 34 Projekten etwa 20.000 Kindern den Zugang zu Frisch-Wasser ermöglichen konnten. Das ist phänomenal.

bundesliga.de: Wer wie wir nur den Hahn aufzudrehen braucht, vergisst schnell, wie kostbar Wasser ist. Sie offensichtlich aber nicht...

Subotic: Wenn man beginnt global zu denken, begreift man schnell, welche existenziellen Nöte Menschen woanders haben. Man begreift, dass es oft am Allernotwendigsten mangelt, am Wasser. Wir haben das Glück, in einem Land zu leben, in dem frisches und sauberes Wasser immer zur Verfügung steht. Das wünsche ich aber allen Menschen. Umso mehr, als dass der Zugang zu sauberem Wasser 2010 von den Vereinten Nationen in den Menschenrechtskatalog aufgenommen worden und seitdem endlich Menschenrecht ist.

bundesliga.de: Ihr Ansatz geht aber über Wasser als bloßes Lebensmittel hinaus...

Subotic: Das ist richtig. Ohne sauberes Wasser keine Gesundheit. Und ohne Gesundheit keine Chance auf Bildung. Wir möchten zum Beispiel ermöglichen, dass Kinder oder Frauen keine fünf oder sechs Stunden mehr unterwegs sind, wenn sie sauberes Wasser holen wollen, sondern nur noch 30 Minuten. Das bringt jeden Tag vier, fünf Stunden, die diese Kinder in Bildung und Schule investieren können. Aber wir denken noch weiter. In der Schule benötigen die Kinder menschenwürdige Sanitäranlagen. Nur so, wenn Privatsphäre möglich ist, können wir vermeiden, dass Mädchen aus Scham nicht zur Toilette gehen wollen und deshalb erst gar nicht zur Schule kommen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Denn es ist belegt, dass deutlich mehr Kinder zum Unterricht kommen, wenn vernünftige Sanitäranlagen vorhanden sind.

bundesliga.de: Sie haben gesagt "Wenn man beginnt global zu denken...": Was hat bei Ihnen zu dieser Denke geführt?

Subotic: Ich habe mich schon immer dafür interessiert, was Menschen bewegt sich zu engagieren. Zu diesem Thema habe ich etwa das Buch der amerikanischen Philanthropin Jenny Santi, "The Giving Way To Happiness", gelesen. Dort habe ich meine eigene Geschichte in gewisser Weise wieder gefunden. Meine Eltern waren stets meine Vorbilder, weil sie sich immer auch für andere Menschen eingesetzt haben. Aber ich hatte bisher auch deshalb ein sehr glückliches Leben, weil andere Menschen uns bei der Integration in Deutschland und später in den USA unterstützt haben.

bundesliga.de: Sie waren gerade anderthalb Jahre alt, als Sie mit Ihrer Familie vor dem Krieg auf dem Balkan flohen...

Subotic: Ja, das war 1990. Und lange waren wir es, die Hilfe benötigt und bekommen haben. Manchmal waren das kleine, manchmal aber auch sehr große Gesten. Als ich dann 17 wurde, war ich endlich in der Lage etwas zurückzugeben, nicht zuletzt dank des Privilegs Profifußballer sein zu dürfen. So habe ich früh erfahren, was es mit einem macht, wenn man anderen Menschen helfen darf.

bundesliga.de: Wie sah das im Alltag aus?

Subotic: Mir war schon damals wichtig, mich nicht nur an der Oberfläche mit diesem Thema zu beschäftigen, sondern die Menschen wirklich kennen zu lernen. So habe ich während meiner Zeit beim FSV Mainz jede Woche Kinder in einem Kinderheim besucht und mit ihnen gespielt. Dort ist mir bewusst geworden, wie einzigartig und besonders jedes Kind ist und wie viel Potenzial vorhanden ist. Meine bloße Anwesenheit hat den Kindern etwas mehr Selbstbewusstsein geben können. Da war ein Fußballprofi, der sich jetzt für sie interessierte. Das war cool, und plötzlich waren die Kids auf dem Spielplatz nicht mehr nur die Außenseiter. Über zwei Jahre durfte ich miterleben, wie sich diese Kinder entwickelt haben.

bundesliga.de: Von Mainz in die Wüste von Äthiopien ist es aber noch ein weiter Weg?

