Seit 2007 ist der ehemalige Weltklassespieler UEFA-Präsident. Im Interview mit dem Bundesliga-Magazin lobt Michel Platini ausdrücklich den deutschen Profifußball, bezieht Stellung zu aktuellen Themen und erklärt, warum Fußball nach wie vor das schönste Spiel der Welt ist.

Bundesliga-Magazin: Michel Platini, Hand auf s Herz: Seit wann ist Ihnen der VfL Wolfsburg, der Deutsche Meister 2009, ein Begriff?

Michel Platini: Länger als Sie glauben. Wolfsburg ist mir bereits vor einigen Jahren im UEFA-Cup aufgefallen.

Bundesliga-Magazin: Von Trainer Felix Magath hatten Sie aber schon früher gehört.

Platini: Viel zu oft, seit er im Finale um den damaligen Europapokal der Landesmeister 1983 in Athen das entscheidende Tor zum 1:0-Sieg des Hamburger SV gegen meinen damaligen Club Juventus Turin erzielt hat.

Bundesliga-Magazin: Wann und wie haben Sie die Bundesliga kennen gelernt?

Platini: Sehr früh, weil wir schon samstags abends Berichte von der Bundesliga zu sehen bekamen. Da ich in Lothringen aufgewachsen bin, konnte ich die Spiele auch im deutschen Fernsehen verfolgen. Die Tore aus Italien gab es nie, aus England nur selten, weil in diesen Ligen sonntags gespielt wurde.

Bundesliga-Magazin: Wie bewerten Sie persönlich die Bundesliga heute? Lebt sie vor allem auch von ihrer enormen Spannung mit wechselnden Titelträgern?

Platini: Ich persönlich finde das gut und attraktiv. Dass es in der Bundesliga keine Investoren in der Form wie in anderen Ländern gibt, sehe ich als richtig an.

Bundesliga-Magazin: Womit wir bei den unterschiedlichen Voraussetzungen in den europäischen Ligen wären.

Platini: In Deutschland müssen die Clubs, wie auch in Frankreich, vernünftig wirtschaften. Der deutsche Fußball hat, auch mit Hilfe der Politik, einen guten Weg eingeschlagen - dort wird seriös gearbeitet.

Bundesliga-Magazin: Ist der deutsche Profifußball auch mit seinem schon über Jahrzehnte praktizierten Lizenzierungsverfahren auf dem richtigen Weg?

Platini: Persönlich sehe ich diese Vorgehensweise sehr positiv - auch wenn die Präsidenten einzelner Clubs in anderen europäischen Ligen anderer Meinung sind.

Bundesliga-Magazin: Ein schönes Kompliment für die Bundesliga.

Platini: In anderen Ländern können die Clubs sich massiv verschulden, ja sie werden teilweise sogar dazu eingeladen. Unter diesen Umständen ist es für die Clubs aus den Ligen mit restriktiven Rahmenbedingungen verdammt schwer, die UEFA Champions League zu gewinnen.

Bundesliga-Magazin: Tendenz steigend? Die neuerliche Explosion der Transfersummen, vor allem beim Wechsel von Cristiano Ronaldo zu Real Madrid, hat in der Sommerpause für viel Diskussionsstoff gesorgt. Welche Position vertreten Sie?

Platini: Wenn Real Madrid 94 Millionen Euro hat, um diesen Betrag für Cristiano Ronaldo an Manchester United zu überweisen, können wir einen solchen Transfer nicht verbieten - auch wenn das Geld als Kredit von einem Bankinstitut zur Verfügung gestellt worden ist. Im Übrigen habe ich zwar gesagt, dass ich eine solche Summe für exzessiv halte, dies aber nicht verurteilt.

Bundesliga-Magazin: Aber sind solche Beträge tatsächlich noch gerechtfertigt?

Platini: Wenn jemand die finanziellen Mittel dazu hat, kann er sich einen Ferrari leisten. Hat jemand nicht so viel Geld, kommt er beispielsweise mit einem Volkwagen zurecht. So ist das Leben.

Bundesliga-Magazin: Halten Sie den Begriff Finanz- Doping für gerechtfertigt?

Platini: Der Grundsatz dessen, was erlaubt sein sollte, ist ganz einfach - wir können nur ausgeben, was wir haben. Darüber hinaus wird es aber auch schon problematisch. Das beginnt bei den höchst unterschiedlichen Steuergesetzgebungen in den einzelnen Ländern und endet damit, dass der Verkauf von TV-Rechten in den Ligen nicht identisch gehandhabt wird.

