Hamburg - Vor der Imtech Arena steht der große bronzene Fußabdruck von HSV-Idol Uwe Seeler. Daneben, würde es nach den Fans des Hamburger SV gehen, wäre noch Platz für eine weitere Statue. Retter und HSV-Coach Bruno Labbadia könnte hier verewigt werden. Der 49-Jährige schaffte in nur sechs Wochen den mausetoten Bundesliga-Dino wieder zum Leben zu erwecken und ihn durch eine wahnwitzig spannende Relegation zu führen.

Auch im Rückspiel beim Karlsruher SC hatte Labbadia wieder ein glückliches Händchen. Alle seine drei Einwechselspieler waren am spielentscheidenen 2:1 beteiligt (Stieber, Cleber und Torschütze Müller). Einen Tag nach dem nervenaufreibenden Spiel in Karlsruhe stellte sich Labbadia zurück in Hamburg den Fragen der Journalisten.

Frage: Was für ein Gefühl hatten Sie vor dem Freistoß von Diaz?

Bruno Labbadia: "Ich wusste nicht genau, wer schießt. Rafael van der Vaart hatte vor dem Spiel das Gefühl, dass er mit einem Freistoß etwas reißen kann. Ich war überrascht als Diaz antrat und dann ist das schon eine Kühnheit oder wenn man will Frechheit von Marcelo, den so zu machen. Das Tor war sensationell."

Frage: Vor dem Freistoß wirkten Sie fast etwas resignierend. Hatten Sie wirklich noch an ein Happy End gedacht?

Labbadia: "Wir hatten vor dem Freistoß bereits gute Chancen ein Tor zu machen. Normalerweise rächt sich so etwas, wenn man die Dinger nicht reinmacht. Cleber muss ja schon kurz nach seiner Einwechslung den Ausgleich machen und auch Lasogga und Diekmeier hatten Riesenchancen. Dann denkst du scheiße, dass wird nichts mehr. Wir brauchten so eine Standardsituation."

Frage: Es klingt paradox, aber war das Gegentor von Yabo ein letzter Weckruf?

Labbadia: "Ich finde, wir haben in den letzten drei Spielen fußballerisch einen richtigen Schritt gemacht. In den letzten acht Spielen haben wir 13 Tore geschossen. Besonders spielerisch haben wir uns weiterentwickelt, dass hat man auch schon im Hinspiel gesehen. Wir wussten genau, wie der KSC spielen wird, dass er noch engmaschiger und noch defensiver agieren würde. Auch schon in der ersten Halbzeit haben wir ganz gut gespielt, nur waren wir zu selten im Strafraum. Das Gegentor war kein Weckruf. Wir haben immer an unsere Chancen geglaubt."

Frage: Noch spannender hätte es kaum sein können, außer es wäre noch zum Elfmeterschießen gekommen…

Labbadia: "Elfmeterschießen haben wir am Montagmorgen noch geübt. Ich war aber froh, dass es nicht dazu gekommen ist."

"Sechs Wochen wie eine ganze Saison"

Frage: Nach dem Spiel herzten Sie ihren Chef Dietmar Beiersdorfer während eines laufenden Interview. War das eine überlegte Aktion?

Labbadia: "Ich habe Didi da mit dem Mikrofon stehen sehen und hatte das Gefühl dazwischen grätschen zu müssen. Ich weiß, wie viel Druck Didi in den letzten Wochen auf den Schultern lag. Ich habe diesen Druck nur sechs Wochen mitmachen müssen, Didi aber die ganze Saison."

Frage: Waren das die aufregendsten Wochen ihres Lebens?

Labbadia: "Geballt mit Sicherheit. Die letzten sechs Wochen waren wie eine ganze Saison. Von der Intensität her ist das nicht zu überbieten. Das ist ja das Wahnsinnige. Ich habe der Mannschaft vor dem Spiel zwei Dinge gesagt. Erstens: Egal wie das Spiel ausgeht, ich bin dankbar für diese intensive Zeit mit dem Team. Diese Situationen machen das Leben aus sind  mit nichts zu vergleichen. Zweitens: Ich bin stolz auf die Mannschaft, wie sie die letzten zwei Wochen gearbeitet hat. Das Team hat mit Hingabe und Power diese besondere Kraft entwickelt. Was wir erreicht haben, ging nur über Emotionen und Leidenschaft. Fußball ist nicht immer nur Taktik, auch Emotionen und Teamgeist spielen eine große Rolle."

Frage: Sie haben im April eine wahres Himmelfahrtskommando übernommen. Waren Sie sich total sicher, dass es die richtig Entscheidung ist noch einmal zurückzukehren?

Labbadia: "Wenn sie meine Kinder fragen, sicherlich nicht. Meine Kinder waren nicht erfreut über meine Entscheidung, dass hatte auch mit dem Abgang von damals beim HSV zu tun. Mein Sohn ist hier zu Schule gegangen und meine Tochter hat in Hamburg studiert. Beide haben erst einmal ablehnend reagiert. Meine Frau hat aber sofort gespürt, dass ich das noch einmal machen muss."

"Jeder Einzelne ist wichtig"

Frage: Wie haben Sie es geschafft, dass Team wieder aufzurichten. Haben Sie es an der Ehre gepackt?

Labbadia: "Die Spieler haben sich selbst an der Ehre gepackt. Wir, das Trainerteam, haben ihnen verdeutlicht, dass jeder Einzelne wichtig ist. Jeder ist mitverantwortlich, ob wir es noch schaffen oder nicht. Das haben sie verinnerlicht. Das Spiel hat es gestern doch gezeigt, denn Spieler wie Cleber und Müller, die wir nie aufgegeben haben, war an den spielentscheidenen Szenen beteiligt. Davor waren es Kacar oder auch Ilicevic, die uns geholfen haben. Solches Glück brauchst du im Abstiegskampf. Geschlossenheit, das war der Schlüssel zum Erfolg."

Frage: Sie haben immer wieder davon gesprochen, dass Sie sich im HSV-Tunnel befinden. Sind sie jetzt raus aus dem Tunnel und können entspannen?

Labbadia: "Ja, ich bin raus. Ich lebe wieder. Ich habe zum Glück eine Familie, die diese Situation kennt und mich in Ruhe lässt. Jetzt wird gelebt. Aber die nächsten fünf, sechs Tage müssen wir das aufholen, was wir an Zeit hinter den anderen Teams hinterher hängen. Der ein oder andere potenzielle Neuzugang ist auch schon abgesprungen, weil er nicht so lange warten wollte. Das ist für mich jetzt erst einmal eine Lappalie. Wir sind entspannt und werden uns nicht hetzen lassen und nach besten Wissen und Gewissen entschieden, wie es für den einen oder anderen Spieler weitergeht. Wir setzen uns in Ruhe zusammen. Peter Knäbel hat hintenrum immer eine Planung verfolgt und hat mich nur mit dem Nötigsten versorgt. Er hat mir den Rücken freigehalten, damit ich mich fokussieren konnte." 

Frage: Die Nacht war sicherlich sehr kurz. Sie haben noch im Hamburger Schanzenviertel ausgiebig in Erikas Eck gefeiert. Wie waren die Feierlichkeiten?

Labbadia: "Ich war zum ersten Mal in der Kneipe und hoffentlich nicht zum letzten Mal. Es gibt in der Zukunft hoffentlich wieder mal Grund beim HSV zu feiern. Viele der Fans waren heute Nacht auch mit dabei. Es gab Deftiges zu essen, das hatten wir uns auch verdient."

Aufgezeichnet von Alexander Barklage