Hamburg - Jubiläumsspiel in München. Zum 100. Mal treffen die Traditionsvereine Hamburger SV und Bayern München in der Liga aufeinander. Die Bilanz spricht eindeutig für die Süddeutschen. 58 Mal verließ der Rekordmeister als Sieger den Platz, der HSV gerade 19 Mal, 22 Mal teilten sie sich die Punkte (Torverhältnis 216:100).

Das war mal anders. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre ging es im Nord-Süd-Gipfel jahrelang zwischen den beiden Mannschaften um den Titel. Seither trennen die Clubs Welten. Die HSV-Fans warten seit 1987 auf einen Titel, in dieser Zeit wurde der große Rivale aus München 14 Mal Meister, neun Mal Pokalsieger und gewann zweimal die Champions League.

Im Gespräch mit bundesliga.de erinnert sich Horst Hrubesch an die Zeiten, als Duelle zwischen seinem HSV und den Bayern noch auf Augenhöhe stattfanden und was die Hanseaten am Samstag aufs Feld bringen müssen, um Punkte mit an die Elbe zu bringen.

"Bayern aktuell nicht in Top-Verfassung"

bundesliga.de: Herr Hrubesch, am Samstag treffen der FC Bayern München und der Hamburger SV zum 100. Mal in der Bundesliga aufeinander. Von einem Nord-Süd-Gipfel wie zu Ihrer Zeit kann man schon lange nicht mehr reden. Wie würden Sie die Partie einordnen?

Horst Hrubesch: Natürlich ist der FC Bayern in der jetzigen Situation klarer Favorit. Aber ich denke, dass diese Partie trotzdem Brisanz hat. Es immer noch etwas Besonderes, wenn der HSV gegen den FC Bayern spielt.

bundesliga.de: Mit einem 0:0 wie im Hinspiel wären die Hamburger wohl zufrieden. Besteht dafür bei der Stärke der Bayern überhaupt eine Chance?

Hrubesch: Im Fußball ist alles möglich. Beim HSV wird man sich damit beschäftigen müssen, wie sie ihr Spiel durchdrücken können. Außerdem haben die vergangenen Spieltage gezeigt, dass die Bayern aktuell nicht in Top-Verfassung sind. Mit einer konsequenten Chancenauswertung und das nötige Quäntchen Glück kann der HSV die Bayern ärgern. Warum nicht?

"Diese Spiele waren immer große Highlights"

bundesliga.de: Die Bilanz spricht deutlich für die Bayern. Das war zu Ihrer Zeit anders. Von zehn Spielen, die Sie gegen die Bayern um Punkte gespielt haben, hat der HSV nur zwei verloren. Erinnern Sie sich an ein Spiel besonders gern?

Hrubesch: Diese Spiele waren immer große Highlights. Besonders gerne erinnere ich mich natürlich an das 4:3 in München - nach einem 1:3 Rückstand (29. Spieltag 1981/22, Hrubesch erzielte zwei Treffer; die Red.). In diesem Spiel haben wir dann auch die Meisterschaft klargemacht.

bundesliga.de: Der HSV befindet sich jetzt schon seit ein paar Jahren jede Saison im Abstiegskampf, rettete sich im Vorjahr erst in der Relegation. Wird es ähnlich eng wie in der vergangenen Saison?

Hrubesch: Ich warne davor, nach zwei Siegen zu glauben, man habe schon etwas erreicht. Ich kann mich auch gut an die vorherige Saison erinnern, wo man gegen Leverkusen und Dortmund gewonnen hatte und  glaubte, dass plötzlich alles wieder gut sei. 26 Punkte wie im Vorjahr werden auf keinen Fall reichen. In dieser Saison braucht man 36, 37 Punkte für den Klassenerhalt. Das ist noch ein langer Weg. Aber mit der momentanen Einstellung und dem Willen, den die Mannschaft jetzt zeigt, muss der HSV in der Lage sein den Klassenerhalt vor der Relegation zu sichern.

bundesliga.de: Seit 1987 im DFB-Pokal warten die Fans des HSV auf einen Titel. Die Bayern sind in der Zeit 14 Mal Meister, neun Mal Pokalsieger geworden und konnten zwei Mal die Champions League gewinnen. Wie konnte die Schere so weit auseinander klaffen?

