München - Jupp Heynckes hat in seiner langen Karriere als Spieler und Trainer praktisch alles erreicht, wurde Welt- und Europameister, feierte insgesamt sechs Deutsche Meisterschaften. Doch selbst der erfahrene Heynckes wusste nicht, dass ihm mit dem Playoff gegen den FC Zürich eine Premiere bevorsteht.

"Ist das so?", blickte der Bayern-Coach fragend in die Runde der Medienvertreter. In der Tat - für ihn steht das erste Champions-League-Spiel mit einer deutschen Mannschaft an. Und dabei ist es "nur" die Playoff-Phase, die "echte" Champions League-Teilnahme ist ihm noch nicht einmal sicher.

Extra-Motivation für Heynckes

Für Sportsmann Heynckes bedeutet dies Extra-Motivation: "Das ist natürlich nochmal eine ganz neue Herausforderung." Und diese Chance möchte Heynckes auf keinen Fall verpassen. "Die Champions League ist das Sahnehäubchen des europäischen Fußballs" schwärmt der Coach von der "Königsklasse", in der er als Trainer von Real Madrid bereits 1998 triumphierte.

Damit ihm dies am Saisonende, wenn das Finale in der Münchner Allianz Arena steigt, ein zweites Mal glücken könnte, muss am Mittwoch (ab 20:15 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio) zunächst der Schweizer Vizemeister aus dem Weg geräumt werden.

"Wissen, wie schön es in der Champions League ist"

"Eine schwierige, aber auch interessante Aufgabe. Wir wissen um die Bedeutung des Spiels, gerade auch für das Image des FC Bayern", ist sich Heynckes seiner Verantwortung bewusst - schließlich wurde die Champions League seit der Saison 1997/98 nur ein einziges Mal ohne die Münchner ausgetragen. Zwei Mal musste Bayern zudem schon den Umweg über die Qualifikation nehmen.

Und auch seine Schützlinge sind sich über die Bedeutung der Partie im Klaren. "Wir wissen, wie schön es ist, in der Champions League zu spielen", erklärt Kapitän Philipp Lahm und lässt keinen Zweifel daran, dass der FC Zürich unterschätzt wird. "Jeder ist top fokussiert. Wir werden bestens vorbereitet sein", verspricht der Nationalverteidiger.

Wieder diese Schweizer

Offensivspieler Thomas Müller stößt ins gleiche Horn. Auch der WM-Torschützenkönig erwartet eine "zähe" Partie. "Wir müssen uns strecken. Zürich ist vergleichbar mit Basel im letzten Jahr." Beim Schweizer FC Bern hatte sich Bayern im letzten Jahr in der Gruppenphase nur knapp mit 2:1 durchsetzen können.

Und dass bei den "Roten" zu diesem frühen Zeitpunkt in der Saison noch nicht alles rund laufe, "das muss uns auch keiner erzählen", gibt Müller zu. Gerade deswegen war der knappe Erfolg der Heynckes-Elf durch Luiz Gustavos Last Minute-Tor in Wolfsburg enorm wichtig für das Selbstvertrauen der Truppe.

"Zürich liebt das Offensivspiel"

"Wir wollen diesen Schwung jetzt mitnehmen", ist daher die Devise des 21-Jährigen. Denn dass der deutsche Rekordmeister der klare Favorit ist, darüber besteht in München nicht der geringste Zweifel. Allerdings erwartet die Bayern laut Heynckes ein anderes Spiel als zuletzt in der Liga: Der Coach glaubt nicht, dass sich die Schweizer, ähnlich wie Gladbach und Wolfsburg, vornehmlich auf die Defensivarbeit und das Zerstören konzentrieren werden.

"Auf keinen Fall. Ich habe die Mannschaft studiert, habe ihre Spieler kennengelernt. Es ist eine Mannschaft, die ihr Heil eindeutig vorne sucht. Sie spielt risikoreich, liebt das Offensivspiel", weiß der 66-Jährige. "Sie haben einige spielstarke Stürmer, die immer wieder 1-gegen-1-Situationen lösen können", führt Heynckes weiter aus. "Ich muss sagen: Ich war schon beeindruckt", gibt der Coach zu, der die letzten Spiele des "Stadtclubs" analysiert hat. Bayerns Gegner hatte Rekordmeister Basel ganz im Stile der Münchner mit einem 2:1 in letzter Minute in die Schranken verwiesen und, ähnlich wie der FCB, nach einem schweren Saisonauftakt den kompletten Fehlstart vermieden.

Robben an Bord

"Wir wissen, dass wir auf einen spielstarken Gegner treffen. Zürich ist im Moment in Form", zollt Heynckes den Schweizern Respekt. Dennoch stellt der FCB-Trainer klar: "Es muss der Anspruch des FC Bayern sein, in die Gruppenphase zu kommen."

Zumal Bayerns wichtigste Offensivkraft wieder mit von der Partie sein wird. Superstar Arjen Robben wurde im Spiel gegen den VfL Wolfsburg nicht eingesetzt und soll nun in den wichtigen Playoff-Spielen erneut seine Klasse zeigen. "Es war klüger, ihn nicht spielen zu lassen, auch nicht für 20 Minuten", erklärt Heynckes seinen Schachzug, "Er hat drei Tage lang sehr gut trainiert. Mir ist es lieber, dass er jetzt im Vollbesitz seiner Kräfte ist und wieder seine optimale Leistung abrufen kann."

Vom FC Bayern berichtet Christoph Gschoßmann