München - Er ist Quergeist, Leader, Mahner - und seit sechs Wochen Sportvorstand beim FC Bayern. Matthias Sammer, der zahlreiche Attribute auf sich vereint, war vor seinem Engagement bei Rekordmeister jahrelang für die Nachwuchsförderung beim DFB zuständig.

Unter seiner Ägide entwickelte sich der deutsche Fußball rasant zu einem Erfolgsmodell - auch wenn ein internationaler Titel nach wie vor auf sich warten lässt. Im zweiten Teil des Interview verrät der 44-Jährige unter anderem, warum er sich dennoch nach früheren deutschen Tugenden sehnt und wie er das Entwicklungspotenzial beim FC Bayern sieht.

Frage: Sie sind jetzt einige Wochen hier und haben sicherlich schon mitbekommen, dass viele Experten sich zu Wort melden, wenn es um den FC Bayern geht. Neulich wurden Sie persönlich von Jens Lehmann kritisiert, der behauptete, dass Sie nur mit Leuten stritten, die unter ihnen sind. Was sagen Sie dazu?

Sammer: Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, dass dieses Nach-oben-buckeln und Nach-unten-treten nicht meine Sache ist. Allein schon die Definition von "oben" und "unten" - ich weiß gar nicht, wie er es empfunden hat, als er mein Spieler war. Das war die einzige Situation, in der wir zusammen gearbeitet haben (In der Saison 2001/2002, Anm. d. Red.). Es liegt in seiner eigenen Klugheit, das so zu empfinden. Ich hätte eigentlich von den Medien erwartet, dass man seine Aussagen etwas ins Lächerliche zieht. Dass so etwas unkommentiert stehen blieb, hat mich schon gewundert. Er hätte nur dann recht, wenn ich so ein großer Fisch wäre, dass die gesamte Nation unter mir steht. Dann hätte ich ja keinen mehr über mir (lacht). Aber im Ernst: Weil Jens Lehmann und ich auch Sky-Kollegen sind, erwarte ich von Sky etwas zur Klärung - ansonsten müsste sich ja jeder jedes einzelne Wort überlegen. Das sage ich in aller Deutlichkeit.

Frage: Sie sagen, dass es Sie störte, dass die Aussagen unkommentiert geblieben sind. Von wem - außer von Sky - hätten Sie denn erwartet, dass man Lehmanns Aussagen kommentiert?

Sammer: Es gab ja zwei Vorwürfe, die sich mit einem Fingerschnalzen widerlegen lassen. Es wundert mich, dass da nichts kam.

Frage: Um zum Sportlichen zu kommen: Ex-Trainer Louis van Gaal hatte zu seiner Anfangszeit gesagt, dass er sich in einen Spieler verliebt hatte - und das war Thomas Müller. Haben Sie auch schon eine Liaison mit einem Spieler geschlossen, den man vielleicht nicht auf der Rechnung hat?

Sammer: Wir stehen ganz am Anfang, es ist noch kein Punktspiel absolviert, noch kein Pokalspiel gespielt - da muss man vorsichtig sein. Es werden Schwierigkeiten kommen. Ich erlebe aber eine Mannschaft, die Freude bereitet, das spürt man. Eine große Liebe habe ich noch nicht gefunden - in Gänze ja, aber nicht im Einzelnen.

Frage: Warum sind Sie der perfekte Mann, das "Mir-san-mir"-Motto, das ja auch auf den Trikots verewigt ist und in letzter Zeit etwas abhanden kam, wieder zu reanimieren?

Sammer: Ich bin ja nicht der perfekte Mann. Ich bin derjenige, der es mitbekommen hat. Es ist wieder klar definiert worden, was auch wichtig ist. Wir müssen einfach dazu kommen, dass wir nicht so viel darüber reden, sondern es nachweisen, beweisen, bearbeiten, erarbeiten und geistig sichtbar machen.

Frage: Sie kommen aus einer anderen Spielergeneration. Ist die Erfolgsformel trotzdem die gleiche?

