Gelsenkirchen - Besonders den Top-Teams der Bundesliga stehen aufregende, weil englische Wochen bevor, so auch dem FC Schalke 04. Im Interview mit bundesliga.de spricht Trainer Jens Keller über die große Belastung für Spieler und Trainer, über die Verletzungssorgen bei Schalke und darüber, wie das Training in dieser Zeit den Gegebenheiten angepasst werden muss.

bundesliga.de: Herr Keller, Sie stehen vor drei Wochen mit fünf Spielen in der Bundesliga und zwei in der Champions League. Für die Spieler ist das eine enorme körperliche und wohl auch mentale Belastung; wie verkraftet ein Trainer solche Wochen?

Jens Keller: Glauben Sie mir, für einen Trainer ist das ebenso anstrengend (lacht). Die körperliche Belastung ist natürlich geringer als bei den Spielern. Aber die mentale Belastung ist enorm. Innerhalb von zwei, drei Tagen muss man die Mannschaft immer wieder auf eine neue Aufgabe, auf einen neuen Gegner einstellen. Es gibt immer wieder Besprechungen und neue taktische Anweisungen, die umgesetzt werden sollen. Und dieser Prozess kostet sehr viel Energie.

"Wissen, dass es in zwei, drei Tagen weitergeht"

bundesliga.de: Spüren Sie das, wenn Sie abends nach Hause kommen?

Keller: Allerdings. Ich bin nach jedem Spiel richtig platt, ganz so als hätte ich selbst auf dem Rasen gestanden. Erst nach und nach fällt die Anspannung allmählich von einem ab. Wobei immer das Wissen im Hinterkopf ist, dass es in zwei, drei Tagen schon wieder weitergeht.

bundesliga.de: Wie schwierig ist es, in dieser Zeit die passende Trainingsintensität zu finden?

Keller: Genau genommen befinden wir uns während dieser englischen Wochen fast ausschließlich im Regenerationsmodus. Wenn man alle drei Tage spielen muss, spricht man im Training eher taktische Dinge an, etwa in Bezug auf den kommenden Gegner. Eine hohe Trainingsintensität wie im normalen Samstag-Samstag-Rhythmus ist dann einfach nicht möglich.

bundesliga.de: Erschwert wird die Situation noch, wenn immer wieder Spieler fehlen, sei es wegen Verletzungen oder durch Abstellungen zu den verschiedenen Nationalmannschaften ...

Keller: Genau das ist das große Problem! Man hat am Abend vorher eine Idee, wie und was man am nächsten Tag trainieren lassen möchte. Dann stehen am nächsten Morgen - wie am letzten Mittwoch - statt 18 bloß noch 13 Spieler auf dem Platz, so dass man die Planung komplett umstellen muss. Logisch, dass das die Arbeit zusätzlich erschwert.

"Belastung in dieser Saison noch nicht so hoch"

bundesliga.de: Haben Sie überhaupt noch einen Überblick, wie viele Spieler Ihnen aktuell aufgrund von Verletzungen fehlen?

Keller:  Es sind acht Spieler, auf die wir zurzeit verzichten müssen.

bundesliga.de: Große Verletzungssorgen hatte Schalke schon im vergangenen Jahr; ist das eine Folge der zunehmenden Belastungen?

Keller: Bisher war die Belastung in dieser Saison noch nicht ganz so hoch ...

bundesliga.de: Mag sein, wenn man aber das größere Bild nimmt, dann sind es gerade die Clubs, die seit Jahren international spielen und zudem Spieler für die Nationalteams abstellen, wie der FC Bayern München, Borussia Dortmund oder Schalke, die viele Verletzte zu beklagen haben ...

Keller: Da ist sicherlich etwas dran. Ich habe z. B. gelesen, dass sich "Kuba" (Jakub Blaszczykowski, Borussia Dortmund; d. Red.) nach seinem gerade ausgeheilten Kreuzbandriss aus der vergangenen Saison schon wieder verletzt hat. Und auch bei uns sind aktuell viele verletzt, die schon in der vergangenen Saison lange ausgefallen waren. Zudem hatten viele Topspieler wegen der WM kaum Urlaub, so dass zu der körperlichen auch noch die mentale Belastung kommt. All das darf aber nicht als Ausrede gelten. Wir haben definitiv zu viele Verletzte und sind deshalb ständig auf der Suche nach Ansatzpunkten, ob es sich nun um die Trainingsintensität, um die Regeneration oder um Behandlungsformen handelt. Trotzdem gibt es immer wieder Rückschläge zu beklagen.

"70 oder 80 Prozent im Training reichen nicht"

bundesliga.de: Stichwort "Trainingsintensität": Ermahnt man in einer solchen Situation die Spieler im Training mit angezogener Handbremse zur Sache zu gehen, um nicht demnächst ganz allein auf dem Trainingsplatz zu stehen?

Keller: Nein, auf gar keinen Fall!. Die Mannschaft muss so trainieren, wie sie auch spielen soll. 70 oder 80 Prozent im Training reichen nicht, wenn es im Spiel 100 Prozent sein müssen. Selbstverständlich achten wir aber darauf, die Belastung nicht zu hoch anzusetzen.

bundesliga.de: Die beiden wohl wichtigsten Spiele der kommenden Wochen bestreitet Schalke gegen Dortmund und gegen Chelsea. Für die Fans ist sicher das Derby gegen den BVB bedeutender, ist aber für den Trainer das Match gegen Chelsea, eines der besten Teams Europas, prickelnder?

Keller: Nein. Wer das Derby gegen den BVB und sein ganz besonderes Flair schon miterlebt hat, der weiß, dass dieses Spiel unvergleichlich ist. Schalke gegen Dortmund, das ist das Derby der Derbys in Deutschland, darüber kommt nichts anderes. Dennoch ist auch das Spiel gegen Chelsea etwas ganz Besonderes. Und wir alle freuen uns sehr darauf.

Das Gespräch führte Andreas Kötter