München - Nach der WM ging es für die deutschen Nationalspieler fast nahtlos weiter. DFB-Pokal, Bundesliga und nun beginnt die Champions League.

bundesliga.de hat mit National-Torwart Manuel Neuer (28 / Bayern München) vor dem Auftakt in der Königsklasse gegen Manchester City über die Rückkehr in den Alltag und seine Rolle als „offensiver Torwart“ gesprochen.

bundesliga.de: Wie verliefen nach dem WM-Triumph die Rückkehr in den Alltag Bundesliga und die ersten Länderspiele?

Manuel Neuer:  Es ging schnell.

bundesliga.de: Viele sagen, es dauert, weil es ein intensives emotionales Ereignis zu verarbeiten gilt?

Neuer: Auf dem Platz hab ich keinen der Argentinier getroffen, der uns beim Testspiel auf dem Rasen gratuliert hätte, auch in der Bundesliga nicht. Dann hast du ein enges Spiel mit einem neuen Team gegen Schottland. Du merkst schnell, du bekommst nichts geschenkt, nur weil du mit dem Pokal nach Hause kamst. Die Botschaft, dass alles wieder bei null anfängt, hilft.

bundesliga.de: Mancher sagte, sie hätten durch ihre WM-Auftritte das Torwartspiel revolutioniert, weil sie oft außerhalb des Strafraumes eingriffen?

Neuer: (lacht) Das sehe ich nicht ganz so. Torwart bleibt Torwart. Und der muss sich dem Spiel seiner Mannschaft anpassen und ist kein Einzelsportler. Wenn die weit aufrückt, muss ich das auch tun. Das ist nicht meine Erfindung, ich ordne mich dem Spiel unseres Teams unter.

bundesliga.de: Der ehemalige Nationaltorwart Oliver Kahn hat ihr Spiel als „Harakiri“ bezeichnet?

Neuer: Ich muss viel riskieren, das stimmt. Aber nochmals, das ist keine Ein-Mann-Show, die da abläuft. Ich bin Teil der Mannschaft, ich gehöre wie der Stürmer ganz vorne zum Team. Ich gehe dabei im Sinne des Teams ein Risiko ein.

"Titel für die Mannschaft habe ich am liebsten"

bundesliga.de: Ist das Teil ihres Charakters, mal ein bisschen Risiko zu gehen oder anders gefragt, macht Ihnen Risiko Spaß?

Neuer: Natürlich ist das meine Spielweise, aber ich kann nicht zu den Vorderleuten sagen, jetzt richtet euch mal nach mir, weil ich das gerne spannend habe. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass ich da bin, wenn das unsere Taktik ist und sie weit aufrücken. Dahinter steckt vielleicht eine generelle Botschaft was die Torhüter angeht.

bundesliga.de: Jetzt sind wir gespannt.

Neuer: Nun die Botschaft heißt, Torhüter sind keine Einzelspieler mehr, die auf die eine Aktion warten, sondern Teamspieler. Ich jedenfalls sehe mich total als Teamspieler und habe diesen Helfer-Instinkt, der mich leitet: Was braucht das Team für sein Spiel?

bundesliga.de: Also Taktik bestimmt auch das Torwartspiel?

Neuer: Die Räume im Fußball werden immer enger. Zwischen der Viererkette hinten und den Stürmern kommst du über 40 Meter nicht mehr hinaus, wenn eine Mannschaft gut verschiebt. Dahinter kommst du.

bundesliga.de: Für Sie gab es eine Flut von Titeln dieses Jahr. Gibt es einen, auf den Sie sich am meisten gefreut haben?

Neuer: Die gibt es. Sie werden staunen.

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bundesliga.de: Überraschen Sie uns

Neuer: Es sind immer die Titel für die Mannschaft, die ich am liebsten habe. Und das, obwohl ich auch die Einzel-Auszeichnungen als Titel für die Mannschaft sehe. Ich freue mich über den DFB-Pokal mehr als über den "Fußballer des Jahres“.

bundesliga.de: Stichwort Pokal, welche Ziele hat der FC Bayern diese Saison?

Neuer: Meisterschaft und DFB-Pokal, das sind die Basics - ich war jetzt vier Jahre in Folge im Pokalfinale. Und dieses Jahr haben wir gleich zweimal die Chance in einem Endspiel in Berlin zu stehen.

bundesliga.de: Sie meinen das Champions League-Finale?

Neuer: Das wünscht sich jeder, am Ende im Finale in Berlin zu stehen.

bundesliga.de: Wer sind denn die hauptsächlichen Konkurrenten in dieser Champions League Saison?

Neuer: Eines lernst du in der Champions League schnell: Unterschätze nie einen Gegner, egal wen. Dieses Jahr ist es gut, dass wir große Namen in der Gruppe haben. Das war auch bei der WM so. Wenn du bei einer WM gegen Portugal anfängst, geht es quasi mit einem Finale los. In der Königsklasse spielen wir jetzt gegen Manchester City, danach wird es gegen Moskau und Rom auch nicht einfacher.

Die Treppen in Rio leicht erklommen

bundesliga.de: Wie groß ist denn die Lust in dieser Saison wieder gegen Real Madrid zu spielen?

Neuer: Zuerst einmal freue ich mich Sami Khedira und Toni Kroos wieder zu sehen. Das Wichtigste wird für uns ja sein, die schwere Gruppe zu überstehen und möglichst Erster zu werden. Dann kann man beobachten, was die anderen Mannschaften so machen und wo sie stehen.

bundesliga.de: Wie groß ist denn die Lust wieder ein Elfmeterschießen gegen Chelsea zu haben?

Neuer: Als ich in Rio die Treppen hoch gegangen bin, habe ich gemerkt wie einfach diese Schritte sein können, wenn du gewonnen hast. Als wir gegen Chelsea verloren haben, war das ein bitterer Gang. Kopf und Beine fühlen sich bleischwer an.

bundesliga.de: Im Vergleich zur letzten Saison: Gibt es große Veränderungen taktischer Natur bei Bayern München, Stichwort Dreierkette?

Neuer: Wir haben schon mit Dreierkette gespielt und sind da flexibel. Das Wichtigste ist, bevor wir über Systeme reden, dass die verletzten Spieler zurückkommen. Ich meine damit nicht nur Javier Martinez, sondern auch Bastian Schweinsteiger. Es ist wichtig, dass Franck Ribery und Arjen Robben in ihren Rhythmus kommen, dass Thiago wieder kommt. Wenn die Mannschaft komplett ist, ist es egal, welches System wir spielen. 

Das Gespräch führte Oliver Trust