Zusammenfassung

  • Im Exklusiv-Interview blickt Schuster auf die Zeit bei den "Lilien" zurück
  • Schuster nennt seine Gründe für den Wechsel zum FCA
  • Der neue FCA-Coach analysiert das bisherige Niveau der EM 2016 in Frankreich

Augsburg - Bereits am 20. Juni bittet Dirk Schuster seine Spieler zum Trainingsauftakt. Der Trainer des FC Augsburg geht seine neue Aufgabe mit derselben Akribie an, die schon seine Arbeit beim SV Darmstadt 98 auszeichnete. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de blickt Schuster noch einmal auf die Zeit bei den "Lilien" zurück, er nennt seine Gründe für den Wechsel zum FCA und er analysiert das bisherige Niveau der EM in Frankreich.

bundesliga.de: Herr Schuster, mit dem SV Darmstadt 98 haben Sie in drei Saisons in Folge Großes erreicht, und immer hat die Öffentlichkeit geglaubt, dass mehr nicht möglich sein würde. Sie und Ihr damaliges Team haben alle Zweifler aber immer wieder eines Besseren belehrt...

Dirk Schuster: In der Tat hat man uns in diesen drei Jahren bisweilen belächelt und in der jeweiligen Liga als klaren Abstiegskandidaten gesehen. Aber es ist immer wieder gelungen alle Kritiker eindrucksvoll zu widerlegen.

bundesliga.de: Dennoch haben Sie sich für eine neue Herausforderung beim FC Augsburg entschieden. War der Glaube, mit Darmstadt 98 erneut Berge versetzen zu können, nicht mehr da?

Schuster: So würde ich das nicht sagen. Aber die Aufgabe den Klassenerhalt in der kommenden Saison zu bestätigen, wäre sicherlich um Einiges schwieriger geworden. Spieler von Clubs wie Werder Bremen, Hertha BSC oder dem VfB Stuttgart zu verpflichten, die sportlich weiterhelfen und zudem von den genannten Vereinen subventioniert werden - wie das in der vergangenen Transferperiode noch der Fall war - wäre jetzt weit schwieriger geworden. Denn die Wahrnehmung von Darmstadt 98 ist heute eine ganz andere als noch vor einem Jahr. Die genannten Vereine sehen Darmstadt heute als Konkurrenten und nicht mehr nur als Punktelieferanten.

bundesliga.de: Was hat letztendlich den Ausschlag für den FC Augsburg gegeben?

Schuster: Die sehr gute Perspektive des Clubs. Augsburg hat vor fünf Jahren den Aufstieg geschafft und ist heute ein spannender Verein, der Jahr für Jahr den Nachweis erbringt, dass man in der Bundesliga mithalten kann. Nicht zuletzt dank des Stadions verfügt man über eine sehr gute Infrastruktur und kann zudem auf eine qualitativ gute Mannschaft bauen.

bundesliga.de: Vor allem dürfte man in der WWK Arena jederzeit heiß duschen können...

Schuster: Allerdings. (lacht) Dass es in Darmstadt schon mal nur kaltes Wasser zum Duschen gab, war alles andere als ein Gerücht, das wir uns ausgedacht haben, um Sympathien als Underdog zu gewinnen. Nein. Das war eine Tatsache!

bundesliga.de: Von einem Club, der vor hundert Zuschauern auf einem Nebenplatz des alten Stadions spielen musste, bis zu einem Verein mit einer hochmodernen Arena, hat der FCA kaum ein Jahrzehnt benötigt. Kann man von einem Vorzeige-Club sprechen?

Schuster: Der Verein hat in den vergangenen Jahren sehr viel richtig gemacht. Man hatte zuletzt einen ausgezeichneten Trainer und ist in der vergangenen Saison in der Europa League nur hauchdünn am späteren Finalisten, dem FC Liverpool, gescheitert. Und ich denke, dass man durchaus davon sprechen darf, dass der FC Augsburg ein gutes Beispiel dafür ist, dass man einen Verein selbst aus den Niederungen des Fußballs bis in die Bundesliga führen kann, wenn man kontinuierlich, seriös und vertrauensvoll arbeitet. Mir nötigt es großen Respekt ab, was hier entstanden ist.

bundesliga.de: Was waren Ihre ersten Überlegungen nach Ihrer Verpflichtung?

