München - 62 Prozent Ballbesitz, 21:8 Torschüsse, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Werte eines Top-Favoriten gegen einen klaren Außenseiter, möchte man meinen. Tatsächlich stammen sie vom Spiel Gladbach gegen Wolfsburg.

Unter Lucien Favre ist die Borussia vom abgeschlagenen Abstiegskandidaten Nummer eins zum Tabellenführer gereift, doch diese Partie war selbst für Favre-Verhältnisse eine Glanzleistung. Der Höhenflug unter dem Schweizer scheint kein Ende zu nehmen.

Bester Gladbacher Coach aller Zeiten?

Natürlich hatte Gladbach schon einige sehr erfolgreiche Trainer, Hennes Weisweiler und Udo Lattek kommen in den Sinn. Doch Favres Bilanz bei der "Elf vom Niederrhein" ist schlichtweg sensationell. Die Frage muss also erlaubt sein - ist Lucien Favre der beste Trainer, den Gladbach je hatte?

Die Daten jedenfalls sprechen eine eindeutige Sprache. Der 53-Jährige ist der einzige Coach der Gladbacher Bundesligahistorie, der über die Hälfte seiner Spiele gewonnen hat. In 15 Partien gab es schon acht Siege, drei Remis und erst vier Niederlagen.

Vor allem in der stabilen Defensive liegt dabei Favres Erfolgsgeheimnis. Nur elf Gegentore ließen Marc-Andre ter Stegen & Co. in den 15 Spielen unter Favre zu - der Schnitt von nur 0,7 Gegentreffern pro Spiel ist einer der besten in der Ligageschichte.

Zuhause wieder eine Macht

Und auch in der Offensive läuft es: In zwölf der 15 Partien netzte Gladbach ein, die 22 erzielten Treffer bedeuten einen um einiges besseren Schnitt (1,5 pro Spiel) als unter Vorgänger Michael Frontzeck.

Was die Fans bei der neuen Gladbacher Herrlichkeit dabei besonders freut: Zuhause sind die "Fohlen" wieder eine Macht. Von acht Spielen unter Favre wurden sechs gewonnen und nur eines verloren. Frontzeck hatte keines der ersten elf Heimspiele in der letzten Saison gewinnen können.

Kaltschnäuzige "Fohlen"

Apropos "Fohlen". Diese Bezeichnung ist beim VfL mittlerweile wieder durchaus gerechtfertigt, wenn man auf das Durchschnittsalter schaut. Der Altersschnitt der eingesetzten Spieler ist mit 25 Jahren so niedrig wie seit 30 Jahren nicht.

Und diese junge Elf ist zudem psychisch und nervlich top in Schuss. So ließ sich Gladbach auch von der aussichtlosen Tabellensituation in der Rückrunde, der Atmosphäre in der ausverkauften Allianz Arena oder dem frühen Rückstand gegen Wolfsburg nicht beirren, zeigte keine Nerven. In dieser Saison trafen Gladbachs eiskalte Offensivkräfte mit jedem sechsten Schuss ins Netz - eine bessere Quote, als alle Bundesligateams der Vorsaison erreicht hatten.

Wo soll das noch enden?

Top-Werte, wo man hinblickt - wo soll das noch enden? Fakt ist: Der Auftakt des Tabellenführers ist der beste Saisonstart, den Gladbach seit 16 Jahren hatte. In ihrer Historie sind die Borussen nur sieben Mal gleich stark oder besser gestartet und landeten am Ende jedes Mal unter den Top 5, dabei war auch ein zweiter Platz und eine Meisterschaft.

Mit Glücksfall Favre scheint jedenfalls alles möglich.

Christoph Gschoßmann