Hamburg - Von der Trainerbank an die Wursttheke: Ganz so plakativ ist der Jobwechsel von Holger Stanislawski dann doch nicht verlaufen. Vielmehr ist der ehemalige Trainer des FC St. Pauli, TSV 1899 Hoffenheim und 1. FC Köln geschäftsführender Mitinhaber eines Einkaufszentrums einer großen Supermarkt-Kette.

Im ersten Teil des großen Interviews mit bundesliga.de spricht der gebürtige Hamburger über die Parallelen zwischen den auf den ersten Blick so verschiedenen Jobs, seine Ex-Clubs Hoffenheim und Köln sowie die Situation bei Borussia Dortmund.

bundesliga.de: Herr Stanislawski, die Vorweihnachtszeit ist für Fußballer oft besonders stressig, weil englische Wochen anstehen; in Ihrem neuen Job dürfte das aber kaum anders sein...

Holger Stanislawski: Sie haben völlig Recht, das ist hier genau so. Die Monate November und Dezember sind neben der Osterzeit die Top-Monate, was den Umsatz, aber auch, was die Arbeit betrifft - wobei ich Stress nicht grundsätzlich als negativ ansehe.

"Hoffenheims Entwicklung ist absolut positiv"

bundesliga.de: Lässt sich die Arbeit als Trainer und als Filialleiter miteinander vergleichen?

Stanislawski: Einige Aspekte sicherlich. Auch als Filialleiter muss ich meinen Mitarbeitern ein Teamgefühl vermitteln und, wenn möglich, die Leute nach ihren Fähigkeiten einsetzen. Was den Stress betrifft - der ist allerdings etwas anders geartet als im Fußball. Im Fußball baut sich der Stress vom Wochenanfang bis zum Wochenende jeden Tag ein bisschen mehr auf und entlädt sich vorübergehend am Spieltag. Im Supermarkt dagegen liegt der Stress auf einem eher gleichbleibenden Niveau.

bundesliga.de: Vermissen Sie den Kick im Fußball, der sich einstellt, wenn sich der Stress am Wochenende entlädt?

Stanislawski: In gewisser Weise bin ich nach wie vor mitten drin im Fußball: Ich schaue mir sehr viele Spiele an, im Fernsehen, aber auch live im Stadion, quer durch alle Ligen von der ersten bis zur vierten Liga. Zuletzt habe ich zum Beispiel die Partie Rot-Weiss Essen gegen Rot-Weiß Oberhausen besucht.

bundesliga.de: Wie verläuft ihr Zwischenfazit zur Bundesliga und zu Ihren Ex-Clubs Hoffenheim und Köln...

Stanislawski: Selbstverständlich beobachte ich gerade meine Ex-Clubs besonders. Wenn ich etwa sehe, wie sich Niklas Süle entwickelt hat, ist das eine tolle Sache. Als Niklas bei mir seine ersten Fußspuren hinterlassen hat, war er gerade einmal 16. Oder nehmen Sie Jannik Vestergaard oder Sven Schipplock - Hoffenheim ist auf einem guten Weg, hat eine junge, qualitativ gute Mannschaft, die attraktiven Fußball anbietet. Noch mag es aufgrund der Altersstruktur die eine oder andere Leistungsdelle geben. Grundsätzlich ist die Entwicklung aber absolut positiv.

"Hectors Berufung hat mich sehr gefreut"

bundesliga.de: Und der FC?

Stanislawski: Der FC war mein bisher letzter Club, deshalb bin ich vielleicht noch ein wenig mehr involviert als bei Hoffenheim. Hier spielen noch viele Spieler, die ich damals dazu geholt habe oder die bereits unter mir gespielt haben. Timo Horn habe ich damals ins Tor gestellt, und Jonas Hector haben wir zum linken Verteidiger umgeschult, was zunächst keiner für machbar gehalten hätte. Und jetzt hat der Junge sein erstes A-Länderspiel gemacht! Das hat mich sehr gefreut, das habe ich ihm auch mitgeteilt.

bundesliga.de: Kommt der Absturz von Borussia Dortmund für Sie überraschend?

Stanislawski: Grundsätzlich glaube ich, dass Jürgen Klopp noch immer der richtige Mann für Dortmund ist. Der BVB hat sich in den vergangenen Jahren stetig weiter entwickelt und ist regelrecht nach oben durchgeschossen, mit Meistertiteln, Pokal-Sieg und Champions League-Finale. Dass irgendwann auch einmal eine schlechtere Phase kommen kann, halte ich für normal und zudem nicht für eine Katastrophe. Denn eine solche Phase macht ein wenig demütiger und hilft, Erfolg und Misserfolg wieder besser einschätzen zu können. Ich glaube, dass dem BVB aktuell lediglich ein, zwei positive Ergebnisse fehlen, die das Team durchaus bereits hätte holen können. Und ich gehe davon aus, dass man sich relativ zeitnah im oberen Mittelfeld wiederfinden wird. Ob es noch nach ganz oben reicht? Da allerdings benötigt man wohl schon eine extreme Serie.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

Lesen Sie im 2. Teil des Interviews, was Stanislawksi über die 2. Bundesliga und "seinen" FC St. Pauli denkt.