Schuster: Ich habe zunächst einmal Gespräche mit den Verantwortlichen geführt. Man spricht dann in erster Linie über die Zusammensetzung der Mannschaft und über die Größe des Kaders.

bundesliga.de: Der ist mit rund 30 Spielern nicht gerade klein...

Schuster: Das stimmt, der Kader ist groß. Jeder bekommt aber selbstverständlich die Chance sich zu präsentieren. Erst danach werden wir Entscheidungen treffen.

Video: Dirk Schuster - Vater des Darmstädter Erfolgs

bundesliga.de: Sie mussten sich bereits in der vergangenen Saison zweimal intensiver mit Ihrer neuen Mannschaft beschäftigen, die damals noch der Gegner Ihrer alten war...

Schuster: Tatsächlich waren die Erinnerungen an diese beiden Spiele gegen Augsburg die ersten Ansatzpunkte für meine Überlegungen. Man versucht sich zu erinnern, welche Stärken, aber auch welche Schwächen einem damals aufgefallen sind.

bundesliga.de: Welche waren das?

Schuster: Wir haben in der vergangenen Hinrunde in Augsburg 2:0 gewonnen, als der FCA eine sehr schlechte Phase hatte. Beide Treffer fielen durch Standardsituationen, und es war zu erkennen, dass Augsburg diesbezüglich damals Probleme hatte. Am Ende war es ein ungefährdeter Sieg für uns – allerdings gegen ein Team, das trotz der zu spürenden Verunsicherung immer gefightet und versucht hat guten Fußball zu spielen.

bundesliga.de: Das Rückspiel war dramatischer...

Schuster: Im Rückspiel haben wir sehr schnell erneut 2:0 geführt, dann aber Mitte der zweiten Halbzeit den Anschlusstreffer kassiert. Augsburg hat in der Folge viel Druck aufgebaut und in der letzten Minute einen Elfmeter bekommen, der zum 2:2-Endstand geführt hat. Fazit ist, dass dieses Team des FCA eine sehr charakterstarke Mannschaft darstellt.

bundesliga.de: Sie haben nun auch wieder mehr Zeit "nur" Trainer zu sein, während Sie in Darmstadt noch Trainer und Sportdirektor in Personalunion waren...

Schuster: Das ist richtig. Aber ich muss sagen, dass es sehr viel Freude gemacht hat, Dinge beeinflussen und Entscheidungen treffen zu können, für die man gegebenenfalls auch den Kopf hinhalten musste. Man kann dann nie mit dem Finger auf andere zeigen - weil man eben selbst verantwortlich ist. (lacht) Nichtsdestotrotz ist es natürlich eine enorme Entlastung, wenn man sich auf nur eine Funktion im Club beschränken kann.

bundesliga.de: Kommen Sie dazu, sich mit der EM zu beschäftigen, wo mit dem Schweizer Marwin Hitz und dem Isländer Alfred Finnbogason zwei Augsburger im jeweiligen Kader stehen? (Infografik: Bundesliga-Spieler bei der EM 2016)

Schuster: Ich schaue so viele Spiele wie eben möglich, und versuche natürlich, fachliche Schlüsse daraus zu ziehen.

bundesliga.de: Was ist Ihnen bisher besonders aufgefallen?

Schuster: Lediglich beim Spiel Deutschland gegen die Ukraine haben beide Teams in der ersten Halbzeit mit offenem Visier und ohne große taktische Zwänge gespielt. Ansonsten aber stehen Disziplin und Absicherung im Vordergrund. Vor allem bei gegnerischem Ballbesitz agieren die Teams taktisch gut. Man organisiert sich schnell hinter dem Ball, so dass es für den Gegner sehr schwierig wird viele Torchancen herauszuarbeiten. So gelingt es selbst einem favorisierten Team wie Frankreich gegen Albanien das Spiel erst in letzter Minute für sich zu entscheiden. Das zeigt einmal mehr die große Dichte im europäischen Fußball. Es gibt keine kleinen Nationen mehr, die sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen lassen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter