Dortmund - Weit zwei Stunden nach dem Abpfiff kam Jürgen Klopp als Letzter aus der Kabine. Frisch geduscht, mit Sakko statt Trainingsjacke, um sich auch Richtung Meisterfeier zu bewegen.

Zuvor gewährte der Trainer aber noch einen Einblick in seine Gefühlswelt an einem Tag, an dem der BVB mit dem 2:0-Sieg über Gladbach die Deutsche Meisterschaft perfekt gemacht hat. Und an dem der Trainer vor allem eines war - wahnsinnig stolz auf seine Mannschaft.

Frage: Jürgen Klopp, was für ein Tag. Als die Mannschaft vor dem Spiel im Stadion ankam, war man schon fast Deutscher Meister.

Jürgen Klopp: Wir sind mit dem Bus extra früher losgefahren, um nicht um 17:15 Uhr irgendwo unterwegs zu sein. Da wollten wir im Stadion sein. Wenn man dann ankommt und ist gefühlt seit 90 Minuten Deutscher Meister, weil die Bayern nicht führen, dann ist das kein so ganz schlechtes Gefühl. So etwas passiert einem ja auch nicht allzu oft im Leben. Dann schießt Ribery in der 91. Minute doch noch den Ball rein. Mein Co-Trainer Zelko Buvac kam in die Kabine und hat es mir erzählt. Was soll ich sagen, ich hab  mich tatsächlich schon besser gefühlt als in diesem Moment.

Frage: Wie haben Sie die Mannschaft dann wieder auf das eigene Spiel fokussiert? War das nicht auch während der Woche schon ein Problem?

Klopp: Wir haben es die ganze Woche über relativ gut ausblenden können, was uns an diesem Spieltag erwarten könnte. Wir hatten auch im Training eine relativ normale Woche, weil wir uns auf einen richtig guten Gegner vorbereiten mussten. Jeder von meinen Jungs weiß, dass Gladbach richtig guten Fußball spielt. Wir hatten auch alle noch das 1:1 aus dem Hinspiel im Kopf. Außerdem hatte den Jungs vorher in der Mannschaftssitzung auch gesagt, dass wir davon ausgehen müssen, dass die Bayern in der 90. Minute den Siegtreffer machen. Und dass wir dann gefordert sind, unser Ding durchzuziehen.

Frage: Das hat die Mannschaft dann wieder in beeindruckender Weise geschafft.

Klopp: Das war eine ganz große Herausforderung für uns. Das Leben besteht aus vielen Herausforderungen. Wenn es ein spannendes Leben ist, aus vielen schwierigen Herausforderungen. Was die Jungs dieses Mal leisten mussten, ging an die Grenze des Sports. Das ist vielleicht zu vergleichen mit einem Weltrekordversuch im 10000-Meter-Lauf bei einer Weltmeisterschaft. Wenn Du vorne unterwegs bist, Dich irgendwann umguckst und denkst 'Okay, Weltmeister bin ich', dann hörst du trotzdem nicht auf zu laufen. Sondern du versuchst die Zeit herauszuholen, die du dir vorgenommen hast. Das haben wir im übertragenen Sinn gegen Gladbach versucht. Und wie die Mannschaft das gemacht hat, das war ein Spiegelbild der gesamten Saison - nämlich absolut großartig! So ein Spiel zu machen gegen so einen guten Gegner - einfach Wahnsinn!

Frage: Ein paar Minuten hat der BVB aber gebraucht, um komplett in die Vollgasspur zu finden.

Klopp: Anfangs hat man gemerkt, dass wir ein bisschen beeindruckt waren. Aber danach eben gar nicht mehr. Die Mannschaft ist dann wieder voll in das Spiel abgetaucht. Damit haben wir die Messlatte für uns mal wieder richtig hoch gelegt. Wer in diesem Spiel in dieser Stresssituation so kicken kann - das ist beeindruckend.

Frage: Trotzdem haben Sie sich zwischenzeitlich noch einmal richtig aufgeregt. Was war los?

Klopp: Wir hatten viele Chancen, die wir nicht genutzt haben. Aber die Mannschaft ist ruhig geblieben. Und dann führen wir 2:0 und laufen in drei Konter. Da habe ich mich dann tatsächlich ein bisschen aufgeregt. Allerdings habe ich bei einem Rückpass auf Roman Weidenfeller auch ein paar Zuschauer raunzen hören und mich darüber doch etwas gewundert. Das gehört auch zu einer positiven Entwicklung dazu, dass man in solchen Momenten ein Spiel auch mal nach Hause bringt. Wenn der Gegner nicht attackiert, warum sollten wir es tun, wenn wir 2:0 führen?

