München - Shinji Kagawa dominierte mit Borussia Dortmund die Hinserie und wurde zum "Spieler der Hinrunde" gewählt. Makoto Hasebe war einer der Eckpfeiler der Wolfsburger Meistermannschaft und auch Atsuto Uchida ist mittlerweile aus der Mannschaft von Schalke 04 kaum mehr wegzudenken. Jetzt mischt mit Shinji Okazaki der nächste Japaner die Bundesliga auf.

Der wuchtige Angreifer stand seit seiner Freigabe in jedem Spiel des VfB Stuttgart in der Startelf, konnte sich durch starke Leistungen festspielen und hat, gemeinsam mit Neuzugang Tamas Hajnal, für eine absolute Belebung der VfB-Offensive gesorgt. Auch dank Okazaki haben die Schwaben endlich den Sprung von den Abstiegsrängen geschafft.

Doch wer ist Shinji Okazaki? bundesliga.de beleuchtet den Werdegang des japanischen Angreifers und nennt zehn Fakten über Stuttgarts Hoffnungsträger mit der Nummer 31.

Japanische Heimat

Shinji Okazaki wurde am 16. April 1986 im japanischen Takarazuka geboren. Die etwa 100.000 Einwohner umfassende Stadt, die zum Ballungsraum der Millionen-Metropole Osaka gehört und auf der Hauptinsel Honshu liegt, ist weltbekannt für die Theatergruppe Takarazuka Revue, die schon seit 1913 besteht. Das besondere der Revue ist, dass alle Mitglieder ausschließlich Frauen sind, jedoch auch männliche Rollen spielen. Aufgeführt werden beispielsweise japanische Romanzen und Märchen, aber auch westliche Musicals.

Durchbruch in Japan

Nachdem er in der Jugend für die zweite Mannschaft der 2. Takigawa-Oberschule spielte, unterschrieb der Stürmer 2004 seinen ersten Profivertrag bei Shimizu S-Pulse. In den ersten beiden Jahren kam er nur sporadisch zum Einsatz, danach etablierte er sich als einer der torgefährlichsten Angreifer der J-League und erzielte bis 2011 in 154 Pflichtspielen 49 Treffer für Shimizu. 2009 wurde ihm sogar eine besondere Ehre zuteil, als er in die "Best 11" des Landes gewählt wurde, eine Auswahl der elf herausragenden Akteure eines Fußballjahres.

Dabei sein ist alles

2008 nahm Okazaki mit der U 23 seines Landes an den Olympischen Spielen in Peking teil. Das Turnier lief allerdings überhaupt nicht gut für die Japaner, denn nach drei Vorrundenspielen schieden die Asiaten gegen die Niederlande, die USA und den späteren Turnierfinalisten Nigeria ohne einen einzigen Punkt aus dem Turnier aus. Immerhin durfte Okazaki in allen Partien mitwirken, erzielte aber keinen Treffer. Bald schon würde er ohnehin nicht mehr für die U 23 auflaufen.

Ruuds Erbe

Denn schon im Oktober desselben Jahres debütierte der 1,74 Meter große Stürmer in der A-Nationalmannschaft. Dort lief es gleich besser für Okazaki, der mittlerweile in 41 Spielen für sein Land 21 Mal einnetzte. Im Kalenderjahr 2009 erzielte er sogar ganze 15 Tore für die Nationalelf, darunter den 1:0-Siegtreffer über Usbekistan, der Japan als erstes Team die Qualifikation zur WM sicherte. Durch diese Tore erlangte er Titel des "Welttorjägers 2009". Dabei trat er in die Fußstapfen von Weltklassestürmern wie Raul, Ruud van Nistelrooy, Thierry Henry oder Ronaldo, die diesen Titel ebenfalls ergatterten.

Große Bühne

Internationale Bekanntheit erlangte Okazaki durch die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Die Asiaten sicherten sich mit starken Auftritten ein Ticket fürs Achtelfinale, wurden Gruppenzweiter hinter den Niederlanden. Erst gegen Paraguay, das die Auswahl Nippons nach 0:0 nach 120 Minuten im Elfmeterschießen besiegte, war Endstation für Japan. Okazaki wurde in allen vier Partien eingewechselt und traf gegen Dänemark in der Gruppenphase zum 3:1, darf sich also auch schon WM-Torschütze nennen.

