Rund 222 Straßen-Kilometer trennen die beiden Landeshauptstädte München und Stuttgart voneinander. Knapp zweieinhalb Stunden mit moderatem Tempo über die A8.

Bei dieser örtlichen Nähe ist es leicht nachvollziehbar, dass sich zwischen dem FC Bayern München und dem VfB Stuttgart mit der Zeit eine lockere, teils osmotische Symbiose entwickelt hat, ohne an sportlicher Rivalität einzubüßen. So wollte schon Thomas Strunz als schwäbisch-bayerischer Grenzgänger erkannt haben, dass das Schönste an Stuttgart die Autobahn nach München sei.

Babbel hat was im Gepäck

Auf dieser wechselten mit den Jahren zahlreiche Spieler die Seiten: Neben Strunz mitunter Bertram Beierlorzer, Dieter Hoeneß, "Wiggerl" Kögl, Giovane Elber, Thomas Berthold, Pablo Thiam und natürlich Philipp Lahm, um nur einige zu nennen. Der Qualitätstransfer beschränkte sich aber nicht nur auf das kickende Personal. Mit Felix Magath und Giovanni Trapattoni rutschten in der jüngeren Vergangenheit auch zwei Trainer vom einen Stuhl auf den anderen.

Momentan trainiert mit Jürgen Klinsmann ein ehemaliger Stuttgarter Spieler den FC Bayern, mit Markus Babbel ein ehemaliger Bayern-Spieler den VfB Stuttgart. Und genau in dieser Konstellation könnte man das aktuelle Erfolgsgeheimnis des VfB erkennen. Zu seinem Amtsantritt im November 2008 hatte sich Babbel als Ziel gesetzt, "den Spielern zu vermitteln, dass sie unheimlich viel Qualität haben, sonst wären sie nicht beim VfB Stuttgart."

Man drückt auf Stopp, spult zurück. Man hört sich den Satz noch einmal an. Dieses selbstbewusste Selbstverständnis, das so verdammt vertraut nach dem berüchtigten "Mir san mir" von der Säbener Straße klingt. Markus Babbel will dieses notorische Selbstbewusstsein, diese patentierte Ideologie mit dem pathologischen Zwang zum Siegen unbedingt auch im Schwabenland vermitteln. Und es gelingt ihm bislang hervorragend.

Stuttgart, beinahe unaufhaltsam

Unter Babbel hat der VfB in der Bundesliga noch kein Spiel verloren. Dem FC Bayern trotzte Stuttgart einen Punkt ab, Schalke wurde klar besiegt und Leverkusen am vergangenen Wochenende nüchtern entzaubert. Im UEFA-Pokal holte Babbel mit seinem Team in Genua einen wichtigen Punkt und schickte danach Standard Lüttich mit 3:0 zurück in die wallonische Provinz. Das Aus im DFB-Pokal-Achtelfinale beim 1:5 gegen den FC Bayern war die einzige - wenn auch deftige - Niederlage für Markus Babbel und seine Schwaben.

Aber die folgenden Siege gegen "Fohlen" und Werkskicker belegen, dass die Moral stimmt. Seine Spieler, mahnt Babbel, "müssen den Teamgedanken in den Vordergrund rücken, denn nur gemeinsam sind sie stark. 2007 sind wir nur wegen dem Team Deutscher Meister geworden und jeder Einzelne profitiert schlussendlich davon." Eine klare Absage an Bequemlichkeitsprivilegien für die Leistungsträger.

Sachlichkeit, Akribie und Respekt

Babbel hat klare Vorstellungen und nach eigener Einschätzung einen "ganz ordentlichen Fußballsachverstand", wie er gegenüber der Stuttgarter Zeitung erklärt. "Ich bin sehr sachlich und halte nichts davon, nach Außen den großen Zampano zu spielen." Diese Sachlichkeit dürfte er sich bei Ottmar Hitzfeld abgeschaut haben, der ihm zu seiner Zeit als Spieler des FC Bayern sehr imponiert hatte. "Er hat immer sehr akribisch gearbeitet, war ruhig in seinen Analysen - hatte aber auch keine Angst vor radikalen Schnitten."

Diese würde auch Babbel nicht scheuen, sollten sie denn notwendig werden. "Der Respekt untereinander ist mir sehr wichtig. Wenn ich das Gefühl habe, dass da einer nicht mitzieht, dann hab ich auch nicht das Problem, den ein oder anderen aus der Mannschaft zu entfernen."

Der Ton macht die Musik zum Sieg

Momentan besteht dazu noch kein Grund. "Markus gibt den Ton an - und das passt", lautet die lakonische Erfolgsformel aus dem Mund von Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Babbel geht voran, zeichnet den Weg aus dem Tabellenmittelfeld nach oben vor und seine Spieler folgen: Vier Siege in fünf Ligaspielen, ein Remis, 13:4 Tore.

Nun geht es nach Hannover und danach wartet in St. Petersburg mit Zenit eine weitere schwere Hürde im UEFA-Pokal. Für Babbel sicherlich ein Spiel wie jedes andere, das gewonnen werden soll, wie jedes andere.

Klingt nach München seit jeher. Ist aber Stuttgart seit Markus Babbel.

Michael Wollny