München - Beängstigt blickt derzeit auf die Tabelle, wer dem 1. FC Köln oder Borussia Mönchengladbach die Daumen drückt: Die westdeutschen Traditionsclubs schmücken das Tabellenende.

So geht es auch Toni Polster, der das Geschehen in der Bundesliga intensiv verfolgt. "Ich mache mir große Sorgen", sagt das österreichische Fußball-Urgestein. Polster trug in seiner Profikarriere die Farben beider Vereine. Bis Ende November trainierte der 46-Jahrige die zweite Mannschaft des LASK Linz.

Im Interview gibt der ÖFB-Rekordtorschütze seine Einschätzung zur Lage in Köln und Gladbach ab und spricht über seine persönliche Zukunft.

bundesliga.de: Herr Polster, Ihre ehemaligen Clubs Köln und Gladbach rangieren auf den Plätzen 17 und 18. Welche Gefühle beschleichen Sie, wenn Sie sich derzeit die Tabelle betrachten?

Toni Polster: Keine guten, ich mache mir große Sorgen. Beiden geht's nicht gut. Es ist nicht schön, wenn man jede Woche mitzittert und hofft, dass sie da unten raus kommen.

bundesliga.de: Der 1. FC Köln hat in der laufenden Saison bereits Trainer und Manager entlassen. Haben Sie das Gefühl, dass sich dadurch etwas verbessert hat?

Polster: Schwer zu sagen. So kurzfristig als Trainer einzuspringen ist schwierig. Inwieweit Michael Meier am momentanen Tabellenstand schuld ist, mag und kann ich nicht beurteilen.

bundesliga.de: Woran krankt aus Ihrer Sicht derzeit das Spiel der Kölner?

Polster: Es ist bei beiden Mannschaften vergleichbar: Sie haben die defensive Stabilität verloren und können vorne fast gar nicht so viele Tore schießen, wie sie hinten kassieren. Die Balance in der Mannschaft stimmt nicht, es gibt ein Ungleichgewicht, deshalb sind sie nicht erfolgreich.

bundesliga.de: In Gladbach sieht die Lage fast noch bedrohlicher aus als in Köln. Woran liegt es, dass die Elf von Michael Frontzeck noch kein Heimspiel gewonnen hat?

Polster: Seine Heimspiele zu gewinnen, ist ein Muss, wenn man in der Bundesliga bleiben möchte. Vorne können sie immer ein Tor schießen, aber hinten bekommen sie zu viele. Dass beide Innenverteidiger ausfallen ist natürlich sehr, sehr schwierig. Es ist eine schwere Bewährungsprobe für die Mannschaft.

bundesliga.de: Vor zwei Jahren lag Gladbach vor der Rückrunde ähnlich abgeschlagen auf dem letzten Platz, schaffte dann aber dank einiger Wintereinkäufe den Klassenerhalt. Werden die Verantwortlichen wieder so handeln?

Polster: Das hoffe ich, denn man sieht schon, dass man justieren muss in der Mannschaft.

bundesliga.de: Neben dem Verletzungspech ist Gladbach auch durch Undiszipliniertheiten in Bedrängnis geraten. Zuletzt hat Raul Bobadilla seinem Team mit der Roten Karte geschadet. Wie kann man von Vereinsseite dagegen steuern?

Polster: Die Mannschaft muss jetzt zusammenhalten, für Kritik empfänglich sein und sie auch annehmen, um Verbesserungen zu erreichen. Nur wenn sich das Team nicht selbst zerfleischt, wird sie da wieder rauskommen.

bundesliga.de: Köln oder Gladbach, wem trauen Sie am ehesten zu, die Kurve zu kriegen?

Polster: Bei den Kölnern habe ich den Eindruck, dass sie wissen, um was es geht. Dementsprechend sind sie aufgetreten, dementsprechend haben sie gespielt. Natürlich haben sie saudumme Gegentore bekommen, darüber brauchen wir nicht diskutieren. Bei Gladbach hatte ich hingegen den Eindruck, dass manche noch gar nicht wissen, dass sie mitten im Abstiegsstrudel stecken.

bundesliga.de: Die Spieler haben also den Abstiegskampf nicht angenommen?

Polster: Den Eindruck hatte ich. Es war ein munteres Spielchen am Wochenende gegen Hannover, aber ich fand nicht, dass jeder mit der nötigen Aggressivität zu Werke geht.

bundesliga.de: Pflegen Sie noch Kontakte nach Köln und Gladbach?

Polster: Selbstverständlich, zwar nicht mehr intensiv, aber doch regelmäßig.

bundesliga.de: Sie haben bis vor kurzem die zweite Mannschaft von LASK Linz trainiert. Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?

Polster: Ohne unbescheiden zu sein: Ich habe nach der Profikarriere eine tolle Ausbildung gemacht, ich kann vom Sportdirektor über Manager und Trainer alles machen. Was mir noch fehlt, ist die Uefa-Lizenz, das gehe ich im Frühjahr an. Ich würde gerne die Trainerkarriere fortsetzen, weil ich im vergangenen Jahr sehr erfolgreich war. Sechs Spieler habe ich in die erste Mannschaft gebracht - das ist mehr, als ich erträumen durfte in einem Jahr.

bundesliga.de: Gilt das auch, wenn Ihnen nun ein attraktiver Sportdirektorposten angetragen würde?

Polster: Dann würde ich sicherlich überlegen. Die deutsche Bundesliga ist immer reizvoll, das ist doch klar.

Das Gespräch führte Andreas Messmer