Köln - Sieben Deutsche Meistertitel hat Ottmar Hitzfeld (Video: Legenden - Ottmar Hitzfeld der Titelsammler) in der Bundesliga als Trainer gefeiert. Sein Expertenwissen ist immer gefragt. Vor dem Start der aktuellen Bundesliga-Saison spricht Hitzfeld über den FC Bayern München, potentielle Verfolger und die generelle Entwicklung im deutschen Fußball.

bundesliga.de: Herr Hitzfeld, war der Supercup zwischen Dortmund und den Bayern im Hinblick auf die anstehende Bundesliga-Saison aufschlussreich?

Ottmar Hitzfeld: Da der Supercup für viele WM-Teilnehmer noch sehr früh kam und beide Teams sicherlich nicht mit ihrer stärksten Startelf angetreten sind, fällt eine Analyse schwer. Borussia Dortmund hat beim Supercup am Ende aber wesentlich mehr Substanz gezeigt, auch wenn bei den Bayern viele junge Spieler mitgewirkt haben.

bundesliga.de: Also sind die Dortmunder dieses Jahr im Kampf um die Meisterschaft wieder im Rennen?

Hitzfeld: Auf jeden Fall hat man deutlich erkennen können, dass die Schwarz-Gelben in dieser Saison einiges vorhaben. Trainer Jürgen Klopp hat trotz des Wechsels von Robert Lewandowski durch die Verpflichtungen von Ciro Immobile, Adrian Ramos und Dong-Won Ji jetzt sicherlich mehr Freiheiten, sein System variabel mit ein, zwei oder sogar drei Stürmern aufzustellen. Wichtig ist vor allem aber ein besserer Start als in der vergangenen Saison. Denn so einen Punkterückstand holt man gegen die Bayern nicht mehr auf.

"Bayern könnte Schwierigkeiten bekommen"

bundesliga.de: In München läuft aber auch noch nicht alles richtig rund.

Hitzfeld: Ja, ich kann mir auch vorstellen, dass die Bayern zu Beginn ein paar Schwierigkeiten bekommen könnte. Und zwar solange, bis alle Weltmeister richtig fit und wieder integriert sind. Denn das benötigt nach so einem langen Turnier immer eine gewisse Zeit.

bundesliga.de: Zumal die Verletzung von Javi Martinez das gewünschte System mit drei Abwehrspielern ja auch schon ins Wanken gebracht hat. Müssen die Münchner auf dem Transfermarkt noch einmal aktiv werden?

Hitzfeld: Der FC Bayern hat einen hervorragenden Kader, der viele Alternativen bietet - vor allem in der Offensive, aber auch in der Defensive kann Trainer Pep Guardiola variieren. Zumal mit Holger Badstuber ja quasi ein weiterer Neuzugang zur Verfügung steht. Spieler wie Bastian Schweinsteiger und Thiago Alcantara, die derzeit auch angeschlagen fehlen, sind im Mittelfeld überall einsetzbar. Der Kader sucht in Europa seinesgleichen, von daher ist der Ausfall von Javi Martinez zu kompensieren.

bundesliga.de: Pep Guardiola hat das erste Bundesliga-Lehrjahr mit Bravour bestanden. Hat ihn sein erstes Jahr in Deutschland stärker gemacht?

Hitzfeld: Es ist auf jeden Fall ein Vorteil, dass er die Bundesliga, die Gegner aber auch den eigenen Verein nun noch besser kennt. Pep Guardiola versucht immer, die Spannung im Kader hochzuhalten. Deshalb experimentiert er viel herum und versucht, immer das Optimum aus seiner Mannschaft herauszuarbeiten. Momentan treibt er die Dreierkette in der Abwehr voran.

"Dass Köln dabei ist, freut mich sehr"

bundesliga.de: Welche Teams sind die Verfolger des Top-Duos aus Dortmund und München?

Hitzfeld:Schalke, Leverkusen und Wolfsburg, dazu eventuell noch Gladbach: Diese vier Teams werden versuchen, den Anschluss weiter herzustellen, um die beiden Favoriten zu ärgern. Die Schalker haben mit der famosen Rückrunde in der vergangenen Saison gezeigt, dass sie sich Schritt für Schritt als dritte Kraft in der Bundesliga etablieren. Aber auch die Leverkusener haben sich vor allem in der Offensive enorm verstärkt. Mit ihnen wird deshalb ebenfalls zu rechnen sein.

bundesliga.de: Und welche Chancen haben die Aufsteiger?

Hitzfeld: Teams wie der SC Paderborn machen die Bundesliga interessant. Die Mannschaften, die sich mit geringen Mitteln behaupten müssen, genießen ja auch große Sympathiewerte. Und sie haben nichts zu verlieren und werden sich für den Klassenerhalt zerreißen. Dass der 1. FC Köln dabei ist, freut mich sehr: Ein Traditionsclub, der mit einem sehr guten Trainer in der Bundesliga startet. Sicherlich muss auch beim FC das erste Ziel der Nichtabstieg sein, aber sie werden mit ihren tollen Fans die Liga bereichern.

"Das Produkt Bundesliga ist weltmeisterlich"

bundesliga.de: Inwieweit gibt der Weltmeister-Titel der Bundesliga einen Schub?

Hitzfeld: Die Entwicklung im deutschen Fußball schreitet kontinuierlich voran. Wenn die spanische Liga vor der Weltmeisterschaft noch einen Vorsprung gehabt haben sollte, dann ist dieser spätestens jetzt wettgemacht. Das Produkt Bundesliga ist weltmeisterlich und das wird alle Mannschaften weiter antreiben.

bundesliga.de: Auf was oder wen freuen Sie sich in der kommenden Saison besonders?

Hitzfeld: Ich bin gespannt, wie sich die Mannschaften weiterentwickelt haben. Bei der WM sah man bei vielen Teams im taktischen Bereich, zum Beispiel mit engagiertem Pressing und Gegenpressing, eine ähnliche Spielkultur. Ich bin mir sicher, dass wir davon auch sehr viel in der Bundesliga wiedererkennen werden. Zudem hoffe ich auf viele neue junge Spieler, vor allem aus unserer U19-Europameistermannschaft, die für Aufsehen sorgen.

Das Gespräch führte Michael Reis