München - Der 1. FC Nürnberg hat die Vorbereitung auf die vierte Bundesliga-Saison in Folge gestartet. Die Franken hoffen, dass sie sich nach zwei starken Spielzeiten, die sie auf den Plätzen 6 und 10 abschlossen, nun dauerhaft im Oberhaus etablieren können. bundesliga.de sprach exklusiv mit Defensivmann Hanno Balitsch über die personellen Veränderungen, die kommende Saison und den neuen Konkurrenten vor der eigenen Haustür.

bundesliga.de: Hanno Balitsch, der 1. FC Nürnberg ist früher als viele Bundesliga-Konkurrenten ins Training eingestiegen. Ist so ein Aufgalopp für Sie nach Ihren vielen Jahren als Profi Routine oder immer noch etwas Besonderes?

Hanno Balitsch: So ein Trainingsauftakt ist für mich inzwischen schon auch ein Stück weit Routine. Aber es ist auch jedes Jahr ein bisschen anders und spannend, weil man die neuen Teamkollegen zum ersten Mal sieht. Und für mich ist es die erste Sommervorbereitung beim "Club". Wir sind seit vergangenem Sonntag wieder im Training und bereiten uns auf die neue Saison vor. In diesem Jahr ist die Sommerpause auch ungewöhnlich lange.

bundesliga.de: Sie haben die neuen Teamkollegen angesprochen. Acht Spieler haben den "Club" verlassen, darunter Leistungsträger wie Philipp Wollscheid, Jens Hegeler oder Daniel Didavi. Sechs Neue sind gekommen, die in Deutschland bekanntesten sind sicherlich Timo Gebhart vom VfB Stuttgart oder der Wolfsburger Sebastian Polter. Wie stark schätzen Sie den neuen Kader ein?

Balitsch: Ich hoffe, dass die Neuen die Abgänge kompensieren werden. Da muss man abwarten. Es ist noch viel zu früh, um eine Prognose zu stellen. Wir haben die Hoffnung, dass sich unsere relativ junge Mannschaft weiterentwickelt, die Spieler reifen und dazulernen und wir dann als Mannschaft den nächsten Schritt gehen. Für einige neue Spieler wie unseren Japaner Hiroshi Kiyotake ist die Bundesliga Neuland. Sie müssen sich erst eingewöhnen. Aber wir haben jetzt auch eine lange Vorbereitungszeit.

bundesliga.de: Wie sieht das Programm den nächsten Wochen aus? Freuen Sie sich auf die Konditionsbolzerei?

Balitsch: Nach den ersten Testspielen geht es ab dem 7. Juli ins erste von zwei Trainingslagern. Ich gehe davon aus, dass alle Spieler in der Pause ihre Hausaufgaben gewissenhaft gemacht haben und konditionell eine Grundlage da ist. Und erfahrungsgemäß macht unser Trainer Dieter Hecking sehr intensive Trainingseinheiten. Ob dann noch sehr viele zusätzliche Laufeinheiten nötig sind, werden wir sehen.

bundesliga.de: Gehört der FCN nach den Plätzen 6 und 10 in den vergangenen beiden Spielzeiten jetzt zu den etablierten Vereinen der Bundesliga? Oder muss man in Nürnberg trotzdem immer auch auf Abstiegskampf gefasst sein? Es gibt die warnenden Beispiele von Vereinen wie Eintracht Frankfurt oder dem 1. FC Köln, die es nach einer längeren Zeit in der Bundesliga doch wieder erwischt hat.

Balitsch: Für Vereine wie den "Club" und viele andere Teams auch besteht in der Bundesliga immer die latente Gefahr, auch aus erklärbaren Gründen wie einem größeren Verletzungspech unten reinrutschen zu können. Wir sind aber guter Dinge, dass es uns nicht erwischt und die Mannschaft wie gesagt den nächsten Schritt geht. Wir spielen jetzt das vierte Jahr in Folge in der Bundesliga, haben zuletzt die Plätze 6 und 10 erreicht. Der "Club" hat das Image der Fahrstuhlmannschaft abgelegt und sich in kleinen Schritten kontinuierlich weiterentwickelt. Das wollen wir fortsetzen und eine gute Saison spielen.

bundesliga.de: Was wäre eine gute Saison?

