Stuttgart - Erst ganz schwach, dann mit einer tollen Moral: Der SC Freiburg hat beim VfB Stuttgart Qualitäten im Abstiegskampf bewiesen. Auch weil Trainer Christian Streich der Mannschaft während und nach der Partie immens weiterhalf.

Da konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen: "Wir haben einfach einen super Trainer", erklärte ein sichtlich zufriedener Freiburger Torwart Roman Bürki in den Katakomben der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena. Vorausgegangen war ein Auftritt von Christian Streich bei der Pressekonferenz, der mal wieder in die Annalen der Bundesliga-Historie eingehen dürfte. Als alle erwarteten, dass Streich seine Mannschaft nach einer erfolgreichen Aufholjagd und dem 2:2-Punktgewinn beim VfB lobte, stellte er sich schlecht gelaunt selbst an den Pranger.  

Streich nimmt erste Hälfte auf seine Kappe

„Wir haben in der ersten Hälfte furchtbar gespielt, und normalerweise ist das Spiel weg. Die Mannschaft hat es dann in der zweiten Hälfte verstanden, aber ich bin dennoch sehr, sehr enttäuscht“, so der erzürnte Übungsleiter. „Denn im Vorhinein habe ich offenbar nicht die richtigen Ideen gehabt, und darüber muss ich erst einmal mit mir in Klausur gehen. Die Verantwortung über die erste Hälfte trage ganz allein ich.“

In der Tat erwischten die Freiburger einen rabenschwarzen Beginn und spielten im so wichtigen Baden-Württemberg-Derby eine fast schon desolate Hälfte. „Wir haben ohne richtigen Druck gehabt zu haben viel zu viele lange Bälle nach vorne gespielt und diese dann viel zu schnell verloren“, analysierte Bürki. Wo es den Freiburgern zuletzt immer besser gelungen war, mit schnellen Kurzpässen und technisch hochwertigen Ballstafetten ihr Spiel aufzuziehen, standen diesmal Fehler über Fehler. Immer wieder ließen sie den wendigen und schnellen Stuttgartern Angreifern zu viel Platz und waren vor allem über die Außenbahnen anfällig. Auch die  beiden Innenverteidiger Stefan Mitrovic und Marc Torrejón wirkten unsicher.

Umstellungen zur Pause fruchten

So war es nur zwangsläufig, dass die Breisgauer mit einem 0:2-Rückstand in die Kabine gingen und wirklich niemand mehr mit einem Comeback rechnete. Trainer Streich traf in der Pause dann aber die vielleicht entscheidenden Maßnahmen. Die schwachen Mitrovic und Christian Günter blieben draußen, Vladimir Darida und Nicolas Höfler kamen aufs Feld.

Die Umstellungen fruchteten. Im zweiten Durchgang drehte der Sportclub auf und drängte den VfB in dessen Hälfte. Ein verwandelter Foulelfmeter von Nils Petersen und noch einmal der Ex-Bremer fünf Minuten vor dem Ende brachten den verdienten Lohn einer couragierten zweiten Hälfte. Streich muss in der Kabine die richtigen Worte gefunden haben, seine Spieler wirkten wie verwandelt und erarbeiteten sich letztlich den verdienten Lohn ihrer Bemühungen. Mit dem Punktgewinn halten sie Abstiegs-Rivale bei drei Punkten Abstand, es war ein erfolgreicher Arbeitstag für die Akteure von der Dreisam.

Lebensversicherung Petersen

Die Freiburger haben in Stuttgart ein deutliches Signal im Abstiegskampf ausgesendet und ihre intakte Moral unter Beweis gestellt. "Wir haben eine schreckliche erste Halbzeit gespielt", sagte Doppel-Torschütze Petersen nach der Partie. Gerade er ist es, der sich in der restlichen Saison noch zu einer Lebensversicherung für die Freiburger entwickeln könnte. Nach langer Verletzungspause wegen einer Außenband-Verletzung ist Petersen nun wieder da, besonders wichtig, weil sein Sturmpartner Admir Mehmedi sich weiter im Leistungsloch befindet. Auch in Stuttgart spielte der Schweizer schwach.

"Wir haben eine tolle Moral bewiesen und freuen uns über diesen Punktgewinn", erklärte  SC-Präsident Fritz Keller am Samstagabend und konnte über Streichs Worte in der Pressekonferenz herzlich schmunzeln. Auch er wusste nur zu genau: Sein Trainer kann zum entscheidenden Faktor im Abstiegskampf werden. Eine punktgenaue Ansprache, die richtigen taktischen Maßnahmen und die Fähigkeit, den Druck von der Mannschaft auf sich selbst zu lenken: Das könnte dazu führen, dass ein Wechselbad der Gefühle wie in Stuttgart am Ende der Saison in einer großen Party mündet.  

Aus Stuttgart berichtet Jens Fischer