Gelsenkirchen - In jenem Moment, als draußen auf dem grünen Rasen Schalkes Kapitän Benedikt Höwedes den Supercup in den Himmel reckte, sprach in den Stadionkatakomben Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc eine alte Fußballerweisheit aus: "Der Ball muss auch mal ins Tor."

Dass in der BVB-Kabine an diesem Samstagabend nach der 3:4-Niederlage gegen Schalke Schlagerbarde Roland Kaiser aufgelegt wurde, darf man bezweifeln. Und doch wäre einer seiner Titel so passend gewesen für das, was sich da gerade auf dem Platz abgespielt hatte: "Ich glaub, es geht schon wieder los. Das darf doch wohl nicht wahr sein...!"

Schuld ist die Chancenverwertung

Es war tatsächlich ein echtes Déjà-vu: Der BVB trat dominant auf, erspielte sich gegen den ungeliebten Erzrivalen einige gute Möglichkeiten - aber ein Tor wollte in den 90 Minuten einfach nicht fallen. Die Chancenverwertung war einmal mehr alles andere als meisterlich. Ein Problem, mit dem der BVB schon in der vergangenen Saison häufiger zu kämpfen hatte. "Wenn man fünf, sechs hochkarätige Chancen nicht nutzt, dann darf man sich am Ende nicht wundern", schimpfte Michael Zorc.

Sebastian Kehl mit seinem frühen Knaller an den Pfosten, später mehrfach Robert Lewandowski oder auch Mario Götze hatten die Entscheidung für die Dortmunder auf dem Kopf und auf dem Fuß. Am Ende aber war es eine Nullnummer. Die Niederlage folgte im Elfmeterschießen. Ilkay Gündogan empfand das als ausgesprochen ungerecht: "Der einzige Grund, warum wir den Supercup nicht gewonnen haben, war die Chancenverwertung. Wie viele hundertprozentige Möglichkeiten wir vergeben haben, habe ich lange nicht erlebt. Wir haben ein richtig gutes Spiel gemacht und waren klar die bessere Mannschaft."

Klopp ist "wirklich nicht unzufrieden"

Tatsächlich knüpften die Dortmunder spielerisch an das an, was die Konkurrenz schon wenige Tage zuvor beim LIGA total! Cup in Mainz beeindruckt hatte. Der BVB kontrollierte die Partie, kombinierte zumeist zielstrebig, war präsent im Zweikampf und machte deutlich, dass man in Sachen Dynamik und Aggression wieder auf bestem Weg zu bewährter Form ist. Zeitweise spielten Mario Götze und Shinji Kagawa den Schalkern Knoten in die Beine.

Jürgen Klopp vermerkte es wohlwollend trotz der Niederlage. "Dass nicht alles perfekt sein kann, haben wir vorher gewusst. Aber ich bin wirklich nicht unzufrieden, es war ein sehr intensives Spiel und wir hatten viele Spielanteile."

Auch bei Kapitän Sebastian Kehl hielt sich der Ärger über die Niederlage in Grenzen, "weil wir wieder einen Schritt nach vorne gemacht und gezeigt haben, dass wir auf einem guten Weg sind". Ein paar Dinge müssten sich jetzt noch einschleifen, meint Kehl. "Und dann wird's auch mit dem Toreschießen wieder besser."

Elfmeter-Fluch

Letzteres indes ist zunächst nicht mehr als eine Hoffnung. Manko erkannt heißt in diesem Fall nicht Problem gebannt, weiß auch Michael Zorc aus Erfahrung - mit einem feinen Unterschied. "Im letzten Jahr hatten wir immer noch einen, der den Ball dann mal irgendwie reingedrückt hat", erinnerte sich der Sportdirektor und dachte dabei wohl auch an Lucas Barrios. Der Torjäger darf nach dem Finale bei der Copa America allerdings erst einmal zwei Wochen Sonderurlaub genießen und wird auch zum Saisonstart gegen den HSV noch fehlen.

Aber nicht nur am Abschluss aus dem Spiel heraus muss der BVB noch feilen und an Präzision und Genauigkeit zulegen. Auch bei der Verwertung vom Elfmeterpunkt besteht Steigerungspotenzial. Die letzten fünf Elfmeter in der vergangenen Spielzeit hatten Sahin, Barrios und Dede nicht nutzen können, jetzt versagten im Supercup Ivan Perisic und Kevin Großkreutz die Nerven.

Der Ur-Dortmunder Großkreutz, für die Schalker der Inbegriff des ungeliebten Nachbarn und in der Arena vor seinem Strafstoß gnadenlos ausgepfiffen, feierte dabei wenigstens ein kleines Erfolgserlebnis eigenener Art. "Es freut mich, dass mich hier so viele Leute nicht mögen", bemerkte Großkreutz mit triefender Ironie und zeigte dabei ein breites Grinsen.

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte

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