Frage: Wann waren Sie sicher, dass die Meisterschaft perfekt ist?

Klopp: Ganz genau in dem Moment, als der vierte Offizielle die Tafel mit der Eins hochgehalten hat. Da war mir klar, dass nicht die Nummer eins ausgewechselt wird, sondern wir noch eine Minute Nachspielzeit bekommen. Da war ich mir sicher. Dass Gladbach noch zwei Tore in einer Minute schießen würde, das habe ich dann doch nicht vermutet.

Frage: Was war in dieser Meistersaison anders als in der letzten?

Klopp: Da geht es mir gar nicht so sehr um das Fußballerische. Selbst wenn du mit der gleichen Mannschaft spielst, verändern sich Dinge, weil sich die Spieler weiterentwickeln. Der Unterschied ist ein anderer: Im Vorjahr war es doch so, dass man ab der Winterpause nur noch überlegt hat, wann wir den Titel holen. In dieser Saison waren wir in der Winterpause von der Meisterschaft ganz weit weg. Die Bayern hatten zwar nur drei Punkte Vorsprung, aber vom Gefühl her waren sie durch. Für uns ging es eigentlich nur darum, sich idealerweise als Zweiter oder Dritter für die Champions League zu qualifizieren. Dann diese grandiose Serie zu spielen - Respekt!

Frage: Seit 26 Spielen ist der BVB jetzt ohne Niederlage. Ist das nicht auch zunehmend eine Bürde geworden?

Klopp: Es gibt Menschen, die denken, so etwas wird von Woche zu Woche schwerer. Nach dem Motto 'Je länger eine Serie anhält, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie endet'. Wir sind damit nicht so umgegangen, und das ist das Spannende an der Geschichte. Wir haben uns immer wieder komplett auf die nächste Aufgabe fokussiert - nicht mehr und nicht weniger. Dass du das als Trainer tust, ist selbstverständlich. Das eine Mannschaft so mitgeht, ist es nicht.

Frage: Man spürt, wie stolz Sie auf diese Mannschaft sind.

Klopp: Gladbachs Uwe Kamps hat mir direkt beim Gratulieren meine "Pöhler"-Kappe abgenommen. Das sei ihm gegönnt, aber generell hätte ich gerne im Sekundentakt den Hut vor meiner Mannschaft gezogen. Das ging leider nicht mehr. Ich hatte Bock darauf, nach dem Spiel ein bisschen zu feiern. Vor allem aber war ich sehr glücklich damit, zu beobachten, wie meine Mannschaft diesen Titel zelebriert hat. Das war schön anzusehen. Ich bin wirklich stolz auf diese Jungs. Ich kokettiere damit nicht. Ich bin nicht so ein schlechter Trainer und mit meinem Team zusammen wahrscheinlich sogar ein relativ guter Trainer. Aber diese Mannschaft trainieren zu dürfen, ist schon ein Privileg.

Frage: Wie geht es jetzt weiter? Müssen Sie mit Blick auf das nächste Spiel in Kaiserslautern die Feierstimmung etwas dämpfen? Mit zwei Siegen und 81 Punkten könnte der BVB noch eine neue Bestmarke aufstellen.

Klopp: Kaiserslautern wird einen vernünftigen Abschied aus der Liga wollen, und wir wollen ab Donnerstag auch wieder unbedingt gewinnen. Aber man kann auch nicht alles haben. Ich kann nach so einem Abend nicht sagen: 'So Jungs, morgen früh ist Training'. Ich muss auch glaubwürdig bleiben. Also wird natürlich gefeiert, am Sonntag natürlich nicht trainiert und auch am Montag ist frei. Klar wollen wir 81 Punkte, aber das wird alles andere als leicht. Das haben wir im letzten Jahr gemerkt, als die Meisterschaft perfekt war. Da wollten wir im folgenden Auswärtsspiel in Bremen auch, aber wir haben verloren und ein bisschen hat auch der letzte Biss gefehlt. Wenn wir das dieses Mal auch noch hinbekommen und die Gunst der Stunde nutzen, dann wäre es das I-Tüpfelchen.

Aufgezeichnet von Dietmar Nolte