Köln - Er ist der ausländische Trainer mit der größten Bundesliga-Erfahrung. Huub Stevens, auf Schalke geehrt als "Jahrhunderttrainer", hat in der Bundesliga schon für fünf Clubs gearbeitet und verfolgt das Geschehen intensiv.

Im ersten Teil des großen Interviews mit bundesliga.de spricht der Niederländer über seine Karriere, den Aufschwung von Borussia Mönchengladbach und den Stellenwert der Bundesliga.

bundesliga.de: Herr Stevens, kaum ein ausländischer Trainer kennt die Bundesliga so gut wie Sie. Mit dem FC Schalke 04, Hertha BSC, dem 1. FC Köln, dem Hamburger SV und dem VfB Stuttgart haben Sie hier fünf Vereine trainiert...

Huub Stevens: Den 1. FC Köln habe ich in der 2. Bundesliga übernommen, das war eine neue Erfahrung für mich, hat aber auch sehr großen Spaß gemacht.

bundesliga.de: Wohl nicht zuletzt, weil Sie mit dem FC aufgestiegen sind. Schlägt Ihr Herz dennoch für Schalke 04 höher als für alle anderen Clubs?

Stevens: Ich habe auch an die anderen Clubs sehr schöne Erinnerungen. Etwa an die Hertha, zu der ich 2002 von Schalke wechselte und mit der ich im ersten Jahr, 2003, den 5. Platz erreichen konnte. In der Folge hatten wir aber großes Verletzungspech, vor allem der Ausfall von Marcelinho hat uns damals sehr getroffen. Vor allem aber hatten Dieter (Hoeneß, damals Manager von Hertha BSC, Anm. d. Red.) und ich die große Rivalität zwischen den Fans von Hertha und von Schalke ein wenig unterschätzt. Die Hertha-Fans haben mich immer als  ehemaligen Schalker wahrgenommen und daher nie ganz als ihren Trainer akzeptiert.

"Die Koffer eines Trainers sind immer gepackt"

bundesliga.de: In der Bundesliga sorgt gerade Borussia Mönchengladbach für Furore und bietet sogar dem FC Bayern München die Stirn. Wie bewerten Sie die Entwicklung der Fohlenelf?

Stevens: Dort ist man auf einem sehr guten Weg. Gegen die Bayern hat die Borussia gerade erst ein Super-Spiel gezeigt. Und Manager Max Eberl macht einen guten Job. Spieler wie Ibrahima Traoré oder Fabian Johnson ablösefrei zu verpflichten, das ist aller Ehren wert. Eberl hat Schritt für Schritt einen Top-Kader zusammengestellt, der es erlaubt, dass Trainer Lucien Favre ohne Qualitätsverlust rotieren lassen kann.

bundesliga.de: Rotation scheint heute fast Pflicht zu sein.

Stevens: Ja. Angesichts der vielen Spiele, die gerade die Top-Clubs absolvieren müssen, ist es nicht mehr möglich über einen längeren Zeitraum mit ein und derselben Elf zu spielen. Das mag zwei, drei, vielleicht auch noch vier Wochen funktionieren, aber dann ist Feierabend. Drei Spiele in der Woche hält auf Dauer keiner durch. Das wissen die Trainer. Ein Beispiel: Ich habe zu Saisonbeginn das Spiel Gladbach gegen Stuttgart gesehen, Ibrahima Traoré war der beste Mann auf dem Platz. Trotzdem spielt er längst nicht immer, weil die Konkurrenz bei Borussia so groß ist. Das müssen die Spieler allerdings auch akzeptieren.

bundesliga.de: Bei Borussia Mönchengladbach scheint Rotation ohne Unruhe zu funktionieren.

Stevens: Stimmt, aber leider ist das längst nicht immer so. Ich selbst musste mich bei PAOK Saloniki damit auseinandersetzen, dass einige Spieler trotz unseres Engagements in der Europa League die Notwendigkeit von Rotation nicht einsehen wollten. Die griechischen Spieler befürchteten, dass sie ihre Chancen auf die WM in Brasilien hätten einbüßen können, wenn sie nicht in jedem Spiel auf dem Platz gestanden hätten. Das war ein großes Problem, das nicht in den Griff zu bekommen war. Am Ende standen wir in der Tabelle zwar auf Platz zwei, allerdings 19 Punkte hinter Olympiakos Piräus. So hat die Vereinsführung entschieden, dass es besser ist sich zu trennen. Die Koffer eines Trainers sind eben immer fertig gepackt (lacht).

"Die Bundesliga ist die Nummer 1"

bundesliga.de: Können Sie sich vorstellen, noch einmal ein Auslandsabenteuer zu wagen, oder würden Sie lieber das halbe Dutzend in der Bundesliga vollmachen?

Stevens: Im Sommer hatte ich einige Angebote, unter anderem aus Asien. Aber ich habe mir gesagt "Huub, Griechenland war ein großes Abenteuer, eine tolle Erfahrung, aber dein Bedarf an Abenteuern ist nun gedeckt." Trotzdem gebe ich gerne zu, dass es nach zwei, drei Monaten zuhause wieder anfängt zu kribbeln. Ich lasse jetzt alles erst einmal auf mich zukommen. Und ich denke, dass ich gar nicht allzu lange warten muss.

bundesliga.de: Es ist recht wahrscheinlich, dass der Gewinn des UEFA-Pokals 1997 (Bild) Ihr größter Triumph bleiben wird. Dieses Jahr war eines der größten für den deutschen Clubfußball, weil Borussia Dortmund zudem die Champions League gewann. Trotzdem war die Bundesliga damals weit davon entfernt, die beste Liga der Welt zu sein. Ist sie es heute?

Stevens: Ich entsinne mich sehr gut an eine Szene bei Rudi Assauer im Büro, irgendwann Ende der 90er Jahre. Gerade als ich einen Moment lang aus dem Fenster schaute, startete eine der Jugendmannschaften einen längeren Trainingslauf. Ich glaube, dass die Jungs damals fast eine Stunde unterwegs waren. Da habe ich zu ihm gesagt: "Rudi, die Jungs sollten nicht nur laufen, das tun sie beim Fußball ohnehin. Die müssen mehr mit dem Ball und auch taktisch arbeiten." Wir haben das dann mit den Jugendtrainern besprochen und in der Folge wurde das auf Schalke umgesetzt.

bundesliga.de: Hat man in Deutschland damals noch zu sehr auf die berühmt-berüchtigten deutschen Tugenden gesetzt?

Stevens: Sagen wir es so: Mit seinem Förderprogramm für Talente und den Nachwuchsleistungszentren hat der DFB ab der Jahrtausendwende die entscheidenden Weichen für den heutigen Erfolg gestellt. Deshalb ist die Bundesliga heute die beste Liga der Welt, die Nummer 1, zu 100 Prozent. Wenn ich etwa die Spitzenspiele vom vergangenen Wochenende aus England, Manchester United gegen FC Chelsea, und aus Deutschland, Borussia Mönchengladbach gegen Bayern München, miteinander vergleiche, ist der einzige gemeinsame Nenner, dass beide Spiele unentschieden endeten. Die fußballerische Qualität aber war bei Gladbach gegen Bayern weitaus höher.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Lesen Sie am Donnerstag in Teil 2:
Stevens über die Entwicklung bei Schalke 04

Lesen Sie am Freitag in Teil 3:
Stevens über den Klassiker zwischen Bayern München und Borussia Dortmund