Mainz - Europa League- und DFB-Pokal-Aus bedeuteten keinen guten Start für Kasper Hjulmand, den neuen Trainer vom 1. FSV Mainz 05. Umso wichtiger waren die beiden Unentschieden in der Liga. 05-Manager Christian Heidel spricht im Interview mit bundesliga.de über Mainz’ spätes Engagement auf dem Transfermarkt, über den Umbruch im Verein nach dem Abschied von Thomas Tuchel und über die ersten Wochen von Hjulmand.

bundesliga.de: Herr Heidel, viele Clubs haben kurz vor Transferschluss noch einmal zugeschlagen. So auch der FSV, der Jairo, Allagui, de Blasis, Hofmann und Wollscheid geholt hat. Ärgert es Sie, wenn nun von einer Panikreaktion gesprochen wird?

Christian Heidel: Was heißt ärgern?! Das können nur Leute sagen, die unsere Situation nicht kennen. Alle Verpflichtungen waren Reaktionen auf Abgänge im Kader. Beide Flügelspieler, Choupo-Moting und Nicolai Müller, wurden durch Jonas Hofmann und Jairo ersetzt. Mit Parker, Polter und Schahin haben uns drei Angreifer verlassen, und dafür haben wir mit Allagui und de Blasis zwei dazu geholt. Und mit Philipp Wollscheid haben wir auf die Verletzung von Nikolce Noveski reagiert. Diese Transfers haben also rein gar nichts mit dem Europa League - und dem DFB-Pokal-Aus zu tun. Aber angebliche Panik verkauft sich medial eben besser. Damit muss und kann ich leben.

"Hofmann wollten wir schon früher holen"

bundesliga.de: Vielleicht können Sie die einzelnen Verpflichtungen etwas genauer skizzieren?

Heidel: Unser Ziel war es auf jeden Fall, auch deutsche Spieler mit Qualität unter Vertrag zu nehmen. Fragen Sie mal bei anderen Vereinen nach, wie schwer das ist, wenn man nicht zu den Großen der Liga zählt. Jonas Hofmann wollten wir bereits von der U23 des BVB holen, bevor er in der Bundesliga überhaupt auftauchte. Seine Spielweise passt perfekt zu uns. Auch Jairo beobachten wir schon etwas länger. Er hat eine tolle Saison beim FC Sevilla gespielt und auch in der Europa League für Furore gesucht. Er ist schnell, technisch und taktisch gut, und kann auf beiden Flügeln spielen.

bundesliga.de: ...Wollscheid...

Heidel:Philipp Wollscheid bringt große Erfahrung und Ruhe mit, die wir durch Noveskis Ausfall zunächst verloren haben. Wir haben sehr lange miteinander gesprochen. Wichtig war für uns, dass Philipp nach Mainz wollte. Und Sami Allagui hat, glaube ich, nur fünf Minuten überlegt. Er hatte eine tolle Zeit in Mainz, kennt den Club, die Menschen und unsere Spielweise. Es gibt nicht viele Spieler in der Bundesliga, die eine ähnliche Quote aus Toren und Torbeteiligungen aufweisen können. Pablo de Blasis schließlich war in der Tat eine Spontanverpflichtung. Seine "Bewerbung" in den zwei Europa League-Playoff-Spielen gegen uns war sehr schmerzhaft für den FSV Mainz - und sehr deutlich. Dank einer Ausstiegsklausel ist auch das finanzielle Risiko sehr überschaubar. Die kolportierten Zahlen sind jedenfalls allesamt Quatsch.

"Viele haben vergessen, dass man vor einem Umbruch steht"

bundesliga.de: Der Wechsel von Trainer Thomas Tuchel zu Kasper Hjulmand war und ist für Mainz 05 ein ähnlich einschneidender Schritt und Umbruch wie fünf Jahre zuvor der von Jürgen Klopp über Jörn Andersen zu Tuchel; hätten Sie sich gerade nach dem Aus im DFB-Pokal und in der Europa League gewünscht, dass Medien, aber auch Fans dieser Tatsache etwas mehr Rechnung tragen?