Sammer: Dass sich Themen und Sichtweisen im Laufe der Zeit nicht verändern, sieht man wunderbar an den Helden von Bern. Wenn Sie sehen, wie 1954 nach dem Finalsieg gegen Ungarn der WM-Pokal an Fritz Walter überreicht wird, und sich dieser sich unwohl fühlt, weil er den Pokal nicht alleine will. Auch Sepp Herberger nicht. Es waren die beiden wichtigsten Protagonisten - und beide wollen den Pokal nicht haben. Der Geist, Weltmeister zu sein, reichte ihnen. Sie wollten persönlich gar nicht im Mittelpunkt stehen. Sowas müssen wir auch beim FC Bayern haben.

Frage: Gehören auch die so genannten deutschen Tugenden dazu?

Sammer: Ja, die waren jahrelang verschrien. Wenn ich mich dann beim DFB als Traditionalist hingestellt habe, wurde ich fast beschimpft, ich würde in der Vergangenheit leben. Wir hatten aber auch damals nicht nur kratzende und beißende Rumpelfußballer, sondern etwa einen Beckenbauer, Netzer oder Hässler. Die Frage heute ist: Haben wir im deutschen Fußball aktuell eine Identität? Ich kann keine erkennen! Ich kann unseren Fußball - stand heute - nicht richtig definieren.

Frage: Können Sie das bei anderen Nationen besser?

Sammer: Ja, du kannst Spanien definieren, auch Italien oder andere Nationen. Mit Deutschland habe ich aber Schwierigkeiten. Für was stehen wir? Im Moment stehen wir für gute junge Spieler. Aber was haben die für Eigenschaften? Gute Technik - aber sonst? Wir haben immer nuir Teilanalysen. Warum schaffen wir es nicht, Stärken aus der Vergangenheit mehr in den Mittelpunkt zu stellen, ohne die Offenheit für eine bessere Zukunft aus den Augen zu verlieren? Das verstehe ich nicht. Denn das eine steht nicht konträr zum anderen.

Frage: Zurück zum aktuellen Geschehen beim FC Bayern. Wie ist es im Fall von Javi Martinez, an dem man schon länger Interesse hat? Haben Sie die Entscheidungsgewalt?

Sammer: Wenn Sie wüssten, wie viele Spieler wir in den letzten Tagen und Wochen diskutiert haben, dann würden Sie das vielleicht ein bisschen besser verstehen können. Es gibt so viele Theorien, dass hier verschiedene Köpfe gar nicht zusammenarbeiten können. Trotzdem gehörte der FC Bayern in den letzten 30 Jahren zu den Top fünf in Europa. Über diese Dauer so einen Erfolg! Wenn diese Theorien stimmen würden, würde das ja bedeuten, dass Beckenbauer, Hoeneß und Rummenigge eigentlich nicht zusammenarbeiten können. Aber gucken Sie sich den Club an. Natürlich gibt es mal Themen, wo Meinungen auseinandergehen, weil es natürlich auch extrovertierte Persönlichkeiten sind.

Frage: Es ist also immer eine gemeinschaftliche Entscheidung...

Sammer : Natürlich! Schade, dass Sie die Gespräche in den letzten Wochen nicht mitbekommen haben. Dann würden Sie das fühlen können, dass bei Bayern München ein Transfer immer in Einigkeit getätigt wird. Deshalb: Ob der Müller, Maier, Schulze oder Lehmann kommt, ist keine Sammer-Entscheidung, sondern eine Entscheidung von Bayern München.

Frage: Nach dem Supercup hieß es, dass auf höchster Ebene noch einmal beratschlagt wurde, ob mit diesem Kader in die Saison gegangen wird oder nicht. Wie lautet das Resultat?

Sammer : Wir sehen unglaubliches Entwicklungspotenzial in dieser Mannschaft. Manuel Neuer ist durch ein Stahlbad gegangen, Alaba, selbst Contento, Badstuber, Boateng, Kroos ist 90er Jahrgang, Müller, Shaqiri… Da ist schon noch genug Entwicklungspotenzial. Vom Typus her haben wir gesagt: Ja, so im zentralen Bereich - deshalb ist Martinez interessant. Das ist ein Spielertypus, den wir so in seiner Gänze nicht haben. Wir vertrauen unserer Mannschaft, aber wenn etwas unter sportlich-wirtschaftlichen Gesichtspunkten Sinn macht, dann kann es passieren, dass wir noch etwas tun.

Von der Säbener Straße berichtet Johannes Fischer


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