Mönchengladbach - Andre Schubert hat Borussia Mönchengladbach zurück in die Erfolgsspur geführt. Drei Liga-Siege in Folge lassen den miserablen Start in die Saison allmählich vergessen. Im großen Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Schubert über die Gründe für die frühe Krise, über seine Soforthilfe-Maßnahmen und über seinen neuen Kapitän Granit Xhaka.

bundesliga.de: Herr Schubert, würden Sie zustimmen, dass Fußball bisweilen ein Mysterium sein kann...

Andre Schubert: Wie meinen Sie das?

bundesliga.de: ...oder können Sie erklären, warum eine Mannschaft nach einer herausragenden Saison die neue Spielzeit statt mit breiter Brust so verängstigt angeht, dass der bisherige Erfolgstrainer sich veranlasst sieht zurückzutreten?

Schubert: Ich denke, dass das relativ leicht zu erklären ist - auch wenn ich in den ersten Wochen selbstverständlich nicht so nah dran war an der Mannschaft. Aber Fußball ist ein verhältnismäßig einfacher Sport. Nach der Auftaktniederlage in Dortmund muss man das zweite Spiel, zuhause gegen Mainz, aufgrund der vielen Chancen eigentlich gewinnen. Stattdessen aber verliert man diese Partie und setzt so allmählich eine Entwicklung in Gang, die man plötzlich nicht mehr bremsen kann.

"Das Umschaltverhalten war nicht gut"

bundesliga.de: Dass dieselbe Mannschaft nach sechs Pflichtspiel-Niederlagen und nur 72 Stunden nach dem Rücktritt von Lucien Favre plötzlich wieder begeisternden Fußball zeigt, scheint doch wie ein Fußball-Märchen...

Schubert: Wir haben umgehend die Probleme im Spiel der Mannschaft analysiert. Zuletzt war unser Spiel eher defensiv und damit auch passiver ausgerichtet. Das Umschaltverhalten war nicht gut. In dem Moment, in dem man den Ball gewonnen hat, hat man nicht den schnellstmöglichen Weg zum Tor gesucht, sondern ist stattdessen in ein Ballbesitzspiel übergegangen. In den vergangenen Jahren hat das sehr gut funktioniert, in dieser Saison aber leider nicht mehr.

bundesliga.de: Das erklärt die handfeste Krise zu Beginn aber nur unzureichend...

Schubert: Ein Grund war fraglos, dass der Mannschaft durch die Abgänge bzw. die Verletzungen von Max Kruse als hängende Spitze, von Christoph Kramer im Zentrum und von Martin Stranzl in der Abwehr eine komplette Achse weggebrochen ist. Das mag zwar nicht allein ausschlaggebend gewesen sein, taugt aber im Gesamtmix, etwa mit ausbleibenden, positiven Ergebnissen - das macht natürlich nicht gerade selbstbewusster, sondern führt zu immer größeren Zweifeln - als Erklärung.

bundesliga.de: Waren Sie von Favres Rücktritt überrascht, oder haben Sie im Laufe der ersten Wochen eine solche Entwicklung kommen sehen?

Schubert: Nein. Ich war total überrascht. An jenem Sonntag war ich zu Besuch bei meiner Mutter in Kassel und wollte eigentlich erst am Montagmorgen nach Gladbach zurückfahren. Da aufgrund der Entwicklung für den Montagmorgen aber bereits eine gemeinsame Sitzung anberaumt war, habe ich mich noch am Sonntagabend auf den Weg gemacht. Und nach der Sitzung, am Montagmittag, hat mich der Verein gefragt, ob ich einspringen möchte.

"Mein erster Anruf galt unserem Video-Analysten"

bundesliga.de: Haben Sie sofort zugesagt?

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Schubert: Ich bin Angestellter des Vereins. Deshalb war es für mich überhaupt keine Frage umgehend zuzusagen. Wenn man die U23-Mannschaft eines Profivereins trainiert, muss man damit rechnen, dass irgendwann eine solche Situation eintreten kann - ich habe das in Paderborn schon einmal erlebt - so dass in aller Regel der Co- oder der U23-Trainer erster Ansprechpartner des Vereins ist. Im Übrigen kann ich auf mehr als 100 Zweitliga-Spiele als Trainer zurückblicken und traue mir selbstverständlich zu, auch auf diesem sehr hohen Niveau mit Fußballern erfolgreich zu arbeiten.

bundesliga.de: Wie sehen die ersten Schritte aus, wenn man völlig überraschend eine verunsicherte Elf übernimmt, bis zum nächsten Spiel aber nur etwas mehr als 48 Stunden bleiben?