Hrubesch: Man muss den Bayern gratulieren, dass sie es seit ihrem Bundesliga-Aufstieg 1965 immer geschafft haben, ganz oben mitzuspielen. Sie haben das geschafft, weil sie an der Spitze immer auch die richtigen Persönlichkeiten hatten: von Robert Schwan oder Wilhelm Neudecker über Uli Hoeneß bis Karl-Heinz Rummenigge.

"Man muss sich auf diese Spiele freuen!"

bundesliga.de: Es gab in der jüngeren Vergangenheit Clubs, die bei Spielen gegen die Bayern Spieler geschont haben...

Hrubesch: Das ist der falsche Weg. Aber um den Bayern das Leben schwer zu machen, muss man seine Qualitäten voll ausreizen und über 90 Minuten 100 Prozent geben Und natürlich gehören Begeisterung und das Quäntchen Glück dazu. Man muss sich auf diese Spiele freuen!

bundesliga.de: Lassen Sie uns kurz über Tradition reden. Sie haben ja als Trainer verschiedener U-Nationalmannschaften Kontakt zu vielen Jung-Profis. Kennen die eigentlich noch den Bieberer Berg (Stadion Kickers Offenbach; die Red.) oder Clubs wie Rot-Weiss Essen, wo Sie Ihre Profi-Karriere begonnen haben? Oder ist das eher was für Nostalgiker, die die Bundesliga seit Jahrzehnten verfolgen?

Hrubesch: Es liegt ja auch daran, in welche Zeit man geboren wird. Wir sind mit dem Bieberer Berg oder Rot-Weiss Essen aufgewachsen genauso wie die jungen Spieler heute mit der Allianz Arena aufwachsen. Aber ich finde schon, dass man Tradition pflegen sollte. Ich freue mich zum Beispiel darüber, dass das HSV-Stadion bald wieder Volksparkstadion heißen wird. Es fällt den Menschen so viel leichter, sich mit der Stadt und seinem Stadion zu identifizieren.

"Ich will mit U21 wieder Europameister werden"

bundesliga.de:Sie waren bereits 24 Jahre alt, als sie Profi bei Rot-Weiss Essen wurden. Wird es so etwas noch einmal geben?

Hrubesch: Es wird sicherlich noch den einen oder anderen Spätstarter geben, aber es wird kein Unbekannter sein. Mittlerweile sind 360 Stützpunkte über ganz Deutschland verteilt. Zehn-, elf-, oder zwölfjährige Talente werden beobachtet und gefördert. Heute haben wir einen viel besseren Überblick.

bundesliga.de: Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mesut Özil, Mats Hummels, Benedikt Höwedes, Sami Khedira - Spieler mit denen Sie 2009 U-21-Europameister geworden sind und dann 2014 den WM-Titel geholt haben. Wächst aktuell eine vergleichbare "Goldene Generation" heran?

Hrubesch: Mit meiner aktuellen U-21-Nationalmannschaft will ich im Sommer wieder Europameister werden. Mit Emre Can, Moritz Leitner, Amin Younes, Philipp Hofmann oder Maximilian Arnold, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, haben wir wieder außergewöhnliche Fußballer in unseren Reihen. Und wir dürfen auch nicht die U-19-Europameister von 2014 vergessen, die diesen Sommer die U-20-WM in Neuseeland spielen. Es rücken immer mehr Spieler nach und klopfen an die Tür von Jogi Löw, dessen Weltmeister ja auch noch alle relativ jung sind. Er hat glücklicherweise die Qual der Wahl.

Das Gespräch führte Jürgen Blöhs