Gelsenkirchen - Nach dem 1:1 in der Champions League gegen NK Maribor und der Niederlage in Hoffenheim kippte die nach dem Derbysieg noch gute Stimmung beim FC Schalke 04. Im ersten Teil des Interviews mit bundesliga.de spricht Manager Horst Heldt über die Schnelllebigkeit der Branche und über die dennoch erfreuliche Entwicklung der Königsblauen.

bundesliga.de: Herr Heldt, entschuldigen Sie bitte zunächst die Verspätung, ein Interview mit Raffael in Mönchengladbach hatte sich etwas verzögert. Wenn man ihn im Gespräch erlebt, mag man kaum glauben, für welchen Wirbel Raffael auf dem Feld sorgen kann...

Horst Heldt: Gar kein Problem. Für Wirbel hat er auch vor wenigen Wochen gesorgt, als er bei unserem 1:4 bei Borussia Mönchengladbach einer der besten Spieler auf dem Feld war. Für Schalke hat er zwar 2013 nur ein halbes Jahr gespielt. Aber auch damals war er gut und hat uns richtig geholfen. Hätte man nur eindimensional, also rein sportlich gedacht und die Finanzen und die Alternativen im Kader völlig außer Acht gelassen, hätten wir versuchen müssen, ihn zu halten. Jens Keller und ich haben aber bewusst dazu entschieden, auf Max Meyer und damit auf die eigene Jugend zu setzen.

"Als würde alles in Schutt und Asche liegen"

bundesliga.de: Nicht erst die vergangenen Tage und der Derbysieg haben gezeigt, dass Schalke auch ohne Raffael sehr gut zu Recht kommt. Wundern Sie sich trotz Ihrer langjährigen Erfahrung hin und wieder noch, wie schnell für die Medien aus einem Krisen- ein Erfolgsteam werden kann?

Horst Heldt: An diese Schnelllebigkeit kann man sich wirklich nur schwer gewöhnen. Ob im Negativen oder im Positiven - diesen Extremen in der Berichterstattung lässt sich kaum standhalten. So ist man, wenn es gut läuft, beinahe schon gezwungen, die Euphorie ein wenig zu drosseln. Und wenn es mal etwas schlechter läuft, hat man alle Hände voll damit zu tun, dass nicht tatsächlich der Eindruck vermittelt wird, es würde hier alles in Schutt und Asche liegen.

bundesliga.de: Fühlt man sich da bisweilen beinahe hilflos?

Horst Heldt: Die mediale Begleitung ist wichtig für uns und für die Bundesliga, ohne Frage. Aber manchmal würde man sich tatsächlich in beide Richtungen, positiv wie negativ, etwas mehr Normalität und Augenmaß wünschen. Sonst läuft man Gefahr, Dinge, die viel wichtiger sind, aus den Augen zu verlieren - nur weil man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, irgendwelche Meldungen relativieren zu müssen.

"Blick für die Realität nicht verlieren"

bundesliga.de: Dieselben Medien, die vor ein paar Tagen noch die Krise auf Schalke ausgerufen haben, fragen wenig später, ob der Derbysieg "die Geburt eines neuen königsblauen Teams" sein könnte. Ist das ein solcher Punkt, wo Relativierung Not tut?

Horst Heldt: Einerseits ist das natürlich Balsam für uns. Und es ist nicht so, als würde man das nicht gerne lesen. Trotzdem ist es unsere Aufgabe, den Blick für die Realität nicht zu verlieren. Uns ist sehr wohl bewusst, dass wir auch in dieser Saison wieder einen schlechten Start hatten. Das ist umso ärgerlicher, weil es völlig unnötig war. Es gibt Spiele, wie in der vergangenen Saison gegen Bayern München und Real Madrid, wo wir einsehen mussten, dass wir gegen solche Mannschaften zu dem Zeitpunkt einfach nicht mithalten konnten. Das muss man akzeptieren. Wenn man aber im DFB-Pokal an einem Drittligisten scheitert, weiß man zwar, dass so etwas passieren kann und auch anderen Bundesligisten schon passiert ist. Aber es nervt. Und eigentlich sollte es nicht passieren.

"Wichtig, dass man aus dem Vollen schöpfen kann"

bundesliga.de: Haben Sie nun, wo viele angeschlagene Spieler allmählich zurückkehren, die Hoffnung, dass Schalke wieder dauerhaft stabil auftritt?

Horst Heldt: Keine Frage, es ist wichtig, dass man aus dem Vollen schöpfen kann. Das war bisher in dieser Saison kaum der Fall. Wenn man sich aber umschaut, haben all die Klubs, die Belastungen durch die internationalen Wettbewerbe und die WM zu verkraften haben, ähnliche Sorgen. Ob in Leverkusen, in München, beim BVB oder bei uns - die Probleme sind überall dieselben. Es gibt Langzeitverletzte, die zurückkommen, wie Badstuber oder Reus, und die dann erneut verletzt ausfallen. Wenn sich das Lazarett aber endlich dauerhaft lichtet, macht das natürlich Hoffnung. Wie gesagt, die Probleme sind überall dieselben. Kurios ist nur, dass die Medien dies bisweilen unterschiedlich bewerten.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Im zweiten Teil des großen Interviews mit bundesliga.de erklärt Horst Heldt morgen, warum er glaubt, dass der FC Schalke in den letzten Jahren einen "Satz nach vorne" gemacht hat, wie man als Funktionär in der Bundesliga unter Beobachtung steht und wie Fußball auf Schalke gelebt wird.