Bundesliga-Magazin: Was können Sie unternehmen?

Platini: Mein Job ist es, innerhalb der UEFA für ein möglichst großes Gleichgewicht zu sorgen. Daran arbeiten wir intensiv.

Bundesliga-Magazin: Im Moment scheint es aber, als würden die großen Unterschiede noch anwachsen. Inwieweit helfen schon bestehende Maßnahmen?

Platini: Das Lizenzierungsverfahren der UEFA wurde eingeführt, um den Fußball zu verbessern, die Stadien, die Infrastruktur, die Nachwuchsarbeit. Und es gab auch schon etwa 15 Clubs, die nicht zu europäischen Wettbewerben zugelassen wurden. Dabei muss ich jedoch betonen: Nicht die UEFA kann Clubs wegen Verfehlungen ausschließen, sondern das ist Sache der die Lizenz erteilenden nationalen Verbände, zum Beispiel durch eine Lizenzverweigerung. Wenn wir aber einmal zu Regeln das finanzielle Fairplay betreffend kommen, dann wird es die UEFA sein, die über solche Startberechtigungen entscheidet.

Bundesliga-Magazin: Sehen Sie im Salary Cap, einer Gehaltsobergrenze, einen realistischen Ansatz?

Platini: Für einzelne Spieler kann es keine Gehaltsobergrenze geben. Aber wir können von den Clubs verlangen, dass sie nur einen gewissen Prozentsatz ihres Umsatzes für die gesamten Gehälter aufwenden. Dabei müsste eventuell eine prozentuale Abstufung zugunsten wirtschaftlich weniger gut aufgestellter Länder eingeführt werden, damit auch die dortigen Clubs eine größere Chance bekommen, ihre besten Spieler nicht regelmäßig an finanzstarke Ligen zu verlieren. Das Einkommen von Cristiano Ronaldo oder Franck Ribéry stellt nicht das Problem dar.

Bundesliga-Magazin: Was ist für Sie dann das Problem?

Platini: Die Summe aus der Vielzahl von Verträgen einschließlich der Ersatzspieler. Für die UEFA Champions League darf ein Club immer nur maximal 25 Spieler melden. Und auch im nationalen Bereich bin ich strikt für eine Begrenzung der Kaderstärke.

Bundesliga-Magazin: Auch eine Konsequenz aus allgemein schwierigen Zeiten? Wie stark wird sich Ihrer Meinung nach die Weltwirtschaftskrise auf den Fußball auswirken?

Platini: Nicht für die Topclubs, aber auf darunter liegende Ebenen. Die Wirtschaftskrise wird auch den Fußball tangieren - und gleichzeitig auch wieder nicht. Ich selbst habe mit dem Fußballspielen angefangen, als ich das Wort Profi noch gar nicht kannte, es keine TV-Rechte und Marketingmaßnahmen gab. Wenn weniger Geld da sein wird, bedeutet das keine Tragödie. Dann wird den Spielern einfach weniger gezahlt. Das Spiel wird siegen.

Bundesliga-Magazin: Im Verhältnis zwischen Politik und Sport geht die Initiative zum Dialog inzwischen vom Fußball aus, der sich lange im Elfenbeinturm wohlfühlte. Wie bewerten Sie die Situation?

Platini: Um diese Frage gründlich zu beantworten, müsste ich ein Buch schreiben.

Bundesliga-Magazin: Wir bitten um die kompakte Form.

Platini: Was damit angesprochen ist, umfasst die gesamte Geschichte des Fußballs - woher er kommt, wie sich seine Sitten entwickelt haben. Früher wollte sich der Fußball oft über die Gesetze stellen. Der große Bruch kam 1995 durch das Bosman-Urteil, das zunächst ausschließlich zur Folge hatte, dass ein Spieler nach Vertragsende frei war - was übrigens total richtig ist. Aber die Europäische Kommission hat dies zum Anlass genommen, auch die Freizügigkeit bei der Wahl des Arbeitsplatzes über Landesgrenzen hinweg zu installieren. Seither gab es viele Entwicklungen, zum Beispiel die Anerkennung der FIFPro als Gewerkschaft durch die FIFA oder die gewachsene Bedeutung der professionellen Ligen.

