Köln - Christoph Metzelder trägt im Moment Bart. Einen ziemlich vollen Bart, schließlich hat er sich seit Anfang Juni nicht mehr rasiert und möchte das am liebsten auch erst am Montag wieder machen. Der 33-Jährige pflegt die Tradition, erst dann zur Klinge zu greifen, wenn die Weltmeisterschaft für die deutsche Nationalmannschaft beendet ist.

Im Interview mit bundesliga.de blickt der 47-fache Nationalspieler vor dem Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland (ab 21:45 Uhr im Live-Ticker) auf das WM-Finale 2002 zurück, nennt die Gründe, weshalb das DFB-Team die Selecao dieses Mal besiegen wird und spricht über die Stärke der Bundesliga-Stars bei dieser WM.

bundesliga.de: Herr Metzelder, Deutschland trifft am Dienstagabend im Halbfinale auf Gastgeber Brasilien. Wie bewerten Sie bis jetzt die Auftritte des DFB-Teams?

Christoph Metzelder: Dadurch, dass ich solche Turniere selbst erlebt habe, weiß ich natürlich, dass die Mannschaft sehr ergebnisfixiert ist. Momentan hat man das Gefühl, dass das sogar mehr denn je der Fall ist. Das hängt vielleicht mit den Erfahrungen der letzten Turniere zusammen, bei denen sich die Nationalmannschaft mit einer fantastischen Generation enorm weiterentwickelt hat, am Ende aber keinen Titel gewinnen konnte. Jetzt scheint wirklich alles dem großen Ziel, Weltmeister zu werden, untergeordnet zu sein. Dass da manchmal der Glanz fehlt, spielt keine Rolle.

bundesliga.de: Nach dem überzeugenden Auftaktsieg gegen Portugal wurden die Leistungen der Nationalmannschaft sehr unterschiedlich bewertet. Wie gehen die Spieler damit um?

Metzelder: Ich glaube, da gibt es ganz einfach unterschiedliche Realitäten. Ich kenne die Binnensicht der Nationalmannschaft und weiß, dass dort wenig gelesen und geschaut wird, was es in der Heimat für Kommentare gibt. Es herrscht eine Art Wagenburgmentalität, nach dem Motto: Wir rechnen intern ab, wenn es vorbei ist. 2008 nach dem Halbfinale gegen die Türkei waren die Meinungen in Deutschland über unsere Leistung auch geteilt. Wir waren nur froh, dass wir es ins Endspiel geschafft hatten.

Metzelder im Bundesliga-Newsroom

bundesliga.de: Beim einzigen WM-Duell zwischen Deutschland und Brasilien, dem Finale 2002 in Japan und Südkorea, das die Selecao mit 2:0 gewann, standen Sie auf dem Platz. Welche Erinnerungen haben Sie an die Begegnung?

Metzelder: Wir haben damals unser bestes Spiel des Turniers gemacht. Trotzdem hatten wir immer das Gefühl, die Brasilianer könnten, wenn sie gewollt hätten, ein paar Prozent draufpacken. Sie haben letztlich verdient gewonnen.

bundesliga.de: Wie hat sich das Kräfteverhältnis zwischen diesen beiden Mannschaften seither verändert?

Metzelder: 2002 war es wie auch 2008 gegen Spanien: Wir waren von der Qualität her schlechter. Jetzt haben wir das beste Gesamtpaket – von der ersten Elf bis zu den Spielern, die reinkommen können. Vergleichbares hat keiner der Gegner vorzuweisen, die noch im Turnier sind (Vorschau-Fakten).

bundesliga.de: 2002 musste Deutschland auf den gelbgesperrten Michael Ballack verzichten, bei Brasilien fehlt nun der verletzte Neymar. Was bedeutet das für das Spiel?

Metzelder: Die Situationen sind auf jeden Fall vergleichbar. In Japan und Südkorea haben wir eine WM gespielt, bei der wir in der K.o.-Phase immer nur 1:0 gewonnen haben. Nach vorne ging fast alles über Michael Ballack. Wir waren sehr, sehr abhängig von ihm. Bei Brasilien und Neymar ist es ähnlich. Defensiv gehen sie mit der nötigen Aggressivität zu Werke. In der Mittelfeldzentrale haben sie mit Luiz Gustavo, Fernandinho und Paulinho keine großartigen Spielmacher, sondern gute Arbeiter im Spiel gegen den Ball. Vorne steht und fällt deshalb alles mit Neymar. Dass er nicht dabei ist, ist eine enorme Schwächung.

bundesliga.de: Durch die Sperre von Brasiliens Innenverteidiger Thiago Silva kommt es wahrscheinlich zum Aufeinandertreffen der Bayern-Spieler Dante und Thomas Müller. Wer zieht daraus den größeren Vorteil?

Metzelder: Auch wenn man jeden Tag miteinander trainiert, bedeutet das nicht, dass man den anderen problemlos beherrschen kann. Gerade Thomas Müller ist bekannt dafür, Dinge zu tun, mit denen die Abwehrspieler nicht rechnen. Es zeichnet Weltklassespieler aus, das Unvorhergesehene zu machen.

bundesliga.de: Bei dieser Weltmeisterschaft ist es sehr auffällig, dass so viele Spieler aus der Bundesliga groß auftrumpfen wie noch nie. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Metzelder: Die Bundesliga schafft es immer besser, große Stars herauszubringen. Das ist in erster Linie den Nachwuchsleistungszentren zu verdanken. Dass zudem Spieler wie Arjen Robben den Weg in die Bundesliga gefunden haben, ist eine fantastische Entwicklung der letzten Jahre. Die Vereine in der Bundesliga sind international konkurrenzfähig und wirtschaftlich und mit Blick auf die Infrastruktur hervorragend aufgestellt.

Das Gespräch führte Stefan Schinken