Köln - Neun Jahre spielte Jiayi Shao in Deutschland. Der ehemalige Profi vom TSV 1860 München, Energie Cottbus und dem MSV Duisburg absolvierte insgesamt 168 Partien in der Bundesliga und der 2. Bundesliga. 2012 kehrte er in seine Heimat China zurück und wechselte zu Beijing Guoan, wo er zusammen mit Wolfsburgs Neuzugang Xizhe Zhang spielte.

bundesliga.de spricht exklusiv im Interview mit dem 34-Jährigen über den Transfer von Xizhe Zhang zum VfL Wolfsburg, seine Qualitäten als Offensivspieler und sein Potenzial.

bundesliga.de: Jiayi Shao, wo erreichen wir Sie gerade?

Jiayi Shao: Ich bin momentan zuhause in Peking.

bundesliga.de: In Deutschland wird viel über den anstehenden Transfer von Xizhe Zhang nach Wolfsburg berichtet. Bestimmt sein Wechsel auch in China die Schlagzeilen?

Shao: Ja, in China ist das genauso - in der Zeitung, im Internet, überall liest man über seinen Wechsel. Die Fußball-Fans hier sind absolut begeistert, schon lange hat es kein chinesischer Spieler mehr zu einem Top-Verein in einer starken europäischen Liga geschafft. Das ist eine Riesengeschichte.

bundesliga.de: Auf was für einen Typen darf sich die Bundesliga freuen, beschreiben Sie uns bitte Xizhe Zhangs Eigenschaften.

Shao: Er ist ein sehr, sehr guter Kerl, eher ruhig. Ich kenne ihn gut, wir sind Kollegen und Freunde. Er hat einen extrem starken Willen und auch schon immer den Wunsch gehegt, in eine der Top-Ligen Europas zu wechseln. Und er mag schöne Autos (lacht). Er ist ein junger Spieler, da ist das ganz normal.

"Offensiv auf jeder Position gefährlich"

bundesliga.de: Hat er Sie vor seiner Entscheidung um Rat gefragt?

Shao: Er hat mich befragt über Deutschland und ich habe ihm nur positiv berichtet, vor allem über den Fußball. Die Bundesliga hat natürlich eine ganz andere Klasse als der chinesische Fußball, das wird ein großer Sprung. Das Niveau dort ist weltweit vielleicht das höchste.

bundesliga.de: Wolfsburgs Sportdirektor Klaus Allofs hat Zhang als einen jungen Spieler mit großem Potenzial beschrieben. Wo liegen seine Stärken?

Shao: Da stimme ich Allofs voll und ganz zu. Xizhe hat riesiges Potenzial. Dynamik, Technik, Intelligenz - ich denke, er bringt alles mit. Natürlich wird er aber Zeit zur Eingewöhnung brauchen.

bundesliga.de: Auf welcher Position ist er am stärksten?

Shao: Xizhe will gerne zentral spielen, momentan ist er meiner Meinung nach offensiv links aber besser. Er ist schnell und hat zwei starke Füße. Er kann gut schießen, setzt seine Mitspieler gut ein, hat ein super Passspiel. Offensiv ist er auf jeder Position gefährlich.

bundesliga.de: Auf dem linken Flügel scheint Kevin De Bruyne bei Wolfsburg derzeit allerdings unantastbar und der Club hat viele weitere starke Offensivspieler. Wird Zhang trotzdem einen Platz im Team finden?

Shao: Ja, das stimmt. Wolfsburg hat viele super Spieler wie De Bruyne oder Aaron Hunt, allerdings ist Xizhe ein ganz anderer Typ. Er spielt weniger körperlich als De Bruyne, aber er ist noch schneller und auch seine Technik ist meines Erachtens besser. Xizhe ist sehr, sehr clever. Zunächst wird er vielleicht kein Kandidat für die Startelf sein, er wird erstmal ein, zwei Monate mit der Mannschaft trainieren und sich einfinden müssen. Aber ich glaube an ihn, er hat das Zeug für die erste Elf.