Der größte Erfolg

Seinen bisher einzigen Titel erlangte Okazaki im Januar 2011. Schon zur Qualifikation des "Landes der aufgehenden Sonne" für die Asienmeisterschaft 2011 in Katar trug er maßgeblich bei, erzielte sechs von 17 Treffern und war damit Top-Torjäger aller teilnehmenden Nationen. Okazaki traf dann auch im Turnier drei Mal für sein Land, das am 29. Januar im Finale des Cups schließlich Australien gegenüber stand. Nach einem 1:0-Sieg nach Verlängerung durfte sich Japan, auch dank Okazaki, zum vierten Mal in seiner Geschichte die beste Fußballnation Asiens nennen.

Von Japan ins Schwabenland

Jetzt wurde man auch in Europa und in Stuttgart endgültig auf den Angreifer aufmerksam. VfB-Sportdirektor Fredi Bobic hatte Okazaki "drei, vier Monate beobachtet" und wusste, dass der beidfüssige Stürmer "vielseitig einsetzbar" ist und "genau zu uns und zu unserem System passt". Nach dem Asien-Cup gab der VfB schließlich die ablösefreie Verpflichtung bis 2014 bekannt, wonach sich der 24-Jährige sofort nach in Richtung Deutschland aufmachte: "Ich bin in den Flieger gestiegen, während meine Mannschaftskollegen noch gefeiert haben", meinte Okazaki. Sogar etwas Deutsch brachte er bei seinem ersten Interview schon zu Stande. Mit "Guten Tag, ich bin Shinji Okazaki" wusste er gleich auch sprachlich zu überzeugen.

Verspätetes Debüt

Als mannschaftsdienlicher Knipser stellte sich Okazaki vor. "Eine meiner Stärken ist meine Laufbereitschaft und mein Zug zum Tor. Ich hoffe, dass ich der Mannschaft damit dienen kann", meinte der Japaner bei seiner Vorstellung bescheiden. Obwohl er so bald wie möglich angereist war, entwickelte sich sein erster Einsatz zur Hängepartie. Bis zum 17. Februar musste Okazaki warten, um endlich doch die Freigabe für den VfB zu erhalten. Noch am selben Tag lief er prompt für Stuttgart bei Benfica Lissabon auf. "Ich bin mit meinem ersten VfB-Spiel zufrieden", sagte Okazaki nach der Partie, "aber ich kann noch mehr." Seitdem stand er in jedem Spiel der Schwaben in der Startelf.

Sonderlob vom Chef

So auch in der Bundesliga. Vier Mal spielte er bislang in Deutschlands Eliteklasse, ein Treffer wollte Okazaki, der für den VfB bisher nur im linken offensiven Mittelfeld zum Einsatz kam, aber noch nicht gelingen. Trainer und Management sind dennoch vollends überzeugt von der dynamischen Spielweise des Japaners. VfB-Trainer Bruno Labbadia sprach seinen beiden Winter-Neuzugängen Tamas Hajnal und Okazaki ein Sonderlob aus. "Das sind zwei Spieler, die extrem professionell arbeiten. Beide bringen große spielerische Qualitäten mit - das hat uns sehr geholfen", urteilte Labbadia. Okazakis Auftreten beeindruckte auch Bobic: "Sein Verhalten ist beeindruckend und war so nicht zu erwarten."

Mitgefühl für die Heimat

Wie alle Japaner war natürlich auch Shinji Okazaki geschockt von den Vorkommnissen, die sein Heimatland im März nach dem Erdbeben einholten. Okazakis Familie blieb dabei glücklicherweise unversehrt. "Wir haben ihn sofort gefragt. Aber soweit er uns das berichtet hat, ist mit seiner Familie alles okay", berichtete Labbadia. Der VfB stellte dem Offensivspieler frei, in die Heimat zu reisen. Okazaki wollte aber unbedingt spielen und überzeugte beim 2:1-Auswärtssieg der Schwaben beim FC St. Pauli abermals. Nach der Partie zeigte er seine Verbundenheit mit der Heimat mit einer Botschaft auf seinem T-Shirt: "Ich bete zu Gott um die Sicherheit der Menschen in Japan und dass es ihnen besser geht."


Christoph Gschoßmann