Sinsheim - Manchmal klingen die Geschichten, die Fußballer nach Erfolgen erzählen, wie erfunden. Die Anekdote zum Beispiel, die Niklas Süle zu seinem 1:0-Siegtreffer für die TSG 1899 Hoffenheim am Sonntagabend gegen Hertha BSC Berlin zum Besten gab, war so eine.

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Beim Mittagessen vor dem Anpfiff habe er Kerem Demirbay gesagt, der Mittelfeldspieler solle den Ball beim Freistoß "doch mal auf den langen Pfosten klatschen". Als es dann in der 31. Minute Freistoß von der halblinken Position gab, zirkelte Demirbay den Ball dann tatsächlich auf den zweiten Pfosten und der 1,95 Meter große Abwehrspieler Süle köpfte die Kugel mit der ganzen Wucht seiner 95 Kilogramm ins Tor. Nach dem Abpfiff erzählte Süle dann seine Geschichte mit einem ihm typischen Augenzwinkern: "Ist ja auch mal schön, wenn man mit einem relativ kleinen Gegenspieler alleine gelassen wird." Herthas Peter Pekarik ist 20 Zentimeter kleiner und wiegt 25 Kilo weniger als Süle - er hatte im direkten Duell keine Chance. "Bei dem Freistoß stimmte alles: Kerem brachte den Ball perfekt in den Zielraum und das Einlauftempo von Süle war extrem hoch - das ist dann schwer zu verteidigen", analysierte TSG-Trainer Julian Nagelsmann.

In der vergangenen Runde und bis zum Sonntag hatte Süle zuvor kein Tor erzielt. Weil er aber auch schon einmal vier Tore in einer Saison geschafft hatte, stichelte TSG-Sportchef Alexander Rosen und bot Süle eine Wette an: Um diese zu gewinnen, müsse Süle zwei Tore in zehn Spielen erzielen. Nun habe er noch sieben, oder acht Spiele Zeit für das zweite Tor, so genau wusste Süle das nicht. Und den Wetteinsatz wollte er auch nicht verraten. Rosen gab schmunzelnd zu, die Wette lieber verlieren als gewinnen zu wollen. Wäre ja auch noch schöner.

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Niklas Süle spielt gerade die aufregendste Saison seines Lebens. Im Sommer gewann er die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Brasilien. Der Hüne spielte in Südamarika so gut, dass kurz darauf bereits das Debüt in der A-Nationalmannschaft in Mönchengladbach gegen Finnland folgte. Im Nachhinein, sagt Süle, hätten ihm die Pflichtspiele bei Olympia geholfen, fit in die Saison zu gehen. Zwar habe er danach ein, zwei Wochen gebraucht, um sich wieder in Hoffenheim einzuleben, erinnert er sich, aber seine körperliche Verfassung habe durch die Turnierteilnahme kurz vor Saisonbeginn profitiert.

Starke Dreierkette mit Vogt und Hübner

TSG-Trainer Julian Nagelsmann erzählt die Geschichte so: "Niklas hat schon ein bisschen gebraucht, um reinzukommen." Aber mittlerweile bilde er zusammen mit Kevin Vogt und Benjamin Hübner eine prima Dreierkette, in der Vogt und Süle mit ihrem Tempo viele Bälle gewännen, lobt Nagelsmann. Und nachdem der Trainer wie so oft schon in dieser Saison nach einer Stunde auch gegen Berlin auf eine Viererkette umstellte, ließen Süle und Hübner in der Zentrale keine Chancen für den Gegner mehr zu. Nagelsmann sagt, von Süle glaube man, er sei schon ewig Bundesligaspieler, dabei ist der Junge erst 21.

Süle ist der erste Spieler, der von der TSG-Akademie den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft hat. Auch ein Kreuzbandriss konnte seine Entwicklung nur kurz unterbrechen. Die gute Phase mit dem fünften Sieg in Serie aktuell gebe ihm und der Mannschaft ein gutes Gefühl, sagt Süle. "Wenn wir so weitermachen, wird das eine gute Saison", glaubt er.

© gettyimages / Alex Grimm

Nach dem fünften Sieg in Serie sind die Badener noch immer ungeschlagen und reisen am nächsten Samstag beim FC Bayern München als Tabellendritter zum Spitzenspiel. In der vergangenen Runde schien die TSG dem Abstieg geweiht - bis der 28 Jahre junge Julian Nagelsmann das Traineramt übernahm. Seither hat Hoffenheim 42 Punkte in 23 Spielen gewonnen - nur die Bayern und Dortmund waren in diesem Zeitraum besser. Nagelsmann ist mittlerweile 29, aber seine Jugend nur Camouflage: Dieser reife Trainer macht viele Spieler besser, die Mannschaft wechselt wie selbstverständlich aktuell zwischen einem 3-5-2 und einem 4-3-3-System hin und her. Und mit den Zugängen Sandro Wagner, Kevin Vogt, Kerem Demirbay und Lukas Rupp kam gierige Siegermentalität, die sich auf die ganze Mannschaft übertragen hat. Die TSG gewinnt mit Nagelsmann Punkte in engen Spielen, die sie in der Vergangenheit zu oft verloren hat. "Wir sind besser in Ballbesitz und verlieren die Bälle nicht mehr so schnell", erklärt Nagelsmann.

>>> Niklas Süle im großen Interview

Im Sommer schlug Süle lukrative Offerten aus England aus. "Wenn ich nicht glauben würde, hier erfolgreich zu sein, hätte ich die Angebote nicht ausgeschlagen", sagte er damals. Im Moment spricht viel dafür, dass sich Süles gutes Gefühl für diese Saison in Hoffenheim bestätigt. Diese TSG hat gerade einen positiven Lauf - und in denen schreiben Fußballer manchmal Geschichten, die fast wie erfunden klingen.

Aus Sinsheim berichtet Tobias Schächter