Köln - Mit dem SV Werder Bremen wurde er Deutscher Meister, mit Borussia Dortmund ebenfalls Meister und zusätzlich Champions-League-Sieger. Karl-Heinz Riedle freut sich im Interview mit bundesliga.de, dass es mit seinen Ex-Vereinen aktuell wieder aufwärts geht. Doch der Weltmeister von 1990 warnt, dass beide Vereine noch nicht über den Berg sind.

bundesliga.de: Herr Riedle, bei Borussia Dortmund gab es in den letzten Tagen gute Neuigkeiten. Erst hat die Mannschaft in Freiburg 3:0 gewonnen, dann Marco Reus seinen Vertrag verlängert. Ist wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen?

Karl-Heinz Riedle: Das hoffe ich. Ich war beim Spiel in Freiburg vor Ort und habe gesehen, dass die Spieler begriffen haben, worum es geht. Sie haben unter diesen Voraussetzungen ein richtig gutes Spiel gemacht. Mit der Vertragsverlängerung hat Marco Reus ein Zeichen gesetzt. Das sollte Motivation sein, dass alle noch eine Schippe drauflegen. Ich hoffe, dass die Borussia das Spiel gegen Mainz gewinnen kann. Dann wäre zwar noch nicht das Gröbste überstanden, denn es wird immer noch ein Kampf bis zum Schluss. Aber man wäre erst einmal aus diesem Tal heraus.

"Im Moment sind sie nicht so stabil"

bundesliga.de: Jürgen Klopp hatte von der Mannschaft auch gefordert, dass sie wieder mehr Fußball spielen soll, als nur zu kämpfen. Haben Sie da in Freiburg Fortschritte gesehen?

Riedle: Auf jeden Fall. Die Bedingungen waren in Freiburg aber auch nicht so einfach. Der Platz war sehr holprig, so dass es schwer war, ein richtig gutes Kombinationsspiel aufzuziehen. Aber sie haben es gut gemacht. Natürlich haben sie gegenüber früher immer noch mit etwas mehr hohen Bällen gearbeitet, aber das ist im Moment absolut normal. Die Borussia hat den Vorteil, dass sie vorne Pierre-Emerick Aubameyang als Abnehmer hat und sie die Bälle vorne in die Kanäle spielen konnten. Das hat dem Spiel gut getan.

bundesliga.de: Ist es der richtige Ansatz, verstärkt auf die spielerische Linie zu setzen?

Riedle: Es muss ein Mix sein. Nur mit spielerischen Mitteln wird es auch nicht funktionieren. Genauso wenig wie nur mit langen Bällen. Ich glaube, Jürgen Klopp hat in der Situation die richtigen Worte und auch die richtige Taktik gefunden.

bundesliga.de: Sie haben den nächsten Gegner Mainz bereits angesprochen. Danach folgen die Spiele in Stuttgart, das Derby gegen Schalke, die Partie in Hamburg und dann das Heimspiel gegen Köln. In vier der fünf Partien geht es gegen direkte Konkurrenten. Ist das die vielleicht schon vorentscheidende Phase, in der sich der BVB unten absetzen kann?

Riedle: Man muss punkten und sollte nicht zu weit nach vorne schauen, sondern von Spiel zu Spiel denken. Sie müssen versuchen, die Leistung des Freiburg-Spiels zu konservieren und sich zu stabilisieren. Borussia kann eh, wenn sie wieder in Tritt kommt, jeden Gegner schlagen. Aber im Moment sind sie nicht so stabil, wie sie es mal waren. Deshalb macht es keinen Sinn, weit nach vorne zu schauen. Sie müssen weiter Spiele gewinnen.

"Klopp hat einen Topjob gemacht"

bundesliga.de: Könnte die Vertragsverlängerung auf Marco Reus wie eine Befreiung wirken, weil er sich jetzt ganz auf den Sport konzentrieren kann und Klarheit herrscht?

Riedle: Was heißt Befreiung? Er wurde im vorletzten Spiel kritisiert. Aber das lag auch an der Spielweise, wie sie beispielsweise in Leverkusen gespielt haben. Das war nicht sein Spiel. Er ist ein Filigrantechniker, der die kurzen Zwischenräume sucht. Und wenn die Bälle dann permanent über ihn rüber fliegen, dann ist es nicht ganz so einfach. Trotz alledem wird die Entscheidung ihn auch etwas befreit haben.

bundesliga.de: Welchen Eindruck macht Jürgen Klopp momentan auf Sie? Hat er alles im Griff?

Riedle: Absolut. Er hat jetzt viel in letzter Zeit abbekommen, es war eine sehr schwierige Situation für ihn. Natürlich kann er nicht locker und flockig durch die Gegend laufen, wie er es vielleicht vorher gemacht hat. Ich finde, er hat die ganze Situation sensationell gut gehandhabt, auch wenn er nicht so der fröhliche Typ ist wie vorher. Aber das ist völlig normal. Er hat einen Topjob gemacht.

"Werder ist noch nicht über den Berg"

bundesliga.de: Abschließend noch ein kleiner Schwenk zu Ihrem anderen Ex-Verein, zu Werder Bremen. Wie überrascht sind Sie über die Entwicklung an der Weser und den aktuellen Siegeszug von Werder nach dem Trainerwechsel vom Herbst?

Riedle: Das war für mich eine Riesenüberraschung. Viktor Skripnik hat einen tollen Weg mit der Mannschaft eingeschlagen, gerade auch mit den vielen jungen Spielern wie Davie Selke. Die Mannschaft spielt gut, sie hat wieder Selbstvertrauen. Das ganze Trainerteam hat ein großartigen Job gemacht.

bundesliga.de: Ist Werder damit schon fast über dem Berg?

Riedle: Nein, das denke ich nicht. Es wird im Abstiegskampf heuer total interessant und spannend. Es kann sein, dass noch ein Verein reinrutscht, der jetzt gar nicht damit rechnet. Deshalb muss jeder schauen, dass er seine Punkte holt. Werder ist mit Sicherheit noch nicht über den Berg, Borussia Dortmund auch nicht.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski

Video: Was macht eigentlich Karl-Heinz Riedle?