Schubert: In dieser Situation geht es darum, so schnell wie möglich so viele Informationen wie möglich einzuholen. Deshalb galt mein erster Anruf am Montagmittag unserem Video-Analysten, der mir umgehend von allen Spielern Analysen und die Auswertung der vergangenen vier Spiele erstellt hat. Dann habe ich die Mitglieder des Mannschaftsrates angerufen - die Mannschaft hatte an diesem Montag frei - und die Mannschaft für den späten Nachmittag zu einem ersten Gespräch gebeten. Unmittelbar vor dieser Runde habe ich mich noch mit dem Trainerteam, mit Sportdirektor Max Eberl und mit Teammanager Steffen Korell besprochen.

bundesliga.de: Damit war mehr als ein halber Tag bereits um...

Schubert: Genau. Deshalb habe ich mir am Montagabend überlegt wie ich welche Problematiken innerhalb von nur anderthalb Tagen lösen kann, ohne die Spieler völlig durcheinander zubringen. Das ist ein schmaler Grat. Einerseits musst du bestimmte Dinge ändern, andererseits kann man in so kurzer Zeit die Spielidee nicht umstellen. Das macht nur Sinn, wenn man eine sechswöchige Vorbereitung hat. So aber hat meine eigene Spielidee zunächst einmal überhaupt keine Rolle gespielt.

"Xhaka ist ein typischer aggressiver Leader"

bundesliga.de: Was haben Sie dennoch verändert?

Schubert: Die Frage war einzig und allein, wie die Mannschaft in der Kürze der Zeit mehr Sicherheit gewinnen kann. Für uns war klar, dass wir wieder aggressiver spielen müssen, egal wo wir auf dem Platz attackieren, ob das nun im vorderen Bereich ist oder ob wir uns etwas weiter zurückziehen. Das ist der erste Punkt. Der zweite betrifft das Umschaltspiel nach Ballgewinn.

Der erste Blick muss nach vorne gehen. Hier garantiert die Qualität der Spieler, dass sie erkennen, ob die Situation günstig oder ob die Chance eher gering ist ein Tor erzielen zu können. Im zweiten Fall setzen wir auf Ballbesitz und bespielen den Gegner zunächst einmal. Deshalb haben wir das Training so gestaltet, dass die Jungs auf sehr engen Raum spielen mussten, wo hohe Handlungsfähigkeit gefragt ist. Und drittens haben wir psychologisch gearbeitet und den Spielern per Videoanalyse vermittelt, über welch große Qualitäten sie noch immer verfügen.

bundesliga.de: Unter diesen Punkt fällt auch die Entscheidung Granit Xhaka zum Interimskapitän zu machen. Eine Entscheidung, die umgehend Früchte getragen und Xhaka zu zwei Kopfballtreffern in zwei aufeinanderfolgenden Spielen beflügelt hat, war das eine Momententscheidung?

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Schubert: Ich möchte nicht zu viel in diese Entscheidung hinein interpretieren. Mit Martin Stranzl fehlte der Kapitän, mit Tony Jantschke auch der Vize-Kapitän. Und eine weitere Reihenfolge bezüglich des Kapitänsamtes gibt es bei uns nicht. Deshalb war für mich relativ klar, dass in dieser Situation nur Granit infrage kommt. Er ist derjenige, der Verantwortung tragen kann, ein typischer aggressiver Leader. Auch Granit macht nicht immer alles richtig. Aber er stellt sich diesen Situationen und knickt nicht ein, wenn er einen Fehler macht. Das ist eine gute Voraussetzung für einen Kapitän. Ich habe ihm gesagt "Du hast hervorragende Anlagen, aber jetzt musst du einen weiteren Schritt in deiner Karriere machen. Du musst verstehen, dass Verantwortung tragen auch bedeutet Kontrolle zu bewahren, nicht zu emotional zu agieren und die Mitspieler zu führen." Das hat er sehr gerne angenommen und mit großem Stolz umgesetzt.

bundesliga.de: Etwa mit seinem Treffer gegen Augsburg: Haben Sie in den ersten 20, 25 Minuten dieser Partie geglaubt zu träumen?

Schubert: Nein. Von den 48 Stunden, die uns vor diesem Spiel zur Verfügung standen, haben wir wahrscheinlich 40 sehr hart gearbeitet, so dass wir mit großem Mut in diese Partie gegangen sind. Selbstverständlich habe ich mich extrem gefreut, dass wir von der ersten Minute an die Richtung vorgegeben, Druck ausgeübt und uns sehr viele Torchancen erarbeitet haben. Das frühe Tor (Fabian Johnson, 5. min; d. Red.) hat uns dabei natürlich sehr geholfen.

 Das Gespräch führte Andreas Kötter

Der zweite Teil des Interviews folgt am Donnerstag