Balitsch: Am Besten wäre es, so schnell wie möglich die 40 Punkte zu holen und gar nicht in den Tabellenregionen zu landen, in denen es eng werden könnte. Im letzten Jahr wurde es zwischendurch einmal eng, aber immer dann haben wir die "Knackspiele" gewonnen. Wir wollen schnell gesichert sein und dann schauen, ob vielleicht sogar noch etwas nach oben geht.

bundesliga.de: Sie sind seit Jahresbeginn in Nürnberg. War der Wechsel zum "Club" nach der zuletzt eher unerfreulichen Entwicklung in Leverkusen so etwas wie ein Neustart für Sie?

Balitsch: Nein, ich bin jetzt 31 Jahre alt, da würde ich nicht mehr von einem Neustart sprechen. Ich spiele in Nürnberg jetzt eine andere Rolle als in Leverkusen. Ich stelle mich auf dem Platz der Verantwortung. Die Zeit in Leverkusen war für mich sicherlich zweigeteilt. Das erste Jahr unter Jupp Heynckes war fantastisch. Im zweiten Jahr unter Robin Dutt war es dann weniger fantastisch.

bundesliga.de: Sie kamen als Kapitän von Hannover 96 zur "Werkself". Kurz nachdem Sie dort unterschrieben hatten, gab Leverkusen dann die Verpflichtung von Michael Ballack bekannt, der auch auf Ihrer Position spielte. Wie sehr hat das für Sie eine Rolle gespielt?

Balitsch: In den Gesprächen mit Jupp Heynckes hat mir der Trainer meine Rolle klar beschrieben. Er sah mich als Spieler, der auf mehreren Positionen eingesetzt werden kann und mal von der Bank kommt und mal in der Startelf steht. Außerdem war Michael Ballack im ersten halben Jahr lange verletzt. Insofern hat das für mich keine so große Rolle gespielt. In diesem ersten Jahr in Leverkusen wurden meine Erwartungen zu 110 Prozent erfüllt.

bundesliga.de: Jetzt arbeiten Sie in Nürnberg mit Dieter Hecking zusammen, den Sie noch aus Hannover kennen. Wie ist Ihr Verhältnis zum Trainer?

Balitsch: Ich habe ein normales, ein gutes Verhältnis zum Trainer. Es gab zu unserer Hannoveraner Zeit einmal eine Meinungsverschiedenheit, aber die ist lange ausgeräumt. Beide Seiten hatten bei den ersten Gesprächen über einen Wechsel nach Nürnberg das Gefühl, dass es eine gute Zusammenarbeit werden würde. Es ist sogar ein Vorteil, dass wir gegenseitig unsere Stärken und Schwächen kennen. Wir können gelassen und vertrauensvoll damit umgehen.

bundesliga.de: In Nürnberg sind Sie jetzt nicht mehr der Ergänzungsspieler wie in Leverkusen, sondern wieder ein erfahrener Spieler, der eine Führungsrolle übernehmen soll. Liegt Ihnen diese Rolle?

Balitsch: Ja. Es passt auch von meiner Position vor der Abwehr. Wir haben eine junge Mannschaft und ein paar Ausreißer nach oben, Spieler, die über 30 Jahre alt sind. Ich denke da an Rafael Schäfer, Timmy Simons, Markus Feulner, Per Nilsson oder mich. Wir sind dann vor allem in Situationen gefordert, in denen es enger werden könnte, nicht nur auf dem Platz. Wir müssen dann vorangehen, die Ruhe bewahren. Wir können das, weil wir solche Situationen schon erlebt haben.

bundesliga.de: In der kommenden Saison findet der "Club" mit der SpVgg Greuther Fürth einen neuen Bundesliga-Konkurrenten unmittelbar vor der Haustür vor. Freuen Sie sich auf den Aufsteiger oder wäre Ihnen Paderborn oder St. Pauli lieber gewesen?

Balitsch: Ich sehe das sportlich. Ich freue mich auf zwei Derbys, auf spannungsgeladene Spiele mit Emotionen in vollen Stadien. Das ist mir doch lieber als lange Fahrten nach Paderborn oder St. Pauli. Fürth tut uns gut, Konkurrenz belebt das Geschäft. Und man muss auch anerkennen, dass die SpVgg jahrelang immer oben mitgespielt hat und dies mit bescheidenen Mitteln. Der Aufstieg ist der verdiente Lohn der Arbeit. Das muss man abseits der Rivalität anerkennen.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski