Hannover - Hannover 96 ist seit zehn Spielen sieglos, in der Tabelle geht es kontinuierlich bergab - nach 26 Spieltagen trennen die Niedersachsen nur noch drei Punkte von den Abstiegsplätzen. Dennoch hält Präsident Martin Kind an Trainer Tayfun Korkut fest.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Kind über die Gründe für sein Vertrauen in den Trainer, über die Entscheidung von Kapitän Lars Stindl den Club am Saisonende zu verlassen und darüber, was ein möglicher Abstieg für 96 bedeuten würde.

"Ein hoch qualifizierter und engagierter Trainer"

bundesliga.de: Herr Kind, einige Medien zeigten sich überrascht, dass Tayfun Korkut auch im Auswärtsspiel bei Eintracht Frankfurt auf der Trainerbank sitzen wird. Stand trotz einer Serie von zehn sieglosen Spielen ein Wechsel für Sie nie zur Debatte?

Martin Kind: Nein, daran habe ich bisher wirklich nicht gedacht. Aber lassen Sie mich bitte kurz zurückblicken: Als wir Tayfun Korkut verpflichtet haben, haben wir uns ganz bewusst für einen Trainer mit Perspektive entschieden. Hannover 96 ist seine erste Trainerstation in der Bundesliga, und uns war immer klar, dass es auch Rückschläge geben würde. Entscheidend für uns ist, dass Herr Korkut ein hoch qualifizierter und unglaublich engagierter Trainer ist, der aus negativen Erlebnissen lernt und dies in eine positive Entwicklung umsetzen kann.

bundesliga.de: Bedeutet das, dass Korkut, den Sie auch menschlich sehr schätzen, besonderen Kredit bei Ihnen genießt?

Kind: Es ist richtig, dass ich Tayfun Korkut als Mensch sehr schätze. Nichtsdestotrotz muss ich zwischen dem Menschen und den Ergebnissen seiner Arbeit als Trainer unterscheiden. Entscheidend ist ausschließlich, dass Herr Korkut über die notwendige Qualität verfügt, und dass wir nach wie vor Herr der Entwicklung sind und den Klassenerhalt aus eigener Kraft sichern können. Dies umzusetzen, traue ich dem Trainer zu.

"Der aktuelle Trainermarkt ist überschaubar"

bundesliga.de: Wäre ein sinnvoller Wechsel überhaupt zu realisieren gewesen, sprich hätte der Markt so kurzfristig eine adäquate Lösung hergegeben?

Kind: Natürlich werden Empfehlungen an uns herangetragen, den Trainer in dieser Situation zu entlassen. Jeder, der eine solche Empfehlung ausspricht, muss aber eine Antwort haben, wer der Nachfolger sein soll - immer mit der großen Chance, das Ziel, den Klassenerhalt, so zu erreichen. Und ich stimme Ihnen zu - nach unserer Einschätzung ist der aktuelle Trainermarkt überschaubar.

bundesliga.de: Haben Sie neben den Gesprächen mit Korkut auch Gespräche der Mannschaft gesucht?

Kind:  Ja. Ich habe regelmäßig Kontakt mit Spielern beziehungsweise mit dem Mannschaftsrat.

"Abstellung von Nationalspielern ist Dauerthema"

bundesliga.de: Ideal verläuft die Vorbereitung auf Frankfurt nicht, eine Grippe-Welle und vor allem die Abstellungen von Hiroki Sakai und Hiroshi Kiyotake an die japanische Nationalmannschaft stören das Training, oder?

Kind: Gerade die Abstellung von Nationalspielern, die immer mit einem Verletzungsrisiko einhergeht, ist ein Dauerthema und passt insbesondere in einer kritischen Situation überhaupt nicht in die Planung. Aber wir kennen diese Mechanismen und haben keine andere Wahl, als uns darauf einzustellen.

bundesliga.de: Hätten Sie sich gewünscht, dass Kiyotake, der immer noch sehr wechselhafte Leistungen zeigt, auf diese Reise verzichtet?

Kind: Nein. Gerade angesichts der Denkkultur der Japaner wäre das sicherlich eine Überforderung für ihn gewesen. Wir akzeptieren, dass die Spieler ihre Verantwortung und ihre Pflicht annehmen, und machen das selbstverständlich nicht zu einem Diskussionspunkt.

"Lars Stindl ist ein starker Charakter"

bundesliga.de: Mit Lars Stindl verlässt am Saisonende ausgerechnet der Kapitän und die absolute Führungsfigur Hannover.

Kind: Auch hier möchte ich gerne zunächst einmal kurz zurückblicken: Lars Stindl hat uns über die Jahre viel Freude bereitet. Er hat sich als Spieler enorm weiterentwickelt und ist sehr wichtig als Sympathieträger wie auch als Mannschaftskapitän, der seiner Vorbildfunktion immer nachgekommen ist. Dass ein solcher Spieler dann für andere Clubs hochinteressant wird, versteht sich von selbst. Deshalb der Wechsel zu Borussia Mönchengladbach.

bundesliga.de: Was erwarten Sie jetzt von Stindl?

Kind: Lars Stindl ist ein starker Charakter, auf den man sich jederzeit verlassen kann. Er wird sich bis zum letzten Spiel voll bei Hannover 96 einbringen und seine Funktion als Mannschaftskapitän erfüllen.

bundesliga.de: Mit Manuel Schmiedebach soll ein weiterer wichtiger Spieler kurz der Vertragsverlängerung bis 2018 stehen. Befürchten Sie dennoch, dass weitere Leistungsträger Stindls Beispiel folgen könnten, weil 96 ihnen keinen internationalen Fußball bieten kann?

Kind: Selbstverständlich könnten nur die Spieler wechseln, die eine entsprechende Option in ihrem Vertrag haben. Das sind nur sehr wenige. Bisher gibt es auch keinerlei Signale, dass andere Spieler ähnliche Gedanken hegen wie Lars Stindl. Trotzdem steht außer Frage, dass manche Dinge für uns einfacher wären, wenn wir selbst auch international spielen würden.

"Weiterentwicklung ist nicht gelungen"

bundesliga.de: Leider bleibt stattdessen festzustellen, dass sich Hannover 96 in den vergangenen vier Jahren sukzessive entfernt hat von den internationalen Plätzen. Waren die eigenen Ansprüche zu hoch nach dem vierten Platz der Saison 2010/11?

Kind: Nein. Das glaube ich nicht. Die beiden Jahre mit der Teilnahme an der Europa League kamen unerwartet, und wir waren in unserer weiteren Leistungseinschätzung immer realistisch. Damals ist es der Mannschaft unter Mirko Slomka gelungen sehr erfolgreich Fußball zu spielen. Und selbstverständlich war diese Teilnahme für uns ungeheuer werthaltig. Aber wir wussten immer, dass wir das nicht überschätzen dürfen. Aus diesem Grunde haben wir unsere Transferstrategie verändert, immer mit dem Ziel Stabilität in die Entwicklungsprozesse zu bekommen und uns schrittweise weiterzuentwickeln. Im Ergebnis muss man aus heutiger Sicht sagen, dass uns das leider nicht gelungen ist.

bundesliga.de: Immer vorausgesetzt, dass die Klasse gehalten wird - müssen die Ansprüche für die kommenden Jahre ganz neu definiert werden?

Kind: Soweit denke ich noch nicht. Wir müssen uns jetzt ausschließlich darauf konzentrieren, den Klassenerhalt zu sichern. Danach aber ist eine ehrliche, umfassende und auch kritische Analyse aller Entscheidungen notwendig. Daraus abgeleitet, muss dann eine realistische Strategie für die Zukunft entwickelt werden.

"Wichtigstes Ziel bleibt der Klassenerhalt"

bundesliga.de: Sollte es wider Erwarten doch zum "worst case", dem Abstieg, kommen: Wie weit würde 96 das zurückwerfen nach 13 Jahren ununterbrochen in der Bundesliga?

Kind: Sportlich wurde uns das deutlich, ja dramatisch zurückwerfen. Das muss man ganz deutlich sagen. Wir haben andere Ziele definiert, befinden uns nun aber in der Gefahr abzusteigen. Das wäre eine Katastrophe! Alles andere zu behaupten, wäre nicht ehrlich. Wirtschaftlich allerdings könnten wir einen Abstieg problemfrei umsetzen.

bundesliga.de: Man könnte den direkten Wiederaufstieg angehen?

Kind: Das müsste in diesem Fall das Ziel sein. Unser erstes und jetzt wichtigstes Ziel aber bleibt der Klassenerhalt. Dafür müssen wir alle Kräfte bündeln.

bundesliga.de: Wie sehr stört es Sie da, dass sich viele Stimmen, wie 96-Legende Hans Siemensmeyer, mit Ratschlägen zu Wort melden und so weitere Unruhe in Kauf nehmen?

Kind: Mich persönlich stört das überhaupt nicht. Ich weiß, dass sich insbesondere in Krisen unglaublich viele Stimmen zu Wort melden und versuchen, Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen. Das respektiere ich. Aber eines muss klar sein: Entscheiden können immer nur die Verantwortlichen. Und diese Entscheidungen werden stets mit hoher Verantwortung getroffen.

Das Interview führte Andreas Kötter