Mönchengladbach - Fünf Pflichtspielniederlagen in Serie - vier davon in der Bundesliga - sind eine große Hypothek für Borussia Mönchengladbach. Das weiß auch Flügelstürmer Ibrahima Traoré. In einem außergewöhnlich offenen und exklusiven Interview aber spricht er über die Gründe für die Niederlagen-Serie, über die Mechanismen, die das in den Medien in Gang setzt, und darüber, warum er trotzdem sein Selbstvertrauen nicht verloren hat.

bundesliga.de: Herr Traoré, fünf Pflichtspielniederlagen in Folge, davon vier in der Bundesliga sind eine schwere Hypothek für die Borussia. Selbst die größten Optimisten unter den Fans beginnen sich ernsthafte Sorgen zu machen...

"Geben wir nur 95 Prozent, gewinnen wir kein einziges Spiel!"

Ibrahima Traoré: Ich könnte jetzt sagen, Fußball ist eben so. Weil es Phasen gibt, in denen es nicht so gut läuft, und andere, wo alles wie von selbst zu klappen scheint. Aber das wäre zu billig. Fakt ist, dass Dinge, die nahezu in Perfektion funktioniert haben, nun überhaupt nicht mehr gelingen. Und ich kann verstehen, wenn einige Leute nun sagen: "Die sind nicht mehr bereit auch die letzten zehn Prozent zu geben“ oder "Die haben sich wohl überschätzt". Aber so ist es selbstverständlich nicht. Uns ist sehr wohl bewusst, dass wir nicht Bayern München sind und auch nicht  Borussia Dortmund, die schon wegen ihrer individuellen Klasse auch mal Spiele gewinnen, die vielleicht alles andere als gut waren. Wir müssen dagegen immer alles raushauen. Geben wir nur 95 Prozent, werden wir kein einziges Spiel mehr gewinnen.

bundesliga.de: Aber wo liegen die Gründe, dass es zurzeit überhaupt nicht läuft?

Traoré: Es ist sicherlich nicht der alleinige Grund, aber ich denke, dass wir heute anders wahrgenommen werden. Wir sind nicht mehr der Außenseiter, der alle überrascht und die Bundesliga klammheimlich aufrollt. Niemand lässt sich zurzeit von uns noch überraschen, jeder ist top vorbereitet. Und jede weitere Niederlage macht den danach folgenden Gegner noch ein bisschen selbstbewusster. Denn es ist nun mal ein deutlicher Unterschied, ob der HSV auf eine Borussia trifft, die dreimal in Serie gewonnen hat, oder auf eine, die Niederlage an Niederlage reiht.

"Wir sind diejenigen, die jetzt wie die Deppen dastehen"

bundesliga.de: An wem soll sich die Mannschaft nun aufrichten, wenn jetzt selbst die Spieler patzen, die gemeinhin für Solidität und Zuverlässigkeit stehen?

Traoré: Lassen Sie mich bitte zunächst festhalten, dass es fatal wäre, nun mit gegenseitigen Schuldzuweisungen zu beginnen. Was wäre das auch für eine Doppelmoral, wenn man einerseits immer wieder postuliert, dass man ebenso zusammen verliert wie man auch zusammen gewinnt, dann aber, wenn es hart auf hart kommt, mit dem Finger auf andere zeigt? Wir sind Tabellenletzter der Bundesliga. Niemand anders ist verantwortlich als wir selbst. Aber wir sind auch nur Menschen, die Fehler machen. Und die darüber selbst am unglücklichsten sind. Denn wir sind diejenigen, die nun als Deppen dastehen. Und es lässt niemanden kalt, wenn 50.000 Zuschauer kommen, um mit Siege zu feiern, wir aber im eigenen Stadion 0:3 verlieren. Das trifft uns mitten ins Herz!

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bundesliga.de: Wird es nach einer solchen Niederlage laut in der Kabine?

Traoré: Was sollte das bringen? Wir könnten noch soviel schreien - wenn wir nicht zusammenstehen, werden wir weiter verlieren. Oder glaubt ernsthaft jemand, dass wir plötzlich gewinnen würden, wenn wir uns gegenseitig anschreien würden? Im Übrigen ist das doch eine Mentalitätsfrage. Nehmen wir Raffael. Laut zu werden oder gar zu schreien, das entspricht in keiner Weise seiner Mentalität. Warum sollte er das jetzt also tun? Er würde deshalb doch keinen einzigen Treffer mehr erzielen.

"Ich bewege mich auf einem schmalen Grat"

bundesliga.de: Kann die Champions League, auf die man sich so sehr gefreut hat, jetzt zum Hemmnis werden?

Traoré: Warum denn? Wer hat denn ernsthaft geglaubt, dass es für uns einfach werden würde in der Champions League? Bei uns jedenfalls niemand. Wir sprechen hier von der Königsklasse, dem Wettbewerb der besten Teams Europas, und von der schwersten Gruppe, die eine deutsche Mannschaft erwischt hat. Nehmen wir Manchester City. Schauen Sie sich diesen Kader an, die internationale Erfahrung, die diese Spieler haben. Und doch hat selbst City jedes Jahr aufs Neue Probleme wirklich etwas zu reißen in der Champions League. Selbstverständlich wollen wir aber auch gegen solche Topteams etwas holen. Allein schon deshalb, weil wir uns die Teilnahme mit der vergangenen Saison extrem verdient haben.

bundesliga.de: Sie selbst waren der Gewinner der Vorbereitung. Wie sieht es jetzt in Ihnen aus?

