Seit Februar 2010 schnürt Thomas Hitzlsperger für Lazio Rom die Fußballschuhe. Im exklusiven Interview mit bundesliga.de analysiert der deutsche Nationalspieler, der allerdings nicht zu Joachim Löws Kader für die WM 2010 in Südafrika gehört, die Stärken und Schwächen Inter Mailands.

Außerdem spricht er über das vermeintliche Skandalspiel Lazios gegen Inter in der Serie A Anfang Mai, nennt die Schlüsselspieler der "Nerazzurri" und erklärt, warum er Startrainer Jose Mourinho für einen Schauspieler hält.

bundesliga.de: Herr Hitzlsperger, Sie haben Anfang Mai in der Serie gegen Inter Mailand 0:2 verloren. Das Spiel stand unter besonderer Beobachtung, da der Stadtrivale AS Rom auch noch mit Inter um den Scudetto mitspielt. Es war sogar von Manipulation war die Rede. Wie haben Sie das Spiel und die Berichterstattung dazu erlebt?

Hitzlsperger: Natürlich kann man über dieses Spiel nichts Positives berichten, das muss man in aller Deutlichkeit sagen. Ich war sehr überrascht, was da abgelaufen ist. Wenn die eigenen Fans den Gegner unterstützen und bei einem Gegentor aufspringen und jubeln, finde ich das schon eigenartig. Ich kann mir selbst nichts vorwerfen, ich habe nach meiner Einwechslung alles gegeben. Dass Rivalität herrscht zwischen den beiden Vereinen, ist klar, aber dass die Fans die eigenen Spieler für gelungene Aktionen beschimpfen, das habe ich in dieser Form noch nie erlebt.

bundesliga.de: Was haben Ihre Mitspieler dazu gesagt? Waren die auch überrascht?

Hitzlsperger: Klar, die konnten das auch nicht fassen, was da zum Teil abgelaufen ist. Aber uns blieb ja nichts anderes übrig. Wir haben auf den Platz zu gehen und alles zu geben. Und genauso, wie ich das für mich in Anspruch nehme, würde ich auch sagen, dass meine Kollegen alles gegeben haben. Etwas anderes würde ich ihnen niemals unterstellen. Außerdem muss man ja auch mal sagen, dass Inter Mailand eine gute Mannschaft ist, gegen die man durchaus verlieren kann.

bundesliga.de: Sie sprechen es an: Welche Stärken zeichnen Inter aus?

Hitzlsperger: Zuallererst der Trainer. Er steht, wie Louis van Gaal bei den Bayern auch, im Mittelpunkt. Jose Mourinho ist der Star. Das ging schon nach dem Erfolg über Chelsea im Viertelfinale los, als er groß gefeiert wurde. Er ist der Hauptverantwortliche für den Erfolg, auch für das Weiterkommen gegen Barcelona. Ohne Zweifel verfügt Inter über sehr gute Einzelspieler, aber die hatten sie in der Vergangenheit auch. Mourinho sorgt dafür, dass das Kollektiv funktioniert, dadurch sind sie ins Finale gekommen. Er weiß, wie er die Spieler anpacken muss. Er hat auch schon auf anderen Stationen bewiesen, dass er ein guter Trainer ist. Daher ist er der wichtigste Schlüssel für Inters Erfolg.

bundesliga.de: Wie wirkt Jose Mourinho auf Sie? Ist er tatsächlich so arrogant, wie er oft rüberkommt?

Hitzlsperger: Das öffentliche Bild von Mourinho unterliegt Schwankungen. Wenn er Erfolg hat, ist weniger von Arroganz die Rede als eher von Selbstbewusstsein nach dem Motto: Er weiß schon, was er tut. Ich denke, er hat zwei Gesichter. Das öffentliche, wie eben beschrieben, und das andere im Umgang mit den Spielern. Diejenigen Kollegen, die schon mit ihm gearbeitet haben, berichten, dass er abseits der Pressekonferenzen und fern der TV-Kameras ganz anders in seiner Ansprache an die Mannschaft ist. Er ist wie ein Schauspieler, der verschiedene Rollen einnehmen kann. Und das meine ich nicht negativ.

bundesliga.de: Mourinho war ja einst Assistent von van Gaal in Barcelona. Was glauben Sie, wer wird das Finale entscheiden: Lehrer oder Schüler?

