Als Andreas Thom im Januar 1990 als erster Spieler der DDR zu Bayer Leverkusen wechselte, schrieb der DDR-Oberliga-Torschützenkönig und DDR-Fußballer des Jahres 1988 ein Stück Bundesliga-Geschichte. Fünfeinhalb Jahre stürmte Thom für die Werkself und gewann mit ihr 1993 den DFB-Pokal.

Nach einem Gastspiel bei Celtic Glasgow zog es Thom zurück in die Heimat - nach Berlin. Der in Rüdersdorf geborene Spieler heuerte bei Hertha BSC an und blieb dem Verein auch nach seinem aktiven Karriere-Ende 2001 als Trainer treu, ehe er 2007 gemeinsam mit Falko Götz entlassen wurde.

Kein Wunder, dass den einstigen Angreifer noch heute viel mit beiden Clubs verbindet. Vor dem Topspiel des 24. Spieltags spricht Thom mit bundesliga.de über die Sensationssaison der Hertha, Andrey Voronin und seinen neuen Arbeitsplatz im hohen Norden.

bundesliga.de: Herr Thom, Anfang des Jahres haben Sie als Co-Trainer von Falko Götz bei Holstein Kiel angeheuert. Was hat Sie an diesem Angebot gereizt?

Andreas Thom: Es ist einfach eine mehr als reizvolle Aufgabe, eine Mannschaft zu übernehmen, die absolut intakt ist und die alle Möglichkeiten hat, in dieser Saison aufzusteigen. Das ist selbstverständlich auch unser Ziel. Und natürlich spielt es auch eine Rolle, dass man wieder eine interessante Aufgabe gefunden hat.

bundesliga.de: Fast 21 Monate lagen zwischen Ihrer letzten Trainerstation bei Hertha BSC und dem neuen Engagement in Kiel. Was waren die Gründe für die lange Zeit, die Sie nicht mehr Trainer waren?

Thom: Das Business ist hart und es gibt jede Menge guter Trainer, die auf dem Markt sind. Es war nicht leicht, ein gutes Angebot zu finden, bei dem man seine Ideen und Vorstellungen auch umsetzen kann. In Kiel ist das der Fall und ich arbeite wieder mit Falko Götz zusammen. Nachdem wir bei Hertha BSC entlassen wurden, haben wir uns zusammengesetzt und darüber gesprochen, auch zukünftig zusammen arbeiten zu wollen. Und als er das Traineramt in Kiel übernommen hatte, kam er direkt auf mich zu und ich habe selbstverständlich "ja" gesagt.

bundesliga.de: Sie selbst haben fünfeinhalb Jahre für Leverkusen und rund vier Jahre für Hertha gespielt und waren anschließend lange Zeit im Trainerstab der Berliner tätig. Wie sehr verfolgen Sie das Geschehen beider Clubs noch heute?

Thom: Ich verfolge nicht nur die Arbeit von Bayer Leverkusen und Hertha BSC. Ich verfolge das Geschehen in der Bundesliga, aber auch das Geschehen im deutschen Fußball außerhalb der Bundesliga. Wenn sich die Möglichkeit geboten hat, habe ich auch zu Zeiten, in denen ich nicht in Amt und Würden war, Spiele direkt im Stadion verfolgt. Ansonsten gibt es ja immer das Fernsehen. Auch heute schaue ich mir so viele Partien wie möglich an und bin daher ganz gut informiert.

bundesliga.de: Am Samstag kommt es in Berlin zum Duell zwischen Hertha und Bayer. Was erwarten Sie von diesem Aufeinandertreffen?

Thom: Das Spiel gegen Bayer wird sicherlich sehr interessant. Zwar ist Hertha Tabellenführer, doch Leverkusen steht unter weitaus mehr Druck. Sie müssen gewinnen, um den Anschluss an die internationalen Plätze nicht zu verlieren. Hertha hat sich eine glänzende Ausgangsposition verschafft und ist in dieser Saison eine absolute Macht im Olympiastadion. Das wird ein wirklich tolles Spiel.

bundesliga.de: Sie als Berliner, freut Sie das aktuelle Tabellenbild in der Bundesliga?

Thom: Ich denke, die momentane Situation ist eine sehr schöne Sache für Berlin als Hauptstadt und für Hertha BSC. Zu diesem späten Saisonzeitpunkt an erster Stelle zu stehen, davor ziehe ich meinen Hut! Berlin hat meiner Meinung nach die Möglichkeit, auch nach dem 34. Spieltag ganz, ganz weit oben zu stehen. Das würde ich ihnen auch wünschen.

bundesliga.de: Überrascht Sie die Form der Berliner?

Thom: Nein, die überrascht mich überhaupt nicht. Die Berliner ziehen ihr System konsequent durch und spielen offensiv nach vorn. Natürlich waren auch einige sehr knappe Spiele dabei, aber auch andere Clubs haben hier und da nur knapp gewonnen. Hertha stellt seit Wochen diese Leistung unter Beweis und das ist einfach beeindruckend.

bundesliga.de: Der Mann, über den alle reden, ist Andrey Voronin. Welche Qualitäten sehen Sie in ihm?

Thom: Er ist 29 Jahre alt und damit im besten Fußballeralter. Er trifft momentan, wie er will, und nutzt seine Chancen unheimlich gut. Ein großes Plus ist sicherlich auch die Tatsache, dass er in Berlin endlich wieder regelmäßig spielen kann. Das war zuletzt nicht immer so. Das Zusammenspiel mit seinen Mitspielern klappt wunderbar. Darin liegt aber ganz allgemein die Stärke der Berliner. Die Mannschaft funktioniert als Einheit und so stellt sich der Erfolg automatisch ein.

bundesliga.de: Wie Sie hat auch Voronin vor seiner Berliner Zeit in Leverkusen gespielt. Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie das erste Heim- und Auswärtsspiel gegen Bayer erlebt haben?

Thom: Das ist schon einige Jahre her. So detailliert kann ich mich an diese Spiele nicht mehr erinnern. Ich weiß aber, dass es schon etwas Besonderes war, gegen seinen alten Club und seine alten Kollegen anzutreten. Da kommen schon viele Emotionen hoch, wenn man an eine alte Wirkungsstätte zurückkehrt, mit der man viele Erinnerungen verbindet. Ich denke aber, das geht jedem Spieler so, der gegen einen ehemaligen Arbeitgeber antritt.

bundesliga.de: Hertha ist ganz oben dabei. Was sagen Sie zum spannenden Fünfkampf zwischen Hertha, Hamburg, Hoffenheim, den Bayern und Wolfsburg?

Thom: Man muss die Tabelle und die Voraussetzungen sicherlich von Spiel zu Spiel sehen, dennoch hat sich Hertha eine hervorragende Ausgangsposition verschafft. Ich traue Hertha BSC in dieser Saison auf jeden Fall den Titel zu. Aber leicht wird es bei der Leistungsdichte da vorn sicherlich nicht. Alle Mannschaften, die jetzt da oben mitmischen, haben sicherlich mehr oder weniger den Titel im Kopf.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz