Dortmund - Knut Reinhardt gewann mit dem BVB die Champions League und den Weltpokal - und er ist Mitglied des Dortmunder Meisterteams, das es 1995/96 als letzte Mannschaft außer dem FC Bayern München schaffte, den Titel des Deutschen Meisters zu verteidigen.

In seinem "neuen Leben" nach dem Profifußball, wie er es selbst nennt, arbeitet Reinhardt als Lehrer mit der Fächerkombination Mathematik und Sport an einer Dortmunder Grundschule. Als Trainer einer E-Jugend beim TSC Eintracht Dortmund versucht er zudem, sein Wissen an den Nachwuchs weiterzugeben.

Im ersten Teil des Interviews mit bundesliga.de erinnert er sich an eine erfolgreiche und manchmal auch verrückte Meisterzeit mit Borussia Dortmund und blickt auf seine Nachfolger im schwarz-gelben Trikot - ein Gespräch über Arroganz und Motivation, Druck und Cleverness.

bundesliga.de: Herr Reinhardt, wo haben Sie die Deutsche Meisterschaft des BVB miterlebt? Waren Sie auch im Stadion?

Knut Reinhardt: Ich war mit meiner Frau beim Spiel gegen Mönchengladbach im Stadion, als der BVB den Titel perfekt gemacht hat. Für das letzte Spiel gegen Freiburg Karten zu bekommen, war aussichtslos. Aber auch nach dem Sieg gegen die Gladbacher sind schon wieder alle Dämme gebrochen, die ganze Stadt hat gefeiert. Wir sind auch noch mit ein paar Freunden durch Dortmund gezogen.

bundesliga.de: Sie feiern also eher privat. Ist der Draht zum BVB nicht mehr so intensiv?

Reinhardt: Ich habe eine gewisse Distanz bekommen, weil ich jetzt als Lehrer an einer Grundschule in Dortmund ein anderes Leben habe und führe. Natürlich bin ich dem BVB immer noch stark verbunden. Aber engen Kontakt zu den Spielern oder zu den verantwortlichen Personen, die im Profi-Fußball am Werke sind, habe ich nicht mehr.

bundesliga.de: War es trotzdem ein Moment, in dem auch bei Ihnen die Erinnerungen an die Doppelmeisterschaft 1995 und 1996 wieder hoch kamen?

Reinhardt: Distanz hin oder her - wenn man alles so hautnah noch einmal miterlebt, auch diese Titelverteidigung, dann werden wieder Erinnerungen wach. Die erste Deutsche Meisterschaft 1995 war einfach gigantisch. Das kann man auch nicht mit den Titeln jetzt vergleichen, weil der BVB damals 32 Jahre lang keine Schale in der Hand gehabt hat. Damals war auch alles viel unorganisierter und unkontrollierter, regelrecht gefährlich. Da standen Spieler mit Kreuzbandriss und Krücken auf dem Platz, als die Stadiontore geöffnet wurden und die Fans den Platz gestürmt haben. Wir Spieler waren Freiwild, mir haben die Fans die Schuhe von den Füßen gerissen. Ich bin nur in der Unterhose in die Kabine gekommen.

bundesliga.de: Seither hatte es keine Mannschaft außer den Bayern geschafft, den Titel zu verteidigen - erst jetzt wieder der BVB.

Reinhardt: Ich weiß, wie schwierig es ist, so eine Leistung zu bestätigen. Man kann es dieser Mannschaft, die nach außen immer so bodenständig auftritt, nur ganz hoch anrechnen, dass sie das geschafft hat.

bundesliga.de: Sie betonen das Bodenständige des Meisters - ist das in Ihren Augen etwas Besonderes?

