Bremen - Franco Di Santo gehört zu den Topstürmern der Bundesliga. Der Argentinier hat in 18 Spielen bereits zwölfmal getroffen und ist zudem ein Mann für die ganz besonders feinen Tore, wie am 10. Spieltag beim 2:1-Siegtreffer in Mainz.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Di Santo über Viktor Skripniks Arbeitsweise, über Werders Renaissance und über seine persönliche Zukunft.

bundesliga.de: Herr Di Santo, in nur anderthalb Jahren haben Sie in Bremen mehr Tore geschossen als in den sechs Jahren zuvor bei drei Vereinen in der Premier League. Erleben die Bremer Fans gerade den besten Franco Di Santo aller Zeiten?

Franco Di Santo: Sieht so aus, oder?! Aber nur bis jetzt hoffentlich... (lacht)

bundesliga.de: Nur bis jetzt!

Di Santo: Dann ist es gut, denn ich will immer noch besser werden! (lacht) Nein, mal ernsthaft. Es stimmt, das ist die bisher beste Phase meiner Karriere, alles passt hervorragend. Aber ich weiß auch, dass ich noch mehr leisten kann, wenn ich weiter hart an mir arbeite. Und das werde ich tun.

bundesliga.de: Andere südamerikanische Spieler brauchen häufig lange, bis sie sich an die Bundesliga und an den deutschen Lebensstil gewöhnt haben. Sie dagegen scheinen kaum Anpassungsschwierigkeiten gehabt zu haben...

Di Santo: Doch, auch für mich war es durch meine längere Verletzung zu Beginn der ersten Saison nicht ganz einfach. Schon gegen Ende dieser ersten Spielzeit habe ich mich aber sehr gut gefühlt, und in dieser Saison läuft es bisher wirklich sehr gut für mich. Ich bin in der Mannschaft und im Club bestens aufgehoben und fühle mich auch in der Stadt pudelwohl. Und wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, kann ich mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren und meine besten Leistungen abrufen.

"Situationen wie in Mainz üben wir"

bundesliga.de: Sie haben argentinische und italienische Wurzeln, haben in England und in Chile gespielt und kennen nun auch die Bundesliga. Was unterscheidet den deutschen Fußball von diesen anderen großen Fußball-Nationen?

Di Santo: Ich glaube, dass die Unterschiede nicht so groß sind, wenn es um den reinen Sport, den Fußball geht. Nehmen wir zum Beispiel die Bundesliga und die Premier League: In beiden Ligen wird sehr schnell gespielt, und man attackiert den Gegner bereits sehr früh, beim Spielaufbau. Nein, große sportliche Unterschiede gibt es nicht.

bundesliga.de: Apropos Argentinien: Wie steht es nach den Top-Leistungen um Ihre Chancen, in die Albi Celeste, die argentinische Nationalmannschaft, zurückzukehren?

Di Santo: Selbstverständlich ist es einer meiner größten Wünsche, wieder für Argentinien zu spielen. Welcher Spieler auf der Welt würde nicht alles dafür geben, für sein Land auflaufen zu dürfen?! Also werde ich versuchen, weiterhin meine besten Leistungen anzubieten. Alles andere liegt nicht in meiner Hand.

bundesliga.de: Sie sind ein Stürmer, der nicht nur "knipst", sondern auch ganz besondere, fast schon artistische Tore schießt. Ist das reine Intuition, oder kann man das üben?

Di Santo: Ich versuche das zu trainieren. Nur wer gewisse Abläufe immer wieder wiederholt, wird auch besser. Und auch solche Situationen wie in Mainz üben wir. Wenn man das zehnmal probiert, geht der Ball zwar mindestens fünfmal nicht ins Tor. Aber mit jedem neuen Versuch prägen sich die Bewegungsabläufe immer besser ein. Übrigens ist das nicht nur beim Fußball so, sondern gilt für alles im Leben: Sicherheit kommt nur, wenn man gewisse Situationen immer wieder "übt".

"Wir treten wieder mit breiterer Brust auf"

bundesliga.de: Sprechen wir über Werders gelungenes Comeback: Innerhalb von fünf Monaten ist aus einem verunsicherten Team vom Tabellenende eine Mannschaft geworden, die nicht chancenlos ist im Kampf um die internationalen Plätze. Was genau ist heute anders, und sagen Sie bitte nicht nur "der Trainer"...?

Di Santo: Natürlich hat Viktor Skripnik einen großen Anteil daran, dass wir jetzt wieder viel besser spielen. Er hat große Erfahrung, ist schon sehr lange im Club, und weiß dementsprechend zu vermitteln, was es bedeutet, für diesen Club spielen zu dürfen. Das hat für die Jungs, mich eingeschlossen, viel geändert. Vor allem unsere Mentalität ist eine andere. Wir treten jetzt wieder mit breiterer Brust auf, weil wir spüren, dass Werder Bremen einen der großen Clubs der Bundesliga ist. Und dieses Gefühl können wir auf dem Rasen in gute Leistungen umsetzen.

bundesliga.de: Was ist möglich für dieses Team, nicht nur in dieser Saison, sondern auch mittelfristig?

Di Santo: Das kommt nicht zuletzt darauf an, wie die Mannschaft in Zukunft aussehen wird, wer das Team vielleicht verlässt und wer dafür zu uns stößt. Fakt ist, dass unsere jungen Spieler, die jetzt nachrücken, das Zeug sprich die Qualität haben, Werder weiter nach vorne zu bringen. Immer vorausgesetzt, dass sie - wie alle anderen auch - weiter hart an sich arbeiten. Die Grundvoraussetzungen bei uns stimmen ohnehin: Wir haben eine gute Struktur in der Mannschaft und vor allem auch einen tollen Zusammenhalt. Und ich denke, dass in den vergangenen fünf Monaten jeder sehen konnte, dass Werder Bremen wieder ein sehr gutes Team stellt.

"Möchte für meinen Club 100 Prozent geben können"

bundesliga.de: Reden wir über das zukünftige Gesicht des Teams: Ein Magazin hat Sie als "Versprechen auf eine goldene Zukunft" bezeichnet...

Di Santo: Das klingt gut und schmeichelt mir. Aber es geht hier nicht nur um mich, sondern um das Team und darum, wie ich dem Team helfen kann. Muss ich dafür mehr laufen, dann laufe ich mehr. Muss ich dafür härter verteidigen, dann verteidige ich härter. Denn das bedeutet Mannschaftssport. Und wenn ich dann auch noch treffe, ist das gut fürs Team und auch für mich.

bundesliga.de: ...aber dieses "Versprechen" des Schicksals hilft Werder nur, wenn Sie Ihren Vertrag verlängern...

Di Santo: Da haben Sie Recht. So ist das mit Versprechen, die taugen nur was, wenn sie auch gehalten werden. (lacht) Aber Sie können mir wirklich glauben, dass ich mich bis zum Saisonende mit nichts anderes beschäftige als mit Werder und mit den verbleibenden Spielen. Selbst wenn ich wollte, könnte ich Ihnen jetzt nicht mehr sagen, weil selbst ich nicht mehr weiß. Denn ich habe meinem Agenten gesagt, dass ich bis zum Ende der Spielzeit nichts von ihm hören will, schon gar nicht irgendwelche Angebote anderer Clubs. Während einer Saison möchte ich mich grundsätzlich mit solchen Dingen nicht auseinandersetzen müssen, weil ich all meine Konzentration brauche, um für meinen Club 100 Prozent geben zu können, und nicht vielleicht nur 90 Prozent. Erst nach dem letzten Spieltag sehen wir weiter!

Das Interview führte Andreas Kötter