Offensivfußball hat Hansi Müller schon immer begeistert. Einst als Fadenzieher im Mittelfeld des VfB Stuttgart und Inter Mailand, jetzt auf den Tribünen der Bundesliga.

Der fulminante Einstand von Bayerns Neuverpflichtung Arjen Robben mit zwei Toren gegen Wolfsburg hat dem 52-Jährigen deshalb besonders imponiert. "Ein herzerfrischender Spieler", findet der Europameister von 1980. "Er passt zu diesem Hurra-Fußball, den man manchmal von den Niederländern sieht."

Der ehemalige VfB-Star bewertet bei bundesliga.de den Saisonstart, spricht über die spektakulärsten Neuzugänge und äußert sich zur Rotation in Stuttgart.

bundesliga.de: Vier Spieltage sind gespielt. Welche Mannschaft hat Sie bislang am meisten überrascht?

Hansi Müller: Wolfsburg hat mir bei der Saisoneröffnung gefallen. Aber vom Fußballerischen her betrachtet, war es Leverkusen. Sie spielen sehr variablen Offensivfußball. Mich beeindruckt, dass sie sich ständig Chancen erarbeiten, ständig gefährlich sind. Ich könnte mir vorstellen, dass dort die Mentalität von Jupp Heynckes eine Rolle spielt. Er profitiert von seiner Erfahrung und war selbst ein Weltklassespieler, der offensiv gedacht hat.

bundesliga.de: Der HSV steht ganz oben. Ist dort schon die Handschrift von Bruno Labbadia erkennbar?

Müller: Das nach vier Spielen zu bewerten, wäre verfrüht. Es zeichnen sich Trends ab, aber schon Schlüsse zu ziehen, davon halte ich nichts. Beispielsweise jetzt in Köln zu sagen, dass es mit Zvonimir Soldo nichts wird, wäre nicht angebracht.

bundesliga.de: Der FC Bayern hat Arjen Robben geholt. Er hat gegen Wolfsburg einen furiosen Einstand gefeiert. Was sagen Sie zu dieser Verpflichtung?

Müller: Er hat mich immer schon beeindruckt, weil er ein herzerfrischender Spieler ist. Er passt zum Hurra-Fußball, den man manchmal von den Niederländern sieht. Was heute immer seltener wird, sind Eins-gegen-eins-Duelle. Viele Spieler gehen direkten Zweikämpfen aus dem Weg und spielen lieber auf Alibi - Robben ist das genaue Gegenteil. Er spielt mit Risiko, ist schnell, technisch stark, ein bisschen schlitzohrig und eine Stimmungskanone. Ein Gesamtpaket, mit dem Bayern einen guten Griff gemacht hat. Auch, weil er für das 4-3-3 steht, das Louis van Gaal spielen lassen möchte.

bundesliga.de: Ein sehr offensives Spielsystem…

Müller: Wenn ich Trainer wäre, würde ich auch das 4-3-3 favorisieren. In diesem System hatte ich meine beste Zeit als Fußballer. Wenn man klasse Fußballer hat, die schnellen, direkten Fußball spielen können, beschäftigt man den Gegner damit so, dass es egal ist, welches System der spielt.

bundesliga.de: Ihr Ex-Club Stuttgart hat mit Pavel Progrebnyak, Alexander Hleb und Zdravko Kuzmanovic spielstarke Leute verpflichtet. Wäre das 4-3-3 auch ein System für den VfB?

Müller: Mir gefällt, wie sich Progrebnyak bewegt. Vielleicht könnte er sich in so einem System noch besser entfalten und davon profitieren. Natürlich kann das der Trainer, der die Jungs jeden Tag im Training sieht, besser beurteilen. Stuttgart hat aber auf jeden Fall das Spielermaterial, um so ein Spiel aufzuziehen. Für Leute wie Cacau, Marica und Schieber wäre es wiederum bitter. Gespannt bin ich, was bei Bayern passiert, wenn van Gaal tatsächlich so spielen lässt. Dann haben sie für die eine Position im Sturm fünf Topleute. Ob die alle ruhig halten? Es könnte sein, dass entweder auf dem Trainingsplatz oder in den Medien die Fetzen fliegen.

bundesliga.de: Erwarten Sie in dieser Saison einen Durchmarsch der Bayern?

Müller: Armin Veh hat in Wolfsburg einen super Kader, Leverkusen ist sehr spielstark, der HSV steht derzeit oben, in Bremen kann Özil den Unterschied machen und Felix Magath wird mit seinen Schalkern nicht locker lassen. Dazu kommen Dortmund und der VfB, die auch zum Kreis dieser Mannschaften gehören. Einen Durchmarsch von Bayern kann ich mir nicht vorstellen.

bundesliga.de: Die Clubs haben in dieser Saison einige Superstars in die Bundesliga locken können. Woran liegt das?

Müller: Die Bundesliga ist ein Premium-Produkt und braucht sich vor anderen Ligen nicht zu verstecken. Organisation, Stadien, Berichterstattung - die Liga ist sehr attraktiv. Wenn man dann beispielsweise Leuten wie Progrebnyak oder Hleb die Perspektive Champions Lague geben kann, dann ist das sehr verlockend. Die internationalen Wettbewerbe sind die ideale Bühne, um sich für die Nationalmannschaften zu empfehlen.

bundesliga.de: Auf welchen Neuzugang freuen Sie sich am meisten?

Müller: Auf Robben freue ich mich umso mehr, weil die Bundesliga mit Diego einen absoluten Virtuosen verloren hat. Und ich bin auch froh, dass Franck Ribery bei Bayern geblieben ist. Ich wünsche mir, dass er wieder in Spiellaune kommt.

bundesliga.de: Stuttgart hat mit Alexander Hleb ebenfalls einen sehr prominenten Spieler geholt.

Müller: Es ist ein absolutes Highlight, dass er wieder da ist. Er ist ein Spieler auf dem Level Iniesta, Xavi, Messi und wie sie alle heißen. Das hat er mit seinem Tor gegen Timisoara angedeutet. Leider hat er in Barcelona nie eine richtige Chance bekommen.

bundesliga.de: Am nächsten Spieltag tritt der VfB beim HSV an. Was erwarten Sie von der Partie?

Müller: Das ist gut für den VfB. Es gibt nichts Besseres, als zum Tabellenführer zu reisen. Der HSV wird, vom eigenen Publikum angetrieben, offensiv spielen. So ein Spiel ist dankbar, weil Hamburg der Favorit ist. Einen Punkt traue ich Stuttgart auf jeden Fall zu.

bundesliga.de: Stuttgart hat mit dem FC Sevilla, den Glasgow Rangers und Unirea Urcizeni eine vermeintlich leichte Champions-League-Gruppe zugelost bekommen. Wie weit kommt der VfB?

Müller: Auch wenn die Namen machbar klingen, sind es harte Brocken. Ich denke, dass der VfB dieses Mal die Gruppenphase übersteht. Sollte es eng werden und nur Platz 3 herausspringen, wäre auch die Europa League nicht zu verachten.

bundesliga.de: Trainer Markus Babbel stand zuletzt wegen seines Rotationsprinzips in der Kritik. Wie denken Sie darüber?

Müller: Markus darf sich davon nicht verunsichern lassen und muss seiner Linie treu bleiben - auch wenn das eine oder andere Ergebnis mal nicht passt. Wie ich ihn kenne wird er das auch schaffen. Wichtig ist, dass er die Mannschaft nicht zu sehr durcheinander wirbelt, aber das war bislang nicht zu beobachten.

Das Gespräch führte Andreas Messmer

Hansi Müller im Porträt