Subotic: Bei mir ist damals der Wunsch gewachsen, auch über mein direktes Umfeld hinaus zu helfen. Mein Gedanke war „Wenn ich mich um die Kinder in Mainz oder in Dortmund kümmere, wer kümmert sich dann um die Kinder in Bosnien oder in Äthiopien?! Ich wollte mich nicht nur auf meine Nationalität, auf meine Herkunft oder auf meinen Lebensmittelpunkt beschränken und habe mir überlegt, wo auf globaler Ebene der größte Bedarf ist. Dann kommt man sehr schnell auf Regionen dieser Erde, in denen viele Menschen von weniger als einem Euro am Tag überleben müssen.

bundesliga.de:Resultiert dieses große Engagement ein Stück weit auch aus einem Schuldgefühl, weil man selbst so privilegiert lebt?

Subotic: Ich weiß nicht, ob ich sagen kann, dass ich mich schuldig fühle. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich mich mit diesen Menschen sehr verbunden fühle und, soweit das in meiner Macht steht, für einen Ausgleich sorgen möchte. Stellen Sie sich vor, Sie würden noch einmal geboren und könnten sich aussuchen, in welche Region Sie geboren werden. Jeder von uns würde da wahrscheinlich aus einer nur kleinen Handvoll von Ländern auswählen, in denen das Leben dank Gesundheitssystem, Infrastruktur,  Zugang zu Bildung und Meinungsfreiheit lebenswert, sicher und schön ist.  Ihnen und mir wurde das Glück geschenkt, in einer Region leben zu dürfen, die diese Privilegien garantiert. Viele andere haben diese Chance nicht bekommen. Und ich sehe es als meine Pflicht an, das Glück, das mir durch Zufall widerfahren ist, mit anderen, die dieses Glück nicht hatten, zu teilen.

bundesliga.de:Fußball-Profis lieben schnelle Autos, auch Sie selbst haben einen tollen Sportwagen gefahren oder fahren ihn noch. Bedeuten Ihnen diese Dinge heute nichts mehr?

Subotic: Ich weiß heute, dass ich nicht alles besitzen muss, was vielleicht als cool gilt, um glücklich zu sein. Hätte ich zwanzig Autos in der Garage, würde ich nie spüren, wie sehr man das eine, das man besitzt, wertschätzen kann. Für mich ist wichtig, dass ich ein Auto habe, das funktioniert, wenn ich es brauche. Ob dieses Auto 250 km/h oder 300 km/h Spitze fährt, ist für mich nicht einmal fünftrangig. Und wenn ich meinen Sommerurlaub in Äthiopien beim Bau eines Brunnens und nicht irgendwo am Strand verbringe, ist das für mich der schönste Ort der Welt, an dem ich wirklich glücklich bin. Im empfehle übrigens das Buch „Befreiung vom Überfluss“ des Ökonomen Niko Paech, das mich sehr inspiriert hat.

bundesliga.de: Macht Verzicht glücklich?

Subotic: Ja. Denn für mich bedeutet Verzicht nicht gleichzeitig Verlust. Für mich bedeutet Verzicht vielmehr eine Befreiung, weil ich mich von Dingen trennen kann, denen ich keine Wichtigkeit beimesse.

bundesliga.de: Wie lebt man mit dieser altruistischen Einstellung innerhalb einer Profi-Mannschaft, und wie reagieren die Team-Kollegen?

Subotic: Für viele der Jungs ist das natürlich etwas Neues. Aber jeder respektiert, was ich tue, und das weiß ich sehr zu schätzen. Es ist doch nur menschlich, dass es ein wenig Zeit braucht, bis man nachvollziehen kann,  warum ich so handele. Und ich wünsche mir, dass sich in Zukunft noch mehr Profis ihrer sozialen Verantwortung bewusst werden und sich dementsprechend engagieren.

bundesliga.de: Am 22. April findet der "Earth Day" statt. Können solche Events mehr sein als ein gesellschaftliches Feigenblatt in Sachen Nachhaltigkeit?

Subotic: Ich spitze einmal zu: In einer Welt, in der viele glauben ihr Leben habe keinen Sinn mehr, wenn sie nicht stets das neuste iPhone besitzen, finde ich es unbedingt wichtig und richtig, dass es Tage wie den „Earth Day“ gibt. Events, die daran erinnern, was wirklich zählt und wie wichtig Nachhaltigkeit ist, wenn wir wollen, dass dieser Planet lebenswert bleibt. Selbstverständlich würde ich mir wünschen, dass Themen wie Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung nicht nur an einem Tag im Jahr Aufmerksamkeit erfahren. Ich hoffe aber, dass durch solche Veranstaltungen der eine oder andere animiert wird, sich über den Tag hinaus damit zu beschäftigen und zu überlegen, was man selbst in seinem kleinen Umfeld tun kann.

Das Gespräch führte Andreas Kötter