Mainz - Der Abstiegskampf sei eine Welt mit eigenen Gesetzten, heißt es. Christian Heidel kennt sich aus in dieser Welt. Mit dem 1. FSV Mainz 05 steckte der Manager in 24 Jahren "gefühlte zehn bis zwölf Mal" im Schlammassel, wie er sagt - abgestiegen ist der Club aber nur ein einziges Mal: 2007 aus der Bundesliga - unter einem gewissen Jürgen Klopp als Trainer.

Vor dem Abstiegsduell gegen den SC Freiburg spricht Heidel im ersten Teil des großen Interviews mit bundesliga.de über den Nervenkrieg im Tabellenkeller, die Gefahren der aktuelle Situation und warum es keine Garantien in einer Situation gibt, die kein Verein erleben will.

"Dürfen uns nicht blenden lassen"

bundesliga.de: Herr Heidel, am Samstag treffen der SC Freiburg und der 1. FSV Mainz 05 aufeinander. Obwohl beide Mannschaften noch mitten im Abstiegskampf steckenm, glaubt ganz Fußball-Deutschland nicht, dass diese beiden Teams absteigen. Ist diese Wahrnehmung nicht trügerisch?

Heidel: Wenn alle sagen, ihr steigt nicht ab, ihr spielt so gut, dann ist das wirklich gefährlich. Wir haben jetzt in Freiburg, Stuttgart, Hamburg und Köln noch vier direkte Konkurrenten in den letzten sechs Spielen (Übersicht: Das Restprogramm der Abstiegskämpfer). Wenn wir diese vier Spiele verlieren, steigen wir ab. Ich sage deshalb auch intern immer wieder, dass wir uns nicht von der aktuellen Stimmung blenden lassen dürfen. Man darf sich im Abstiegskampf aber auch nicht von Tabellenplätzen blenden lassen. Es geht nur um Punkte, das habe ich gelernt. In dieser Saison braucht man voraussichtlich 36, 37 Punkte, wir haben 31 und zum Glück ein sehr gutes Torverhältnis. Wenn Freiburg am Samstag verliert, hängen sie richtig hinten drin. Wenn wir verlieren, hängen wir hinten drin. Dann dreht sich die öffentliche Wahrnehmung wieder, es geht schnell mit den Stimmungswechseln im Abstiegskampf.

bundesliga.de: Ihr Kollege Dirk Dufner von Hannover 96 sagte jüngst:  "Abstiegskampf ist eine eigene Sportart." Stimmen Sie dem zu?

Heidel: Ich glaube, im Abstiegskampf gibt es keinerlei Garantien. Es gibt höchstens höhere Wahrscheinlichkeiten, wenn man gewisse Dinge berücksichtigt, aber keine Garantie, dass man am Ende auch die Klasse hält. Gelernt habe ich aber, dass die wichtigsten Kriterien Ruhe und Realismus innerhalb des Clubs, der Mannschaft und des Umfelds sind. Man muss es hinkriegen, dass alle daran glauben, dass man den Klassenerhalt zusammen schafft. Und alle müssen die Situation nicht als Schande annehmen, sondern als Aufgabe - dann hast du eine Chance. Und trotzdem kann ein Verein - und so unberechenbar ist der Fußball -, der das alles nicht macht, am Ende trotzdem erfolgreich sein. Am Ende kommt es auch auf die individuelle Klasse der Spieler, auf Glück und Pech an. Der Abstiegskampf ist für eine Mannschaft, einen Verein wesentlich unberechenbarer als ein Rennen um die Europapokalplätze (Übersicht: Das Restprogramm der Europakandidaten).

bundesliga.de: Also stimmt der Satz: Im Abstiegskampf ist alles anders?

Heidel: Ja, da ist was dran. Unbedingt.

bundesliga.de: Wie wappnen Sie sich gegen dieses aufreibend emotionale Auf- und Ab im Abstiegskampf?

Heidel: Man muss aufhören zu überlegen, wo spielen die Konkurrenten am Wochenende und dann denken, das gewinnen die nie. Dann ist die Enttäuschung am Wochenende noch größer, wenn man in der Sportschau schaut und sich ansehen muss, wie der Konkurrent in der Nachspielzeit gegen einen Favoriten doch noch den Siegtreffer erzielt. Grundsätzlich gehe ich immer vom schlimmsten Fall für uns aus: Die anderen gewinnen immer. Es geht nur, wenn man sich auf die eigenen Spiele konzentriert, alles andere macht keinen Sinn.

"Du musst Niederlagen akzeptieren"

bundesliga.de: Schweißt der Abstiegskampf Fans, Verein und Mannschaft zusammen?

