Frankfurt/Main - Günter Netzer war schon immer ein Verfechter von Angriffsfußball. Insofern gefallen ihm die Leistungen des unangefochtenen Spitzenreiters Borussia Dortmund natürlich bestens. Sie erinnern den Weltmeister von 1974 sogar ein bisschen an seine eigene aktive Zeit, wie er im Interview mit bundesliga.de verrät.

Von 1963 bis 1973 spielte Netzer für Borussia Mönchengladbach. Mit schnellem Konterfußball prägten die "Fohlen" vom Bökelberg in den 1970er Jahren eine Ära und sammelten Titel um Titel. Als Taktgeber und Regisseur im Mittelfeld war Netzer maßgeblich an den Erfolgen beteiligt, bevor er 1973 zu Real Madrid wechselte.

Der heute 66-Jährige spricht bei bundesliga.de über die Titelchancen der Dortmunder, über verbale Scharmützel der Konkurrenz und die Wichtigkeit einer stabilen Defensive.

bundesliga.de: Herr Netzer, kann das junge Durchschnittsalter der Dortmunder Borussia ein Argument sein, dass es der BVB nicht schafft, die Meisterschaft zu gewinnen?

Günter Netzer: Das ist überhaupt kein Argument! Schauen Sie mal, was die mit ihrer Jugend bisher hinbekommen haben. Die gehen völlig unbeirrt ihren Weg, die lassen sich nicht von links oder rechts irritieren. Das ist keine Koketterie, die die Dortmunder an den Tag legen, das ist gelebte Praxis. Die spielen wirklich so, wie sie es sagen. Es berührt sie nicht, was von draußen an sie herangetragen wird, es verunsichert sie auch nicht. Da kann ich nicht erkennen, dass ihre Jugend sie die Meisterschaft kosten könnte. Das ist für mich ausgeschlossen, daran wird es bestimmt nicht scheitern.

bundesliga.de: Sie haben früher in Mönchengladbach selbst sehr erfolgreich in einer jungen Mannschaft gespielt. Was war das große Plus dieser sogenannten "Fohlen"-Elf?

Netzer: Unsere "Fohlen" waren auch Himmelsstürmer, wir haben den schönsten Fußball der Bundesliga gespielt. Das wurde aber erst erfolgreich, als wir unsere Abwehrschwäche beseitigt haben. Wir haben zwei erfahrene Abwehrspieler geholt, die der Mannschaft Stabilität verliehen haben. Aber dieses Problem haben die Dortmunder nicht. Die haben in der Innenverteidigung mit Neven Subotic und Mats Hummels zwei noch junge, aber erstklassige Leute. Und sie haben mit Roman Weidenfeller einen erstklassigen Torwart. Die Basis für gute Abwehrarbeit ist also vorhanden. Dazu haben sie ein Mittelfeld, das enorme Abwehrarbeit leistet. Die Jugend ist in diesem Fall sogar ihr Vorteil.

bundesliga.de: Was ist jetzt die wichtigste Aufgabe des Trainers Jürgen Klopp: Muss er eher bremsen oder pushen?

Netzer: Er muss um Himmels Willen nichts anderes tun als bisher! Einen schöneren Beweis für seine Arbeit als das, was bis jetzt passiert ist, kann man ja gar nicht kriegen. Es wäre ja geradezu fatal, wenn er jetzt irgendetwas Besonderes tun würde oder etwas ausprobieren oder verändern würde. Alles Erreichte ist ein Beweis der Klasse des ganzen Gebildes und das muss man versuchen beizubehalten.

bundesliga.de: Kann ein mögliches Störfeuer von außen angesichts des großen Vorsprungs überhaupt noch Wirkung erzielen?

Netzer: Die Dortmunder machen für mich nicht den Eindruck, als wären sie durch Verbalattacken von außen aus der Ruhe zu bringen. Dazu sind sie zu gefestigt und dazu haben sie auch schon zu viel geleistet, als dass man sie durch Worte zu einer Wende zum Schlechten führen könnte. Das ganze Gebilde müsste in Unordnung geraten, aber dann müsste schon etwas Gravierendes passieren. Und das ist einfach nicht zu erwarten. Alle sind auf dem Erfolgsweg und das lassen sie sich nicht mehr nehmen.

Das Gespräch führte Stefan Kusche