So einen Auftritt wie den des FC Bayern München beim 1:2 in Mainz hatte auch Klaus Augenthaler noch nicht gesehen. Dabei verbrachte er doch immerhin stolze 15 Profi-Jahre beim Club von der Säbener Straße.

Nach dem schlechtesten Saisonstart des FCB seit 43 Jahren spricht "Auge", der seit jeher als "Bayern-Spezl" gilt, bei bundesliga.de über seine Eindrücke von der Mannschaft und des neuen Trainers Louis van Gaal.

bundesliga.de: Herr Augenthaler, wie haben Sie das Spiel 1. FSV Mainz 05 gegen Bayern München verfolgt?

Klaus Augenthaler: Es ist natürlich schwierig, von außen da Gründe zu finden. Oder anders herum ist es von außen einfach, schlaue Ratschläge zu erteilen. Aber sicherlich war es erschreckend. Vor allem die erste Halbzeit, wenn der FC Bayern erst fünf Minuten vor der Pause zum ersten Mal bei einem Aufsteiger aufs Tor schießt.

bundesliga.de: Die Spieler haben selbst von einer "desolaten" oder "katastrophalen" Vorstellung gesprochen. Können Sie sich erinnern, wann Sie zuletzt so einen Auftritt des FC Bayern gesehen haben?

Augenthaler: Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß aber nicht, wo genau die Gründe liegen. Das kann natürlich mit dem neuen Trainer zusammenhängen - in der vergangenen Saison ist es unter Jürgen Klinsmann nicht gelaufen, der seinen Kopf hinhalten musste. Ich weiß nicht, wie Louis van Gaal tagtäglich mit den Spielern arbeitet, von daher ist eine Bewertung schwierig.

bundesliga.de: Ist es denn nicht ein Dilemma speziell in München, dass die neuen Trainer Zeit brauchen, genau diese aber nicht haben?

Augenthaler: Zeit ist relativ. Um alle seine Vorstellungen umzusetzen, benötigt der Trainer Zeit und vielleicht auch die richtigen Leute. Aber beim FC Bayern werden sofort Ergebnisse erwartet. Und wenn die Ergebnisse da sind, erwartet man super Spiele. Aber - und dafür muss man kein Fußball-Experte sein - die erste Halbzeit war einfach schlecht. Es ist eine Grundvoraussetzung, dass Fußball mit Leidenschaft, Herz und Willen gespielt wird - egal ob ich nun beim FC Bayern spiele oder woanders. Mainz hat das hervorragend vorgemacht, bei den Bayern habe ich genau das vermisst.

bundesliga.de: Van Gaal lässt beim FCB jetzt in einem 4-4-2-System mit Raute im Mittelfeld spielen. Was halten Sie von dieser Taktik und auch den Neuzugängen des Vereins?

Augenthaler: Soweit ich weiß, bevorzugt van Gaal ein 4-3-3-System, wie er es bei seinen vorherigen Stationen überall hat spielen lassen. Wenn Franck Ribery fit ist und Ivica Olic spielt, hat man vielleicht die Spielertypen dafür. Aber dann bekommt er ein Problem mit den drei Stoßstürmern Mario Gomez, Miroslav Klose und Luca Toni. Das sind keine einfachen Entscheidungen, aber treffen muss sie immer der Trainer allein.

bundesliga.de: Wie reagieren die Bayern-Bosse Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß nach so einer Partie?

Augenthaler: Sie haben mit van Gaal einen sehr erfahrenen Trainer geholt. Ich glaube, der Verein will sich von oberste Stelle jetzt noch nicht zu sehr einmischen. Die werden sich erstmal in der Öffentlichkeit zurückhalten, so wie Rummenigge in den ersten Interviews. Hoeneß ging ja gar nicht vor die Kameras. Intern kann das natürlich anders aussehen…

bundesliga.de: Am kommenden Samstag gastiert der VfL Wolfsburg in der Allianz Arena. Gegen den Deutschen Meister kann es ja an den Grundtugenden wie Aggressivität und Laufbereitschaft nicht fehlen. Können die Bayern denn gegen die "Wölfe" bestehen?

Augenthaler: Da werden sie sicherlich Gas geben. Aber der VfL Wolfsburg hat sich ja in den vergangenen zwei Jahren entsprechend verstärkt und entwickelt. Sie haben sehr viel Qualität. In diesem Spiel wird sich zeigen, wie die Kräfte derzeit verteilt sind. Aber das Ergebnis wird sicherlich nicht an der Bereitschaft der Bayern scheitern.

bundesliga.de: Vorher absolviert die Mannschaft noch einen Test bei Union Berlin. Sehen Sie so ein Spiel jetzt eher als Vorteil, oder wäre eine komplette Trainingswoche an der Säbener Straße hilfreicher?

Augenthaler: Man muss versuchen, die Niederlage gegen Mainz auszublenden, aber dieser Prozess ist noch nicht zu Ende. Das Spiel war am Samstag, am Montag kommen alle Tageszeitungen, dann noch die Sportzeitschriften. Überall wird noch über die Partie geschrieben. Vielleicht ist es ganz gut, wenn die Spieler mal weg sind. Und in dem Testspiel kann man ja auch noch ein bisschen ausprobieren.

Das Gespräch führte Tim Tonner