Bundesliga-Magazin: Aber ohne Zweifel wird der Austausch mit der Politik intensiver geführt. Vor dem Europäischen Parlament in Brüssel haben Sie im vergangen Februar Ihre Sicht der Dinge dargestellt. Wo lagen die Schwerpunkte?

Platini: Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass wir unsere Probleme selbst regeln müssen. Denn andernfalls werden das die Politik und die Gerichte übernehmen. Und das kann nicht das Ziel des Fußballs sein. Dies habe ich schon 2007 bei meiner Wahl zum UEFA-Präsidenten beim Kongress in Düsseldorf formuliert. Der Fußball zieht als Spiel die Massen an. Erst dadurch erhält er seine ökonomische Bedeutung. 99,9 Prozent der Fußballspieler spielen Fußball um des Spielens Willen. Und lediglich für 0,1 Prozent der Spieler ist das ein Beruf. Auf dieser Grundlage muss dem Fußball auch von der politischen Seite eine Sonderrolle eingeräumt werden.

Bundesliga-Magazin: Ein anderes Thema ist die beim FIFA-Kongress 2008 in Sydney verabschiedete 6+5-Regel, nach der in der Mehrzahl einheimische Spieler ein Team bilden sollen.

Platini: Derzeit ist von allen maßgeblichen politischen Ebenen in Europa zu hören, dass dies nicht gesetzeskonform sei. Wenn die Regelung doch legal werden sollte, werden wir darüber mit den nationalen Verbänden und den Ligen diskutieren.

Bundesliga-Magazin: Diskussionen oder Dialog sind gute Stichworte. Wie gestaltet sich das Zusammenspiel zwischen UEFA und FIFA?

Platini: Grundsätzlich pflegen wir ein gutes Verhältnis, obwohl es sicherlich auch unterschiedliche Positionen gibt. Sepp Blatter ist politischer als ich, weil die FIFA politischer ausgerichtet sein muss als die UEFA. Die FIFA muss die Interessen aller Konföderationen unter einen Hut bringen, die auf den einzelnen Kontinenten sehr unterschiedlich sind. Das verändert die Aufgabenstellung gegenüber der UEFA, wo es bei allen Mitgliedsverbänden im Prinzip gleiche Interessen und eine Philosophie gibt. Außerdem sind wir unabhängig. Wir benötigen nicht die finanziellen Mittel der FIFA, um unsere Aufgaben erfüllen zu können.

Bundesliga-Magazin: Der Fußball war immer von großen Veränderungen, von Entwicklungen geprägt. Künftig kann ein Spieler mit zwei Staatsangehörigkeiten unter gewissen Voraussetzungen auch noch später als bisher das Nationalteam wechseln. Welche Meinung haben Sie dazu?

Platini: Ich habe den Europäern empfohlen, dagegen zu stimmen, und davor gewarnt, dass diese Regelung zu einem Bumerang werden kann. Die Verbände müssen aufpassen, auch Initiatoren des Antrags wie Algerien. Denn es geht jetzt ja nicht nur darum, dass ein solcher Verband zum Beispiel Spieler aus Frankreich für sein Team gewinnen kann, sondern sich umgekehrt auch Frankreich etwa in seinen früheren Kolonien umsehen kann oder in der deutschen Nationalmannschaft auch türkische Fußballer spielen könnten.

Bundesliga-Magazin: Welche Erwartungen haben Sie an die neue UEFA Europa League in der Nachfolge des UEFA-Pokals?

Platini: Die UEFA wollte schon seit einiger Zeit etwas für diesen Wettbewerb tun, eine Aufwertung erreichen. Der UEFA-Cup, den ich selbst übrigens auch nie holen konnte, war früher doch der am schwierigsten überhaupt zu gewinnende Wettbewerb mit den Vizemeistern sowie den Dritt- und Viertplatzierten der Topligen. Die Champions League mit bis zu vier Vertretern aus einem Land hat den UEFA-Cup dann in den Hintergrund gedrängt. Parallel zur UEFA Champions League als Veranstaltung für die Elite wird die Europa League jetzt im neuen Format, mit zentraler Vermarktung und damit mehr Geld sowie größerer Attraktivität nach meinem Dafürhalten zu unserem Wettbewerb für die normalen Clubs - und diese sind die Seele des Fußballs in Europa.

Bundesliga-Magazin: Sie sind angetreten mit der Zielsetzung, den Fußball besser zu machen. In der Europa League wird es einen Test mit zwei zusätzlichen Schiedsrichtern geben. Was versprechen Sie sich davon?

