München/Stuttgart - Als Kind flüchtete er mit seiner Familie aus Bosnien, doch eine neue Heimat hat Vedad Ibisevic lange nicht gefunden. Er lebte in der Schweiz, den USA und in Frankreich, ehe er nach Deutschland kam. Nach Stationen in Aachen und Hoffenheim ist im Januar 2012 Stuttgart zu seiner fußballerischen Heimat geworden. Auf dem bosnischen Torjäger ruhen die VfB-Hoffnungen im Pokalfinale am Samstagabend gegen den FC Bayern (ab 19:30 Uhr im Live-Ticker).

Mit den Schwaben kämpft Ibisevic um den ersten Titel seiner Karriere. Im Interview spricht der 28-Jährige über prägende Erfahrungen als Flüchtlingskind, Stuttgarts Chancen in Berlin und seine Rolle in der Mannschaft.

bundesliga.de: Herr Ibisevic, wäre die VfB-Saison mit dem Pokalsieg gerettet?

Vedad Ibisevic: Man muss die Saison differenziert betrachten. Was den Pokal angeht, haben wir mit dem Finaleinzug unser Ziel erreicht. Diesen Erfolg haben wir nicht geklaut, den haben wir geleistet.

bundesliga.de: In der Bundesliga lief es weniger gut. Sie haben die Saison mit dem VfB auf Rang 12 abgeschlossen. Wie bewerten Sie das Jahr?

Ibisevic: Wir haben uns das in der Liga anders gewünscht, sind alle unzufrieden. Es war eine schwere Saison. Viele Spiele waren eng, viele haben wir selbst aus der Hand gegeben. Das hat uns alle geärgert.

bundesliga.de: Sie selbst haben 15 Mal getroffen, sind Sie damit zufrieden?

Ibisevic: Es hätte das eine oder andere Tor mehr sein können. Insgesamt kann ich aber gut damit leben, es gibt auch schlechtere Saisonbilanzen als meine.

bundesliga.de: Wenn es bei Ihnen gut lief, lief es auch beim VfB gut, wenn Sie nicht gut drauf waren, lief es schlecht. Ist die Mannschaft zu abhängig von Ihnen?

Ibisevic: Nein, wir haben genügend gute Spieler im Team. Wir hatten insgesamt als Mannschaft gute und schlechte Phasen. Dass das Team von mir abhängig war, glaube ich nicht.

bundesliga.de: Mit 28 Jahren sind Sie inzwischen einer der Ältesten im VfB-Kader. Sehen Sie sich als Führungsspieler?

Ibisevic: Sie können das nennen, wie sie wollen. Ich fühle mich schon ein Stück mit verantwortlich für die Mannschaft. Unabhängig vom Alter habe ich sehr viel Erfahrung - auf dem Platz und im Leben.

bundesliga.de: Wie macht sich das bemerkbar? Fragen die Jüngeren Sie um Rat?

Ibisevic: Den Jungs, die gerne einen Rat hören, stehe ich zur Verfügung. Ich setze aber niemanden unter Druck, damit er auf mich hört. Als ich jünger war, hätte ich sehr gerne älteren Spielern zugehört und jemanden gehabt, der für mich da gewesen wäre.

bundesliga.de: Sie mussten in Ihrer Kindheit und Jugend aufgrund des Bosnienkrieges viel umziehen, lebten in der USA und der Schweiz. Später haben Sie in Frankreich gespielt, ehe Sie nach Deutschland kamen. Haben Sie jetzt in Stuttgart langfristig Ihre Heimat gefunden?

Ibisevic: Im Fußball ist das schwer vorauszusagen. Wichtig ist mir, dass ich mich die vergangenen anderthalb Jahre richtig wohl gefühlt habe und dass ich akzeptiert wurde. Hoffentlich geht das noch lange so weiter.

bundesliga.de: Inwiefern hat Sie Ihre Kindheit und Jugend im Ausland geprägt?

Ibisevic: Es hat mich als Mensch geprägt, meinen Charakter. Wenn ich Fußball spiele, bringe ich diesen Charakter mit auf den Platz. Vielleicht bin ich deshalb ein wenig emotionaler auf dem Feld. Ich musste viel kämpfen im Leben. Und gerade im Fußball ist es sehr wichtig, sich durchzusetzen. Diese Erfahrung hat mir sehr geholfen.

bundesliga.de: Welche Rolle spielt das Pokalfinale in Ihrer Karriere?

Ibisevic: Es ist bisher das wichtigste Spiel meiner Karriere, mein erstes Finale.

bundesliga.de: Die Bayern haben die Bundesliga dominiert und die Champions League gewonnen. Welche Chancen sehen Sie im Finale?

Ibisevic: Die Bayern sind klarer Favorit, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Es ist schwierig, bei ihnen eine Schwäche auszumachen. Unsere Außenseiterrolle ist unsere Chance. Wie gesagt, man muss im Leben kämpfen. Ich werde mit sehr viel Freude in dieses Spiel gehen.

bundesliga.de: Welche Ziele stecken Sie sich für die kommende Saison?

Ibisevic: Die ganze Kraft gilt momentan Berlin, danach gibt es ein bisschen Urlaub. Wir wollen in der Bundesliga eine bessere Saison spielen.

bundesliga.de: Im WM-Sommer 2014 könnte es mit dem Nationalteam von Bosnien-Herzegowina dann erneut ein Highlight am Ende der Saison geben ...

Ibisevic: Das wäre dann der nächste Traum, der sich erfüllt.

Das Gespräch führte Andreas Messmer