"Xizhe ist ein echter Teamplayer"

bundesliga.de: Ist Zhang vergleichbar mit einem aktuellen Bundesliga-Spieler?

Shao: Ich denke, er ähnelt am ehesten Shinji Kagawa. Er ist klein, beweglich, denkt aber nicht nur offensiv, arbeitet auch sehr viel für die Mannschaft. Xizhe ist ein echter Teamplayer. In der Offensive kommt seine Spielintelligenz aber am meisten zum Tragen.

bundesliga.de: Ist er momentan Chinas bester Fußballer?

Shao: Er ist zumindest einer der besten.

bundesliga.de: Wie ist sein Standing in der Nationalmannschaft?

Shao: Unser neuer Trainer Alain Perrin setzt momentan eher auf robuste Spieler, da passt Xizhe nicht so gut ins System. Aber seine Zeit wird kommen. Perrin hat ihn schon in höchsten Tönen gelobt.

"Für mich war das Tempo die größte Umstellung"

bundesliga.de: Sie sind 2002 in einem ähnlichen Alter nach Deutschland gewechselt. Wie waren ihre ersten Eindrücke?

Shao: Die Sprache war die größte Hürde. Glücklicherweise konnte ich schon ein bisschen Englisch sprechen, am Anfang war die Kommunikation mit den Kollegen trotzdem nicht einfach. Das erste Jahr war für mich ganz, ganz schwer.

bundesliga.de: Ist Xizhe in der Hinsicht gut vorbereitet?

Shao: Meines Wissens kann er schon ein bisschen Deutsch. Er hat in China mit dem Lernen angefangen, das wird ihm helfen.

bundesliga.de: Was aus Ihrer Heimat haben Sie in Deutschland am meisten vermisst?

Shao: Natürlich die Familie. Ansonsten hat später alles gepasst, auch das Essen. Ob chinesisch, italienisch oder deutsch, meiner Frau und meinen Kinder hat immer alles geschmeckt. Deswegen haben wir ja ganze neun Jahre in Deutschland gelebt... (lacht) Jetzt vermissen wir die guten Würstchen und das Brot. In Peking gehen wir sogar extra zu einer deutschen Bäckerei.

bundesliga.de: Und sportlich, inwiefern mussten Sie sich anpassen?

Shao: Für mich war das Tempo die größte Umstellung, schon im Training. Das Spiel ist sehr schnell in Deutschland. Das macht sich vor allem beim Umschalten von Defensive auf Offensive und umgekehrt bemerkbar.

"Bundesliga ist extrem beliebt in China"

bundesliga.de: Sind die Unterschiede im sportlichen Bereich der Hauptgrund dafür, dass alle anderen chinesischen Nationalspieler in der Heimat unter Vertrag sind?

Shao: Wir haben in der Breite momentan vielleicht nicht das ganz hochwertige Spielermaterial, aber es gibt bestimmt fünf junge Spieler, die das Zeug haben für die europäischen Topligen. Und es kommen einige nach.

bundesliga.de: Wie kann der VfL Wolfsburg Zhang bei seiner Eingewöhnung helfen?

Shao: Er muss alles dafür tun, dass Xizhe schnell Deutsch spricht, das ist A und O. Auch der Kontakt zu den Kollegen und zum Trainer ist wichtig. Sie sollten sich möglichst viel austauschen.

bundesliga.de: Der Club betreibt schon chinesische Social-Media-Kanäle, bringt bald eine chinesische Version seiner Webseite online. Wie populär ist der VfL in China?

Shao: Volkswagen ist sehr bekannt in China, alle kennen VW wegen der Autos, davon profitiert auch der Verein. Noch wird Wolfsburg zwar nicht besonders stark verfolgt, das wird sich mit dem Wechsel von Xizhe aber natürlich ändern.

bundesliga.de: Und wie stark ist das Interesse an der Bundesliga insgesamt?

Shao: Die Bundesliga ist extrem beliebt in China. An der Liga besteht ein riesiges Interesse.

Das Interview führte Felix Seaman-Höschele

Infografik: Chinesen in der Bundesliga