Heidel: Immer wenn ein erfolgreicher und guter Trainer geht, steht man vor einem Umbruch. Das wissen und verstehen eigentlich alle, viele haben es aber nach der ersten Niederlage vergessen. So ist das im Fußball! Nachdenklich macht mich vielmehr der Umstand, dass es auch in Mainz inzwischen Menschen gibt, die glauben, dass man bei uns den Anspruch haben darf oder gar muss, fast alle Bundesliga-Mannschaften aus der Coface Arena zu schießen. Das hat aber weder etwas mit Optimismus noch mit Realismus zu tun!

bundesliga.de: Klopp, Tuchel, Hjulmand: In Mainz findet man Lösungen, die man woanders nicht einmal suchen würde; macht dieses Querdenken Ihre bzw. die Philosophie des Klubs aus?

Heidel: Das kann sein. Uns interessiert die geleistete Arbeit viel mehr als eine Titelsammlung. Bist du Trainer bei Bayern München, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit auf Titel dramatisch. Bist du Trainer bei Mainz 05, wirst du zwar kein Meister, kannst aber mit Nicht-Abstiegen und Europa League-Teilnahmen gefühlte Meisterschaften erreichen. Welcher Trainer ist besser?! Was ist schwieriger?! "Kloppo" (Jürgen Klopp; d. Red) war in Mainz, hatte zu Beginn weder Titel noch Trainerschein. Dann geht er zum BVB, und die folgende Erfolgsstory kennt längst jeder. Auch Thomas Tuchel ist ohne Wenn und Aber ein Trainer, der Deutscher Meister werden kann. Und Kasper war mit der A-Jugend von Lyngby dänischer Meister, ist mit einer Amateur-Mannschaft in die erste Liga aufgestiegen und schließlich mit einer Art dänischem Mainz 05, mit dem FC Nordsjaelland, dänischer Meister geworden - nicht mit dem FC Kopenhagen, dem FC Bayern Dänemarks! In Deutschland ist so etwas wohl kaum möglich, aber Kaspers Weg hat uns beeindruckt.

bundesliga.de: Ähnlich wie Tuchel setzt Hjulmand auf Pressing, Gegen-Pressing und schnelles Umschaltspiel; war das Voraussetzung bei der Wahl des neuen Trainers?

Heidel: Ganz sicher! Wir wollen und werden unsere Art Fußball zu spielen nicht verändern. Aber wir wollen sie weiterentwickeln.

"Hjulmands Vorstellung ist nahezu deckungsgleich mit der von Tuchel"

bundesliga.de: In welchen Punkten weichen Hjulmands Fußball-Philosophie und Arbeitsweise von Tuchels Vorstellungen ab?

Heidel: Die Wunschvorstellung von Kasper ist nahezu deckungsgleich mit der von Thomas Tuchel. Dominanz und Ballbesitz, schnelles Umschalten. Man muss aber immer dem Kader und dessen Möglichkeiten Rechnung tragen. Und das trifft auch beide, auf Kasper und auf Thomas zu.

bundesliga.de: Hjulmand ist durch das frühe Aus in den Pokal-Wettbewerben sogleich mehr in den Mittelpunkt gerückt als ihm möglicherweise lieb war; wie Sie haben Sie den Trainer in dieser Phase erlebt?

Heidel: Das war schon etwas Neuland für ihn. Die Medienwelt der Bundesliga ist mit der der dänischen Superligaen nicht im Ansatz vergleichbar. Aber klar ist doch auch: Kasper ist jetzt drei Monate in Deutschland und wird sich noch entwickeln. Er ist noch ein sehr junger Trainer, das darf man nie vergessen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Teil 2 des Heidel-Interviews: "Für uns wird es immer schwieriger"