Hitzlsperger: Beide haben bewiesen, dass sie ausgezeichnete Trainer sind. Mourinho ist ein sehr genauer Beobachter. Deshalb ist es ihm auch gelungen, seine früheren Clubs Chelsea und Barca auszuschalten, weil er weiß, wie man in diesen Vereinen denkt, wie man dort Fußball spielen will. Und wenn man den Plan des Kontrahenten kennt, ist es einfacher, einen Gegenplan zu erstellen. Wenn Mourinho auch van Gaal und dessen Vorhaben kennt, wird er im Finale auch wieder passend darauf reagieren. Für den deutschen Fußball ist es am besten, wenn Bayern gewinnt und für ein paar Spieler der Bayern würde es mich persönlich sehr freuen.

bundesliga.de: Auf welche Spieler müssen die Bayern besonders aufpassen?

Hitzlsperger: Die Bayern haben vor der Saison mit Lucio einen sehr guten Spieler abgegeben, der Inter jetzt hilft. Auch wenn man bilanzieren muss, dass der Wechsel für beide Vereine von Vorteil war. Ansonsten ist Diego Milito ein sehr gefährlicher Stürmer. Darüberhinaus sticht sicherlich Esteban Cambiasso hervor, der im Mittelfeld die Fäden zieht und ein gutes Zweikampfverhalten hat. Rechtsverteidiger Maicon halte ich auch für einen sehr guten und wichtigen Spieler, der über eine extrem starke Physis verfügt. Ansonsten dominieren aber nicht die Einzelspieler, sondern das Kollektiv.

bundesliga.de: Warum ist es dem FC Barcelona nicht gelungen, im Halbfinal-Rückspiel das Defensiv-Bollwerk zu knacken?

Hitzlsperger: Heutzutage können ja viele Mannschaften gut verteidigen, aber gegen Barca zu verteidigen gelingt nicht vielen. Inter hat es geschafft, auch wenn Sie ein wenig Glück hatten, wenn ich zum Beispiel an das nicht gegebene Tor für Barca denke. Inter hat einfach den absoluten Willen bewiesen, sich nicht verunsichern lassen, bis zur letzten Minute die Disziplin und Konzentration aufrecht erhalten. Wie sie das schaffen, ist schon bewundernswert, auch wenn es für manche nicht schön anzuschauen ist, wenn sich ein Team 90 Minuten lang nur hinten reinstellt. Aber sie haben im Hinspiel bewiesen, dass sie auch drei Tore gegen Barcelona schießen können, dort wurde das Halbfinale gewonnen. Im Camp Nou mussten sie nur noch verteidigen. Aber das haben sie so gut gemacht, wie wahrscheinlich noch keine andere Mannschaft vor ihnen.

bundesliga.de: Wird Inter auch im Finale so destruktiv auftreten?

Hitzlsperger: Nein, denn das kann man nicht miteinander vergleichen. Die Nervosität wird groß sein, aber ich erwarte ein anderes Spiel. Inter wird sicherlich auch seine Chancen suchen und nicht nur abwartend auf Konter spielen.

bundesliga.de: Wie muss der FC Bayern agieren? Sicher stehen oder mutig nach vorne spielen?

Hitzlsperger: Die Bayern verfügen natürlich über großes Offensivpotenzial, aber ich denke, beide Teams werden kontrolliert auftreten. Keiner wird sich einigeln oder nur nach vorne stürmen, sondern beide werden auf eine gute Mischung aus Offensive und Defensive setzen. Aber im Fußball weiß man nie. Es geht um verdammt viel in diesem Finale, daher ist alles möglich.

bundesliga.de: Zum Abschluss: Wie lautet Ihr Tipp für das Finale?

Hitzlsperger: Ich hoffe, dass die Bayern gewinnen. Mario Gomez soll einen rein hauen und dann ist gut!


Das Gespräch führte Denis Huber