Gute Schussposition für Krassimir Balakov. Oliver Reck ist die Sicht versperrt. Der Torhüter des FC Schalke 04 sieht die Kugel erst wieder im Netz zappeln.

Während der VfB Stuttgart sein Tor in der 90. Minute gegen den Tabellenführer aus Gelsenkirchen feiert, dringt zur gleichen Zeit Alexander Zickler in München von links in den Strafraum.

Erinnerungen werden wach

Sein erster Schuss wird geblockt. Aber die Kugel fällt ihm erneut vor die Füße. Dampfhammer aus kurzer Distanz. Kaiserslauterns Torsteher Georg Koch ist geschlagen, 2:1 für den Tabellenzweiten FC Bayern. Geschehen am 33. Spieltag der Saison 200/01. Eine Woche später feiern die Bayern in die Meisterschaft.

Wer erinnert sich nicht an das Herzschlagfinale von damals? Die Freunde des runden Leders, die es vergessen hatten, wurden am 31. Spieltag der aktuellen Saison wieder daran erinnert. Martin Demichelis' Führungstreffer zum 2:1 bei Energie Cottbus fiel beinahe zeitgleich mit dem 3:1 des VfB Stuttgart gegen den VfL Wolfsburg.

Bayern beginnen das Rechnen

Der Titel, der in weite Ferne gerückt schien, ist für die Bayern nach den Ergebnissen vom Wochenende wieder in greifbare Nähe gerückt. Die Münchner trennen nach dem 3:1 (1:1) in Cottbus und dem gleichzeitigen 1:4 des VfL Wolfsburg in Stuttgart nur noch zwei Tore von der Tabellenführung.

"Es wäre schon gut gewesen, wenn wir, wegen der Tordifferenz, ein Tor mehr geschossen hätten", so Bayern-Manager Uli Hoeneß. Das große Rechnen hat spätestens am Samstag begonnen. Auch Trainer Jupp Heynckes hätte gerne das eine oder andere Tor mehr gesehen.

Heynckes feiert Jubiläum

"Wir hätten noch mehr Tore schießen müssen. Es ist nämlich sehr wichtig, dass man nicht nur überzeugend spielt, sondern auch die vielen Torchancen, die man hat, verwandelt", betont "Don Jupp", der an seinem 64. Geburtstag zum 150. Mal als Bayern-Trainer fungierte.

Und nicht nur das: Heynckes feierte nach seiner Rückkehr den zweiten Sieg im zweite Spiel. Seine Verpflichtung scheint sich dabei schon jetzt bezahlt zu machen. Innerhalb kürzester Zeit machte er seine Bayern flott für den Titelkampf. Seine Maßnahmen greifen.

Die Erfolgsfaktoren von Jupp Heynckes

Das System: Bei seinem Debüt gegen Borussia Mönchengladbach hatten die Bayern zwar noch Probleme, aber in Cottbus sah vor allem das Offensivspiel schon viel besser aus. Die Raute mit einem echten Spielmacher hinter den Spitzen belebt das Offensivspiel. Gegen extrem defensiv eingestellte Cottbuser kamen die Bayern auf 22 Torschüsse.

Jose Ernesto Sosa: Dass der junge Argentinier ein großes Talent besitzt, hat er immer wieder angedeutet. Schon unter Jürgen Klinsmann machte Sosa gute Spiele, aber seine beste Leistung im Trkot des FC Bayern zeigte er in Cottbus. Sosa, der sich bei Estudiantes in Argentinien als echter Spielmacher ins Rampenlicht gespielt hatte, blühte in der zentralen Rolle richtig auf, erzielte das 1:0 und bereitete einige gefährliche Angriffe vor.

Lukas Podolski: Eine Motivationsspritze nach der anderen gab es für Podolski seit der Amtsübernahme von Heynckes. Schon in den ersten Einheiten kümmerte sich der 64-Jährige um seinen Stürmer, den er auf Anhieb zum Stammspieler ausrief. "Seinen linken Fuß hätte ich gerne", sagte Heynckes vor einer Woche. In Cottbus durfte Podolski alle Ecken ausführen. Mit sechs Torschüssen war "Poldi" der aktivste Angreifer im Stadion der Freundschaft.

Psyche: "Wir müssen bescheiden sein", predigt Heynckes immer wieder. Der erfahrene Coach setzt seine Mannschaft nicht unter Druck, will vom Titelkampf nichts wissen, sondern gibt immer wieder das Mindestziel "Platz 2" aus. Den Spielern, die sowohl gegen Gladbach als auch gegen Cottbus selbstbewusst auftraten und selbst in schwierigen Phasen nicht verzweifelten, ist dies anzumerken.

Die Bescheidenheit, die Heynckes ausgerufen hat, steckt an: Die "Abteilung Attacke" des FC Bayern, Uli Hoeneß, fordert genauso wenig den Titel wie es Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge tut: "Es ist alles möglich. Wir können Meister werden, wir können aber auch Vierter werden." Das klang auch schon einmal anders in München...

Rummenigge spricht vom "wohl spannendsten Meisterschaftsfinale der Bundesligageschichte". Zum echten Endspiel kann es am letzten Spieltag kommen, wenn sich Bayern und Stuttgart gegenüber stehen.

Stuttgart? Saisonfinale? Titelkampf? Da war doch was. Balakov und Zicker lassen grüßen...

Fatih Demireli