München - Er ist Quergeist, Leader, Mahner - und seit sechs Wochen Sportvorstand beim FC Bayern. Matthias Sammer, der zahlreiche Attribute auf sich vereint, war vor seinem Engagement bei Rekordmeister jahrelang für die Nachwuchsförderung beim DFB zuständig.

Unter seiner Ägide entwickelte sich der deutsche Fußball rasant zu einem Erfolgsmodell - auch wenn ein internationaler Titel nach wie vor auf sich warten lässt. Im ersten Teil des Interviews spricht der 44-Jährige über die Eingewöhnungszeit bei seinem neuen Club, die "Vaterrolle" von Jupp Heynckes und seine "Hass-Liebe" zu Mehmet Scholl.

Frage: Herr Sammer, Sie haben im Trainingslager am Gardasee gesagt, dass Sie ein Schleudertraume hatten, als Sie angefangen haben. Haben Sie inzwischen ausgeschleudert?

Matthias Sammer: Es war nicht nur für mich eine Veränderung, sondern auch für Bayern. Da ist jetzt einer für den Sport zuständig und schaut da anders darauf wie in der Vergangenheit. Es war ja auch ein Grundsatz für mich zu sagen, ob das Bayern auch will. Man musste sich natürlich aneinander gewöhnen. Nach zehn Tagen habe ich gemerkt, dass sich die Dinge ordnen. Die Zeit beim DFB war da sehr wichtig, weil ich viele Dinge im theoretischen Bereich lernen konnte. Ich bin sehr glücklich, beim FC Bayern zu sein.

Frage: Ist Ihre Erwartungshaltung erfüllt worden?

Sammer: Bei mir gab es keine große Erwartungshaltung, sondern ich habe mich gefragt: Wie gehst du das inhaltlich an? Bei so einer Anfrage entwickeln manche Menschen Freude, andere entwickeln einen Druck und eine gewisse Last. Ich habe eher einen gewissen Druck gespürt. Ich wusste, dass ich das erst als positiv empfinden kann, wenn ich es überblicken kann. Ich konnte vom DFB gehen, wann ich wollte. Für mich gab es aber nur einen Club, wo ich es machen würde und als der Anruf von Bayern kam, hatte ich keine Empfindungen, sondern habe darüber nachgedacht: Wie werde ich es versuchen, das mit zu beeinflussen, um erfolgreich zu sein.

Frage: Was war in den ersten Wochen Ihre Hauptaufgabe?

Sammer: Wichtig ist, dass man Dinge nur dann im Detail beurteilen kann, wenn man die Details auch sieht. Mich wundert die Frage, warum ich mir jedes Training anschaue. Ich halte das für selbstverständlich. Die Frage ist, liegt es an der Basis oder im Detail. Wenn es an der Basis liegen würde, dann müssten wir uns grundsätzliche Sorgen um den Club machen. Aber an der Basis liegt es nicht, Bayern ist ein Riesen-Club. Wenn es am Detail liegt, heißt das nicht, dass ich den Trainer in seiner täglichen Arbeit kritisieren will. Jupp Heynckes ist mein Partner. Was mich strategisch interessiert, ist das Drumherum im Verein. Wenn ich in kritischen Situationen das Detail nicht mitbekomme, wie soll ich es dann bewerten?

Frage: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Sammer: Ich gehe ins Büro, setze mich hin und denke darüber nach, was getan werden muss. Wie ist die Mannschaft? Wie ist die Struktur? Wo sind Anregungen, sofort etwas tun zu müssen? Was muss vorbereitet werden? Ist alles koordiniert? Viele Gespräche müssen vorbereitet werden. Ich schreibe mit alles auf und versuche, es abzuarbeiten.

Frage: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Jupp Heynckes beschreiben?

Sammer: Ich habe ein ausgezeichnetes Verhältnis zu ihm. Vom Menschlichen könnte er mein Papa sein. Die Art und Weise, wie er über Fußball denkt, begeistert mich. Das ist die Grundbasis des Vertrauens, sonst wäre ich nicht gekommen. Ich bin auch zum DFB gekommen, Klinsmann wollte das zwar nicht, aber ich wusste, ich habe nicht unmittelbar mit ihm zu tun. Hier ist es anders. Wenn Du im Vertrauen zusammenarbeiten willst und der Cheftrainer will das nicht, dann geht das nicht.

Frage: Sie haben beim DFB ja in einer Art Paradies gelebt, was äußere Einflüsse anbelangt. In München haben Sie in den ersten Wochen sicherlich in dieser Hinsicht wesentlich mehr erlebt, als in den letzten Jahren beim DFB, oder?

Sammer: Ja, stimmt. Nachwuchsarbeit ist ja auch konzeptionell und strategisch ausgelegt. Da hat man mehr Ruhe. Wenn ich das Gefühl hatte, dass die Leitlinien in der Vorbildwirkung von ganz oben nach ganz unten gefährdend sind, dann grätsche ich dazwischen. Aber ansonsten ist das natürlich ruhiger. Ich bin dem Verband sehr dankbar. Ich konnte dort sehr frei arbeiten.

Frage: Stichwort Nachwuchs. Mit Mehmet Scholl ist jemand im Club, der Ihren Weg voll mitgeht. Wie wichtig ist es für Sie, dass da jemand ist, der so gepolt ist wie Sie?

Sammer: Wir haben uns als Spieler gehasst. Er hat das mit seiner großen Klappe natürlich beim ersten Gespräch gleich gesagt: "Ich hab dich übrigens nie gemocht." Das waren unsere ersten Begegnungen. Er hat mir dann erzählt, nachdem seine Karriere gerade einige Monate vorbei war, dass er irgendwann mal gerne bei Bayern im Nachwuchsbereich arbeiten will - als Trainer natürlich. Er wollte ja immer gleich alles führen. Er hat erzählt, was er dann alles für tolle Dinge machen würde. Ich hab ihn dann gefragt, ob er mir das konkret erklären kann, dann ist er wieder ungemütlich geworden. Als ich dann noch gesagt habe: "Mach erst einmal eine Lehre. Du bist ein großer Spieler, du hast viel erreicht, aber du willst in einen neuen Spielabschnitt gehen. Jetzt ist erst einmal Lehrzeit." Dann war es zwischen uns ganz kurzfristig aus. Unsere erste Begegnung war nicht von Harmonie geprägt.

Frage: Wie ging es danach weiter?

Sammer: Es wurde schnell Respekt daraus. Aber auf der Inhaltsebene war es schwierig. Ich hab gesagt: "Mehmet, ich muss damit nicht Recht haben, aber das sind meine Erfahrungen. Die gebe ich dir jetzt weiter. Mach damit, was du willst. Geh du deinen eigenen Weg." Und er ist seinen Weg gegangen in aller Konsequenz. Er hat seine Ausbildung gemacht und ist wieder bei der zweiten Mannschaft. Es ist richtig, dass er nicht sagt, dass er gleich in die Bundesliga muss. Er geht einen richtig guten und interessanten Weg. Keine Frage - ich finde es gut, dass er hier ist. Er hat seine Lehrzeit gemacht und hat sich auf den Hosenboden gesetzt. Er hat mir aus vom Trainerlehrgang in Köln immer SMS geschrieben mit einem Schleudertrauma. Er war fix und fertig. Ist ja klar, wenn man die neun Monate durchzieht.

Von der Säbener Straße berichtet Johannes Fischer


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