Traoré: Ich habe immer Selbstvertrauen. Wenn ich mir selbst nicht vertraue, wie sollten andere das können? Selbstvertrauen kann Dir keiner einreden. Deshalb ist es sehr wichtig, dass man sich immer wieder klarmacht, was man kann. Das hat überhaupt nichts mit Selbstüberschätzung zu tun. Im Gegenteil: Ich bin mir meiner Situation sehr bewusst und weiß, dass ich mich immer auf einem schmalen Grat bewege. Ich muss heute sehr gut spielen, wenn ich auch morgen wieder spielen möchte. Denn die Konkurrenz ist groß bei Borussia.

"Wenn es gut läuft, stellt sich jeder gerne vor die Mikrofone"

bundesliga.de: Also kein Frust, den Sie mit nach Hause nehmen?

Traoré: Nein. Zuhause versuche ich mein ganz normales Leben zu leben, und meist gelingt mir das auch. Fußball ist Fußball, mein Privatleben ist mein Privatleben. Ich bin alt genug um zu wissen, dass man das trennen muss. Das habe ich übrigens in Stuttgart gelernt, als der VfB vor einigen Jahren schon einmal tief im Abstiegskampf steckte. Damals gab es eine Phase, in der ich mehrere Spiele in Folge nicht in der Startelf stand. Dann aber kam mit Huub Stevens ein neuer Trainer, der mir eine neue Chance gegeben hat. Und so habe ich meinen Beitrag dazu leisten können, dass der VfB die Klasse halten konnte. Das war nur möglich, weil ich auch in der schlechten Phase nie den Glauben an mich selbst verloren habe.

bundesliga.de: Trotzdem: Wie schwer fällt es, nach jeder weiteren Niederlage wieder Rede und Antwort stehen zu sollen?

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Traoré: Selbstverständlich ist es keine reine Freude, wenn nach jedem Spiel dieselben Fragen gestellt werden, man aber keine befriedigende Antwort geben kann. Aber ich weiß, dass die Medien-Arbeit auch ein Teil meines Jobs ist. Wenn es gut läuft, stellt sich ja auch jeder gerne vor die Mikrofone der Journalisten. Deshalb versteht es sich für mich von selbst, dass ich auch dann Interviews gebe und diese Termine nicht absage, wenn die Situation so schlecht ist wie aktuell.

bundesliga.de: Haben Sie das Gefühl, dass sich allmählich etwas Schadenfreude einschleicht in die Berichterstattung?

Traoré: In Frankreich, und wohl auch in Deutschland, sagt man, dass schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind - für die Medien. Natürlich wird jetzt alles aufgegriffen, was ins Bild zu passen scheint. Ein fiktives Beispiel: Man verliert gegen Hamburg und beim Training am nächsten Tag geraten zwei Spieler nach einem Zweikampf aneinander. Wieder einen Tag später steht dann in der Zeitung: "Die Nerven liegen blank bei Borussia" oder: "Zerreißt jetzt die Mannschaft?". Dass solche kleinen Wortgefechte aber bei jedem zweiten Training und in jeder Mannschaft vorkommen, egal ob es gerade gut oder schlecht läuft, wird verschwiegen, weil es die vermeintliche Nachricht völlig entwerten würde.

"Es hat keine Aussagekraft, ob wir in Köln zehn Jahre gewonnen oder verloren haben"

bundesliga.de: Am Samstag muss Borussia nun zum Derby nach Köln, wo man seit zehn Jahren nicht verloren hat. Macht so eine Statistik ein wenig Mut oder werden Statistiken überschätzt?

Traoré: Es gibt Leute, die Geld verdienen mit Statistiken und deren Auswertungen. Das respektiere ich. Mir persönlich bedeuten Statistiken aber nichts. Denken Sie doch bitte an die vergangene Saison. Damals haben wir mehrere jahrzehntealte Vereinsrekorde gebrochen, von denen man glaubte, sie wären für die Ewigkeit gemacht. Das war eine tolle Sache - von der nun aber niemand mehr redet. Denn aktuell hat es überhaupt keine Bedeutung. Ob wir nun in Köln zehn Jahre in Folge verloren oder gewonnen haben hat für mich überhaupt keine Aussagekraft darüber, was am Samstag auf dem Platz passiert. Denn jedes Spiel ist eine neue Chance.

bundesliga.de: Wiederum nur einige Tage später kommt Ihr Ex-Club, der FC Augsburg, in den Borussia Park...

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Traoré: Es gibt kaum noch Kontakt nach Augsburg, deshalb ist da keine Vorfreude auf ein Wiedersehen. Es ist überragend, was in Augsburg in den vergangenen vier Jahren aufgebaut wurde, Markus Weinzierl hat großartige Arbeit geleistet. Allerdings kommt mir in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz, dass Weinzierls Vorgänger und mein damaliger Trainer, Jos Luhukay, ebenfalls einen tollen Job gemacht und mit dem Aufstieg überhaupt erst das Fundament gelegt hat. Übrigens hat Augsburg nun ähnliche Probleme wie wir. Noch vor zwei Jahren war man Abstiegskandidat, in der vergangenen Saison aber konnte man Vereine wie Schalke und Dortmund hinter sich lassen. Da sind einerseits die Erwartungen gestiegen, andererseits ist jetzt aber jeder Gegner gewarnt. Keiner unterschätzt den FCA heute noch.

"Wir wollen jetzt punkten, um endlich in der Saison anzukommen"

bundesliga.de: Blicken wir eine Woche voraus: wie, glauben Sie, werden Sie sich dann fühlen?

Traoré: Ich nehme an, nicht viel anders als heute. Und völlig unabhängig davon, wie die beiden Spiele gegen Köln und Augsburg ausgehen, würde ich mit Ihnen wieder genauso hier sitzen und Ihre Fragen so gut wie ich kann beantworten. Aber ich hoffe, dass das nicht nötig sein wird. Denn wir wollen und werden jetzt punkten, um endlich in dieser Saison anzukommen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter