Berlin - Irgendwie lag der Fokus nach dem 2:2-Unentschieden gegen Werder Bremen nicht auf ihm: Herthas neuer Abwehrchef John Heitinga. Das lag aber nur wenig an dem Niederländer selbst. Der hatte bei seinem Bundesligadebüt eine solide Leistung gezeigt. Doch sowohl vorne als auch hinten standen am Ende andere Akteure im Mittelpunkt.

Klar, in der Offensive war Neu-Herthaner Julian Schieber der Mann des Tages. Mit seinem Doppelpack setzte sich der Angreifer gleich mal an die Spitze der Bundesliga-Torjägerliste. Hinten war es vor allem Keeper Thomas Kraft, der durch sein zögerliches Herauslaufen die Hauptschuld am Bremer Anschlusstreffer trug und dafür ausdrücklich von Trainer Jos Luhukay kritisiert wurde.

Die Rolle von Kobiashvili übernehmen

Doch der zweite Blick zeigt: Der ablösefrei vom englischen Premier-League-Absteiger FC Fulham an die Spree gewechselte Innenverteidiger John Heitinga konnte die in ihn von seinem Landsmann auf der Trainerbank gesetzten Erwartungen bereits erfüllen.

Luhukay hatte bei der Verpflichtung des 87-maligen holländischen Nationalspielers gesagt: "Wir haben mit Levan Kobiashvili den erfahrensten Spieler im Kader verloren. Ich habe bei der Vorstellung von John vor dem Team gesagt, dass ich hoffe, dass John die Rolle von Levan übernehmen kann."

Heitinga dirigiert - starke Passquote

Wie gut das schon funktioniert, zeigte sich beim Auftakt gegen Werder vor allem in der ersten Halbzeit. In Abwesenheit des etatmäßigen Kapitäns Fabian Lustenberger trug zwar Rechtsverteidiger Peter Pekarik die Spielführerbinde. Doch dirigiert wurde die blau-weiße Hintermannschaft nicht von dem ruhigen Slowaken, sondern vom lautstarken Heitinga. Mit Erfolg: Ein ums andere Mal fanden sich die Bremer Offensivspieler im Abseits wieder. Bei den wenigen Chancen, zu denen die Gäste dann vor allem nach dem Seitenwechsel kamen, machten eher andere Herthaner die Fehler.

Fast wäre Heitinga sogar zum großen Matchwinner avanciert: Fünf Minuten vor Schluss köpfte der frühere Ajax-Spieler eine Ecke zur vermeintlichen 3:2-Führung in den Bremer Kasten. Doch Schiri Thorsten Kinhöfer erkannte den Treffer zurecht nicht an, weil der Niederländer seinen Gegenspieler zuvor regelwidrig weggeschubst hatte. Das Foul war einer von nur vier verlorenen Zweikämpfen Heitingas.

Besonders aber überzeugte der Routinier, der auch schon für Atletico Madrid und den FC Everton kickte, mit seiner Passquote. 96 Prozent seiner Zuspiele kamen an, lediglich ein Fehlpass stand am Ende zu Buche. Natürlich waren gegen die recht defensiv agierenden Bremer auch eine Menge Sicherheitspässe dabei. Interessant dürfte deshalb werden, wie Heitinga sich gegen einen spielstarken Gegner schlägt. Wenn die Hertha-Defensive insgesamt stärker unter Druck steht und es nach vorne besonders auf das schnelle Umschalten nach Balleroberung ankommt.

Gegen Leverkusen auf dem Prüfstand

Schon am kommenden Spieltag darf sich Heitinga einer solchen Bewährungsprobe stellen, wenn die Hertha bei Bayer Leverkusen gastiert, das zum Auftakt einen beindruckenden 2:0-Sieg in Dortmund einfuhr. Klar ist auch: In den bisherigen zwei Pflichtspielen setzte es für die Berliner sowohl im Pokal beim Viertligisten Viktoria Köln als auch zuhause gegen die aktuell nicht gerade für ihre furchterregende Offensivkraft bekannten Bremer jeweils zwei Gegentore.

Das schmeckt Jos Luhukay überhaupt nicht, und um das zu ändern, muss sich die gesamte Mannschaft steigern. Auch Heitinga, der von sich selber sagt, er sehe sich nicht als der Chef, und betont, dass das Verteidigen eine Gemeinschaftsaufgabe sei.

Dennoch könnte der 30-Jährige das nötige Extra-Quentchen Ehrgeiz mit in die Hauptstadt gebracht haben. Immerhin träumt der Vize-Weltmeister von 2010 davon, mit Hertha noch einmal Europapokal zu spielen und durch gute Leistungen im Verein in die niederländische Nationalmannschaft zurückzukehren. "Der Hunger ist noch da", betont Heitinga.

Aus Berlin berichtet André Anchuelo