"Danke für Eure einzigartige Unterstützung - ihr seid meisterlich!" Als sich die Profis des Hamburger SV nach dem letzten Heimspiel der Saison mit einem Spruchband bei ihren Anhängern bedankten, waren Teile der Tribünen in der heimischen HSH Nordbank Arena schon verwaist.

Zu groß war der Frust bei vielen Fans nach der 0:1-Pleite gegen den 1. FC Köln. Auch bei den Spielern saß der Stachel der Enttäuschung tief.

Der HSV kann sich nach einer so verheißungsvoll verlaufenden Saison nun nicht einmal mehr aus eigener Kraft für die neu geschaffene UEFA Europa League qualifizieren. Die Hamburger auf Rang 6 sind auf Schützenhilfe aus Gladbach angewiesen. Die "Fohlen" treten am letzten Spieltag gegen die fünftplatzierten Dortmunder an. Der HSV reist nach Frankfurt.

"Jetzt haben wir nichts"

"Vor gut drei Wochen haben wir noch auf drei Hochzeiten getanzt. Und jetzt haben wir nichts in der Hand", sagte Stürmer Ivica Olic, der gegen den FC sein letztes Heimspiel für den HSV absolvierte und unter großem Jubel eine Ehrenrunde drehte.

"Wir haben unsere gute Ausgangslage selbst verspielt. Wir hatten es immer selbst in der Hand. Jetzt müssen wir zittern, und das ist ganz bitter", meinte Kapitän David Jarolim und fügte an: "Wenn wir in Frankfurt gewinnen wollen, müssen wir anders auftreten."

Lange Saison macht sich bemerkbar

Gegen Köln war bezeichnend, dass selbst Dauerläufer Olic am Samstag nicht zum Zug kam. Völlig harmlos präsentierten sich die "Rothosen", gaben lediglich 13 Torschüsse ab, von denen nicht einer direkt aufs Tor ging. FC-Keeper Thomas Kessler erlebte einen ruhigen Nachmittag.

"Der Akku war ganz leer. Das hat sich in den vergangenen Wochen schon angedeutet. Irgendwann fehlt auch die Kraft, wenn in so einer harten Saison immer wieder wichtige Spieler ersetzt werden müssen", erklärte Marcell Jansen gegenüber bundesliga.de.

Die Hoffnung aufs europäische Geschäft hat Jansen aber noch nicht aufgegeben. "Ich habe ein gutes Gefühl. Wir haben endlich mal wieder eine Woche, in der wir ‘nur‘ trainieren und nicht spielen müssen. Da können wir den Kopf für das letzte Spiel frei bekommen. Dortmund hatte einen Lauf. Und jede Serie geht einmal zu Ende. Zumal Gladbach gewinnen muss. Es ist noch alles möglich. Wir müssen nur dran glauben."

Hoffmann kritisiert Mentalität

Auch wenn diese Durchhalteparole von Jansen durchaus überzeugend rüberkam, so stand die Fehleranalyse nach der Serie der verpassten Gelegenheiten im Vordergrund. Sportchef Dietmar Beiersdorfer wollte vor dem Saisonabschluss bei der Eintracht aber nicht ins Detail gehen.

HSV-Vorstandsboss Bernd Hoffmann hatte dafür schon vor der Partie gegen Köln Mängel ausgemacht. "Wir haben in den letzten Jahren vieles aufgebaut und dann immer in der alles entscheidenden Phase gepatzt. Das ist sicher auch eine Mentalitätsfrage. Es ist ein schwieriger Prozess, das zu drehen", sagte er dem "Hamburger Abendblatt".

Jol fordert Verstärkung

Trainer Martin Jol suchte die Ansätze im rein sportlichen Bereich: "Am Ende waren wir nicht breit genug aufgestellt und nach vorn fehlte die Kreativität, das hat jeder gesehen", teilte der Holländer mit und stellte klar: "Wir müssen uns verstärken!"

Doch Verstärkungen sind nur möglich, wenn der HSV im internationalen Wettbewerb vertreten ist, denn "unsere gesamten Überlegungen im Transferbereich basieren auf der Annahme, dass wir auch im nächsten Jahr wieder international spielen", so Hoffmann.

Wenn der HSV bei der Eintracht mehr Punkte holt als die Dortmunder in Gladbach, dann wendet sich vielleicht doch noch alles zum Guten. Für Beiersdorfer ist erst einmal wichtig, dass "wir in Frankfurt mit einem Sieg einen gelungenen Abschluss finden. Dann können wir schauen, was der BVB uns anbietet".

Aus Hamburg berichtet Michael Reis