Mainz - Christian Heidel, der Manager vom 1. FSV Mainz 05, hat mit begrenzten finanziellen Mitteln in den letzten Jahren ein starkes Bundesliga-Team geformt. Im zweiten Teil des Interviews mit bundesliga.de spricht er über die Möglichkeiten in Mainz, die langfristigen Ziele und über die Faszination des Fußballs (lesen Sie hier den ersten Teil).

bundesliga.de: In die Liga ist Mainz mit zwei Unentschieden durchaus sehr ordentlich gestartet; war das - in Ansätzen - schon der Fußball, den Kasper Hjulmand und Sie sich vorstellen?

Christian Heidel: Bis auf 20 Minuten war das Spiel in Paderborn viel besser als es nach dem späten Ausgleich gemacht wurde. Und ich glaube, dass die Hamburger Heimniederlage gegen Paderborn unser Spiel zudem relativiert hat. Gegen Hannover wiederum haben wir defensiv kaum etwas zugelassen, offensiv aber zu wenig getan. Mit unseren Neuzugängen wird sich dies hoffentlich bald ändern. Wir sind ungeschlagen sieglos, das beschreibt exakt unsere Situation. Aber wir werden noch besser werden.

"Mit ein paar guten Personalentscheidungen kann man Einiges erreichen"

bundesliga.de: Die fünf Jahre unter Thomas Tuchel dürfen als große Erfolgsgeschichte gelten, war Mainz in diesem Zeitraum nach Punkten doch der fünftbeste Verein der Liga. Ist das angesichts der strukturellen Möglichkeiten von Mainz 05 im Vergleich zu anderen Klubs so eine Art Fußball-Märchen oder lässt sich das mit harter Arbeit dauerhaft erreichen?

Heidel: Die gute sportliche Situation der letzten fünf Jahre passt so überhaupt nicht zu unseren wirtschaftlichen Möglichkeiten. Mit einer Idee, mit Ruhe und Besonnenheit und mit ein paar guten Personalentscheidungen kann man sicher Einiges erreichen, aber man muss doch wissen, dass man jedes Jahr wieder von vorne beginnen muss. Denn die besten Spieler sind nicht zu halten. Freiburg kann davon auch ein Lied singen, der FC Augsburg ebenso

bundesliga.de: Wird es zunehmend schwerer für einen Club mit der Struktur von Mainz sich dauerhaft und gut in der Bundesliga zu positionieren?

Heidel: Ganz sicher. Wir hatten in der letzten Saison einen Gehaltsetat für die Mannschaft von 23 Millionen Euro. Das reicht bei mehr als der Hälfte der Bundesliga-Mannschaften nicht mal für ein halbes Jahr. Aber ich will gar nicht klagen. Der Fußball verändert sich nun mal. Es muss nur jeder verstehen, dass es für uns immer schwieriger wird. Bald kommt Leipzig. Und wann kommt Ingolstadt?! Aber ich glaube nicht, dass die Liga dann aufgestockt würde...

"Unser Ziel: Spieler aus dem Nachwuchs heranführen"

bundesliga.de: Wie kann, wie muss der Weg solcher Vereine wie Mainz oder auch Freiburg aussehen, wenn man sich dauerhaft Wettbewerbsfähigkeit erhalten will?

Heidel: Es gibt für uns gar keinen anderen Weg. Mainz und Freiburg sind schuldenfrei. Wir haben in eigenes Stadion investiert, Freiburg macht das jetzt auch. Freiburg hat in den letzten Jahren viele Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum in die Bundesliga gebracht. Das ist auch unser Ziel, und während manche Clubs die U23 vom Spielbetrieb abmelden, ist unsere gerade in die 3. Liga aufgestiegen. Freiburg und Mainz müssen sich selbst finanzieren. Das aber geht nur über gute Jugendarbeit und sinnvolle Transfers. Vielleicht sollten wir fusionieren (lacht)!

bundesliga.de: Sie sagen von sich selbst, dass Sie ein Fußball-Romantiker sind. Wie erhält man sich diese Romantik im harten Bundesliga-Alltag?

Heidel: Es muss einfach Spaß machen. Mir gefällt die völlige Identifikation von Menschen mit ihrem Club. Egal, was passiert. Egal, wie es gerade läuft. Phänomenal ist das für mich zum Beispiel in Köln. Abgestiegen ist man unter gellenden Pfiffen, aber dann kommen in der 2. Liga gegen Sandhausen trotzdem 45.000 Zuschauer. Das ist ein so hohes Gut und für mich das, was den Fußball ausmacht!

"Natürlich würde ich gerne mal die Schüssel hoch halten"

bundesliga.de: Wie gehen Sie damit um, dass Ihnen trotz hervorragender Arbeit, die überall große Anerkennung findet, ein Meistertitel mit Mainz wohl immer versagt bleiben wird?

Heidel: Fußball ist mehr als ein Titel. Natürlich würde ich gerne mal die Schüssel hoch halten! Ich gebe aber zu, das wird mit Mainz schwierig. Also muss ich mir eigene Ziele setzen und mich mit gefühlten Titeln belohnen. Hätte man 2004 die Menschen gefragt: "Was ist wahrscheinlicher, dass Bayern München in den nächsten zehn Jahren achtmal Deutscher Meister wird, oder dass Mainz 05 in den nächsten zehn Jahren acht Jahre in der Bundesliga spielt?" Hätten dann mehr als fünf Prozent auf Mainz getippt? Sicher nicht! Genau diese positiven Überraschungen aber sind meine kleinen Titel, und ich bin damit bis heute sehr zufrieden!

Teil 1 des Heidel-Interviews: "Panikreaktion? – Damit kann ich leben!“

Das Gespräch führte Andreas Kötter