Für Martin Demichelis ist das Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Argentinien in München eine ganz besondere Partie (ab 20:30 im Live-Ticker). Der Innenverteidiger spielt seit sieben Jahren beim FC Bayern, die Allianz Arena ist ein Stück weit sein Zuhause.

Trotzdem: Am Mittwoch schiebt er die Gefühle für seine Wahlheimat beiseite und geht auch auf die Bayern-Spieler in der DFB-Elf auf Distanz - zumindest sportlich. "Wenn ich das Nationaltrikot überziehe, dann ist das für mich eine große Ehre. Dann sind sie Gegner", erklärte Demichelis.

"Micho" spricht im Interview zudem über seine Rolle in der argentinischen Nationalmannschaft, seine Verbindung zu Diego Maradona, Superstar Lionel Messi und die Chancen beider Teams bei der WM 2010 in Südafrika.

Frage: Herr Demichelis, auf dem Papier sind Sie mit der argentinischen Nationalmannschaft am Mittwoch nur Gast. Fühlen Sie sich auch so?

Martin Demichelis: Nein, München ist schließlich meine Stadt. Ich spiele seit sieben Jahren beim FC Bayern und ich kenne die Allianz Arena auch gut.

Frage: Sind die Argentinier heiß auf eine Revanche, nachdem Sie bei der WM 2006 im Viertelfinale gegen Deutschland ausgeschieden sind?

Demichelis: Für Argentinien ist das sicherlich eine kleine Revanche. Aber für die meisten Spieler ist es das nicht, denn sie waren 2006 nicht dabei - ich auch nicht. Für viele Spieler ist es jedoch die letzte Chance, sich gegen einen großen Gegner zu präsentieren und für die WM in Südafrika zu empfehlen.

Frage: Macht es Ihnen etwas aus, gegen Ihre Teamkollegen beim FC Bayern, Miroslav Klose und Mario Gomez, zu spielen?

Demichelis: Sie sind beide sehr gute Stürmer, aber auch Mitspieler und Freunde. Aber am Mittwoch spiele ich für Argentinien, dann sind wir leider Gegner. Und wenn es die Situation erfordert, muss ich auch grätschen, damit Miro und Mario nicht vorbeigehen. Ich habe großen Respekt vor den beiden und vor der gesamten deutschen Mannschaft. Aber wenn ich das Nationaltrikot überziehe, dann ist das für mich eine große Ehre. Es ist ein besonderes Spiel für mich. Und das will ich natürlich auch gewinnen.

Frage: Wie sehen Sie Ihre Rolle in der argentinischen Nationalmannschaft?

Demichelis: Im Moment bin ich sehr zufrieden. Ich habe meinen Platz gefunden und mir diesen sicherlich auch hart erarbeitet. Und das habe ich vor allem dem FC Bayern zu verdanken. Denn wenn ich hier nicht spielen würde, wäre es für mich wohl unmöglich, in der Nationalmannschaft zu spielen. In den letzten zwei Jahren habe ich den Fans in Argentinien gezeigt, dass ich der Mannschaft weiterhelfen kann. Das Länderspiel am Mittwoch ist eine große Gelegenheit für mich, das noch einmal zu untermauern. Und ich kann auch noch einmal beweisen, dass ich unbedingt bei der WM dabei sein will.

Frage: Wie ist Ihr Kontakt zu Nationaltrainer Diego Maradona?

Demichelis: Er guckt jedes Spiel des FC Bayern in Argentinien am Fernseher. Wir telefonieren oft. Er ist kein Trainer, der auf Distanz geht. Er kommuniziert viel, geht sehr stark auf die Spieler ein und bietet immer seine Hilfe an. Diego hat eine große Erfahrung und gibt der Mannschaft viel davon mit.

Frage: Alle Welt spricht nur von Lionel Messi - stört Sie das?

Demichelis: Ja, selbstverständlich. Schließlich kann Messi ein Spiel nicht alleine gewinnen - und natürlich ist er nicht alleine Schuld an Niederlagen. Wir müssen uns alle gegenseitig helfen. Wir haben von den Namen her eine gute Mannschaft. Aber wir haben uns in der Qualifikation auf dem Platz nicht als Einheit präsentiert. In der Vorbereitung auf die WM kommen wir länger zusammen, und da wartet dann noch viel Arbeit auf uns.

Frage: Argentinien gilt bei der WM wie immer als Favorit. Reicht es dieses Mal fürs Endspiel?

Demichelis: Das ist jetzt schwierig zu sagen, ob wir das Finale erreichen. Aber wir haben Selbstvertrauen und sind überzeugt, dass wir das schaffen können. Alleine unsere Offensive hat die Klasse dazu. Diego bei Inter Mailand, Higuain bei Real Madrid oder Tevez in Manchester – alles Top-Torjäger in ihren Ligen. Aber das reicht nicht, wenn wir uns nicht als Mannschaft präsentieren. Zumal die Konkurrenz mit England, Spanien oder Brasilien sehr groß ist.

Frage: Und Deutschland? Hat sich die DFB-Elf im Vergleich zur letzten Weltmeisterschaft weiterentwickelt?

Demichelis: Ein Großteil der Mannschaft, der schon bei der WM 2006 erfolgreich war, spielt heute auch noch zusammen. Das ist sicherlich ein Vorteil. Dieses Mal hat Deutschland aber kein Heimrecht. Das gibt ja auch immer ein Stück weit einen Schub. Das fällt dieses Mal weg. Von daher sieht man wohl erst während des Turniers, ob sich das deutsche Team weiterentwickelt hat. Wir haben aber großen Respekt vor Deutschland. Sie waren bei der letzten WM Dritter, bei der EURO Zweiter – Deutschland ist immer da!

Michael Reis