Heidel: Das hängt sehr viel mit der Erwartungshaltung eines Vereins zusammen. Wenn ein Verein in den Abstiegskampf rutscht, der da nicht hinwollte, dann ist es die Kunst, den Fans klarzumachen: Wir wollten da zwar nicht hin, aber jetzt geht es darum, uns zu unterstützen. Werder Bremen hat das im letzten Jahr hervorragend hinbekommen. Das war ja für alle Bremer das erste Mal im Tabellenkeller nach all den erfolgreichen Jahren. In Bremen haben sie es geschafft, eine sehr emotionale Bindung zwischen Mannschaft und Fans zu schaffen. Eine ganze Stadt, eine ganze Region stand plötzlich hinter der Mannschaft, obwohl sie hinter den Erwartungen geblieben ist - und nur dadurch sind sie dringeblieben. Werder hat diese Stimmung mit in die neue Saison genommen, die Leute haben kapiert, dass das Werder von gestern Vergangenheit ist. Die machen das sehr gut in Bremen. Wenn die Erwartung der Realität nicht mehr standhält, dann muss man das als Verein den Leuten klarmachen, sonst hast du ein Problem. Wenn nicht jeder Zweikampf als Tor gefeiert wird und die Leute schon nach dem dritten Fehlpass pfeifen - dann wird es schwierig. Fehlpässe kommen bei Mannschaften, die unten stehen, aber vor, dass muss man den Leuten klarmachen.

bundesliga.de: Das ist während Niederlagenserien aber schwer zu erklären, oder?

Heidel: Die Erfahrung zeigt, dass die Bindung irgendwann automatisch kommt. Wenn die Leute merken, es geht um alles, dann kommen sie und unterstützen die Mannschaft. Das gelingt nur nicht, wenn eine Mannschaft total hinten wegbricht. Ich glaube übrigens auch nicht, dass die Unterstützung jetzt beim HSV wegbricht. Ganz im Gegenteil, die Hamburger werden den HSV gnadenlos unterstützen. Auch in Stuttgart hat sich die Stimmung gedreht.

bundesliga.de: Als der 1. FSV Mainz 05 in der Saison 1995/96 fast abgestiegen wäre, wechselten Sie nach acht Spielen mit nur einem Punkt und 0:14 Toren den Trainer - und es kam Wolfgang Frank. Erst am letzten Spieltag gegen den VfL Bochum gelang der Klassenerhalt.

Heidel: Ja, das werde ich nie vergessen. Wir waren nach der Vorrunde Letzter, nach der Rückrundentabelle aber Erster und haben uns dennoch erst am letzten Spieltag gerettet. Wir haben damals mit Wolfgang Frank alles umgestellt: Libero abgeschafft, auf Viererkette umgestellt - und obwohl wir die beste Rückrundenmannschaft waren, verlief diese Saison so bekloppt, dass wir erst am letzten Spieltag den Klassenerhalt schafften. Marco Weißhaupt hat Tor beim 1:0 gegen Bochum gemacht, ich weiß noch genau wie - das war Nervenkrieg brutal. Im Abstiegskampf muss man auch wissen - und das musste ich nach der jüngsten Heimniederlage gegen Leverkusen auch in Mainz wieder erklären: Nur weil du einen Trainerwechsel machst, heißt das nicht, dass du nun kein Spiel mehr verlierst. Du muss im Abstiegskampf Niederlagen akzeptieren, verschmerzen und weitermachen. Wenn nach Niederlagen die große Depression kommt, hilft das der Mannschaft nicht, weil die merkt, dass der Glaube verloren geht.

"Wir waren nicht mehr bundesligatauglich"

bundesliga.de: Mainz 05 war mit Thomas Tuchel fünf Jahre lang nicht im Abstiegskampf. Mussten Sie dem Umfeld in Mainz nun wieder erklären: Hey Leute,  jetzt sind wir wieder mittendrin?

Heidel: Das muss man auch in Mainz immer wieder erklären. Wir sind natürlich auch ein bisschen Opfer unseres eigenen Erfolges. Aber wir schließen das Thema Abstiegskampf nie aus, wenn wir in eine Saison gehen. In den letzten Jahren waren wir immer relativ früh gerettet, es wurde schon gar nicht mehr gefeiert, das wurde als normal angesehen. Das war aber auch ein Stück weit trügerisch. Wir haben nach dem Umbruch und mit dem neuen Trainer lange von einem guten Start in die Bundesliga gezehrt. Aber wir sind von Spiel zu Spiel immer weiter nach unten gerutscht. Der Trainerwechsel zu Martin Schmidt war dann der Erkenntnis geschuldet, dass wir den Glauben verloren haben, dass wir mit Kasper Hjulmand den Schalter werden umlegen können.

bundesliga.de: "Wenn es um alles geht, muss Entwicklung Pause machen" - das ist ein Zitat von Ihnen.

Heidel: Das stimmt. Selbst wenn man seinen eigenen Grundsätzen untreu werden muss, um die Klasse zu halten - dann muss man das tun. Dann wird Entwicklung eben drei Monate nach hinten verschoben. Kasper glaubte, dass seine Idee vom gepflegten Passspiel und mehr Dominanz greifen wird. Wir wollten aber nicht, dass diese Idee erst am sechsten Spieltag der neuen Zweitligasaison greift.

Hier geht's zum 2. Teil des Interviews mit Christian Heidel

Das Gespräch führte Tobias Schächter