Platini: Das Problem sind ja nicht die Leistungen der Schiedsrichter. Als Fußball noch nicht mit 20 Kameras übertragen wurde, waren Irrtümer eigentlich bedeutungslos, weil sie nicht zu beweisen waren. Auch ich wusste in meiner aktiven Zeit, dass nicht immer die richtige Entscheidung getroffen werden konnte.

Bundesliga-Magazin: Zu welcher Meinung sind Sie in der Folge gelangt?

Platini: Es gibt zwei Möglichkeiten, von denen eine ein Desaster wäre. Denn der Videobeweis mit Unterbrechungen im Zweiminutentakt würde zu einem ganz anderen Spiel führen und wäre der Tod des Fußballs. Wenn wir diese Technologien aber nicht hinzuziehen, brauchen wir mehr Augen auf dem Fußballplatz. Zwei weitere Schiedsrichter im Bereich der beiden Tore, die ihre Wahrnehmungen per Headset immer an den Hauptschiedsrichter weitergeben, sind für mich der einzig machbare Weg. Er wird automatisch zu Verbesserungen führen.

Bundesliga-Magazin: Wie wird es nach der einjährigen Testphase weitergehen?

Platini: Danach ist das International Board der FIFA für weitergehende Beschlüsse zuständig. Ob die nationalen Ligen eine Übernahme in ihre Wettbewerbe anstreben, wird von UEFA-Seite nicht beeinflusst, bleibt also den einzelnen Verbänden überlassen. Aufgrund der Mehrkosten dürfte das letztlich aber auch eine finanzielle Frage sein.

Bundesliga-Magazin: Schon als Spieler haben Sie Wertbegriffe in den Vordergrund gestellt, verstärkt praktizieren Sie das jetzt als UEFA-Präsident - aus welchem Antrieb?

Platini: Fußball ist einfach das schönste Spiel der Welt. Der Fußball selbst ist der Schlüssel für alles Weiterreichende. Und aus der Attraktivität resultiert auch die viel größere Bedeutung im Vergleich zu anderen Sportarten. Versuchen Sie doch mal, die Champions League in einer anderen Sportart so erfolgreich zu installieren, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Aus all dem erwächst Fußball als soziales Phänomen, daraus ergibt sich die soziale Verantwortung. Und meine Aufgabe als UEFA-Präsident ist es auch, diese Schönheit des Fußballs zu schützen. Das ist meine Philosophie und Moral - und nicht nur eine leere Phrase.

Bundesliga-Magazin: Zu den Elf Prinzipien als Arbeitsgrundlage vom 33. UEFA-Kongress im März dieses Jahres in Kopenhagen gehört auch der Punkt Jugendschutz und Ausbildung. Worauf kommt es Ihnen dabei besonders an?

Platini: Der Fußball und speziell die UEFA als Führungsinstanz haben neben den sportlichen Aufgaben auch eine moralische Verantwortung. Deshalb müssen wir minderjährige Spieler vor internationalen Transfers schützen, durch die sie in einem zu jungen Alter aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen und entwurzelt werden. Dabei geht es natürlich auch um den Schutz der ausbildenden Clubs.

Bundesliga-Magazin: Speziell haben Sie dem Fußball den Begriff Respekt auf die Fahne geschrieben. Mit welcher Zielsetzung?

Platini: Das Leben in jeder Form erfordert meiner Auffassung nach gegenseitigen Respekt. Dieser Begriff wird in allen Sprachen verstanden und berührt sämtliche Bereiche des menschlichen Zusammenlebens, ist dabei die Grundlage. Respekt im Fußball umfasst das Spiel selbst, den Schiedsrichter, die gegnerische Mannschaft, die Fans, die Umwelt und im weiteren Sinne Familie und Freunde, ja sogar Feinde. Ich respektiere doch sogar die Bundesliga...

Bundesliga-Magazin: Wir geben Ihr Augenzwinkern bei dieser Aussage gerne zurück. Aber Sie unternehmen trotzdem nichts dafür, dass die Bundesliga erstmals nach dem FC Bayern im Jahr 2001 wieder die UEFA Champions League gewinnt.

Platini: In dieser Hinsicht tue ich aber auch nichts für Frankreich. Ich kann nur für Respekt und Fairness und für die Schönheit des Spiels plädieren.