Reinhardt: Wenn man einmal die Deutsche Meisterschaft errungen hat, kann eine gewisse Arroganz aufkommen. Der eine oder andere neigt vielleicht dazu, zu denken, man hat etwas geleistet und kann mit etwas weniger Aufwand das Gleiche noch einmal erreichen. Das ist ein Irrtum, aber für manchen Spieler auch ein wichtiger Erfahrungsprozess. Aber das haben der Trainer und die anderen Verantwortlichen der Borussia super hinbekommen, dass die Mannschaft nicht den Boden unter den Füßen verloren hat. Es hat auch schon andere Fälle gegeben. Mannschaften, die Erfolge hatten und dann regelrecht abgestürzt sind. Der 1. FC Nürnberg ist 1968 Meister geworden und 1969 abgestiegen.

bundesliga.de: Sprechen Sie auch aus eigener Erfahrung? Gab es beim BVB zwischen 1995 und 1996 auch Schwierigkeiten?

Reinhardt: Wie die Dortmunder in diesem Jahr hatten auch wir damals zu Beginn der Saison unsere Schwierigkeiten. Wir haben uns damals nach dem Erreichen der ersten Meisterschaft etwas schwer getan, wieder richtig in die Gänge zu kommen. Wir mussten uns neu motivieren und neue Ziele setzen. Da gibt es schon Parallelen zum heutigen Team, das ja auch schon acht Punkte hinter den Bayern zurücklag. Dann so eine Serie zu starten und sowohl zuhause als auch auswärts so konstant zu spielen, das ist schon eine enorme Leistung.

bundesliga.de: Lassen sich die Probleme nach einer Meisterschaft als reines Kopfproblem erklären? Oder gibt es andere Gründe?

Reinhardt: Es sind letztlich verschiedene Faktoren. Meistens kommen neue Spieler hinzu, das war bei uns damals so und das war auch jetzt beim BVB so. Dann greifen gewisse Automatismen noch nicht. Dazu sind alle Gegner besonders heiß, gegen den Meister zu spielen. Auch mit so einer Situation muss man sich erst einmal anfreunden. Diesen Druck musst du dann positiv umsetzen. Das hat die jetzige Meistermannschaft auch super hinbekommen. Es ist Wahnsinn, was für schöne Spiele diese Mannschaft in den letzten Wochen abgeliefert hat.

bundesliga.de: Was verändert sich noch, wenn man einen Titel gewonnen hat?

Reinhardt: Menschlich ist man enger zusammengerückt. Man hat ja nicht nur schöne Momente, sondern auch Druck und Hürden, die man dann gemeinsam meistern muss. Ich denke, das hat man auch bei dieser Mannschaft gesehen. Sie mussten zwischenzeitlich auch kämpfen, um ihr Niveau der Vorsaison wieder zu erreichen und um es dann zu halten. Am Ende konnte sie umso befreiter aufspielen.

bundesliga.de: Wie seht das Innenleben einer Meistermannschaft aus? Was tut man gegen den steigenden Druck?

Reinhardt: Man tut immer mal wieder etwas für das Mannschaftsklima und zur Ablenkung. Zu unserer Zeit gab es allerdings noch keine Playstation. Wir haben damals Ausflüge gemacht, sind mit ein paar Spielern zum Golfplatz gefahren und haben Abschläge geübt oder wir waren zusammen im Kino. Heute gibt es ganz andere Möglichkeiten, aber die Intention ist doch die gleiche. Ob du nun ein Brettspiel machst oder mit der Playstation zockst - es geht immer darum, Wege innerhalb der Mannschaft zu finden, um dem großen Druck zu entfliehen.

bundesliga.de: Im Vergleich zur BVB-Mannschaft 1996 ist dieses Team deutlich jünger. Wie sehen Sie die Zukunftsperspektiven?

Reinhardt: National hat man gezeigt, dass man dem FC Bayern dauerhaft Paroli bieten kann. Und das mit einem ganz anderen Konzept, nämlich mit jungen Nachwuchsspielern und cleveren Einkäufen. Aber international war das sehr wenig und auf diesem Gebiet hatte ich mir eigentlich mehr erhofft. Das ist das einzige Manko, das der BVB in diesem Jahr hatte.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews bei bundesliga.de, was Knut Reinhardt über die Champions-League-Ambitionen des BVB denkt und warum er dem Verein rät, noch einen echten Superstar zu verpflichten.