Berlin - Einen Absteiger zu übernehmen ist keine einfache Aufgabe - und einen Verein, um den herum es rumort, schon gar nicht. "Zu viele Menschen waren sehr negativ eingestellt", sagt Jos Luhukay über seine ersten Erfahrungen als Trainer von Hertha BSC, "Fans, Leute im Umfeld des Clubs, Medien." Dass es dem Niederländer trotzdem innerhalb weniger Monate gelungen ist, den Hauptstadtverein auf Erfolg zu trimmen, verdient daher Hochachtung.

Als Luhukay im Juli 2012 seinen neuen Job bei Hertha antrat, hatte die nämlich gerade ein Jahr voller Rückschläge hinter sich: zweiter Abstieg aus der Bundesliga innerhalb von drei Jahren, drei gescheiterte namhafte Trainer in 2011/12 (Markus Babbel, Michael Skibbe und Otto Rehhagel) - manch einen hätte dieses Szenario abgeschreckt. "Viele Menschen haben mir abgeraten, es zu machen", räumt Luhukay denn auch gegenüber dem "Kicker" ein.

Mit Ruhe zum Aufstieg - Heimstärke als Pfund



Dass Luhukay aber aus besonderem Holz geschnitzt ist, hatte er schon zuvor bewiesen. Beim FC Augsburg war der frühere Profi nur wenige Monate vor seinem Antritt in Berlin zurückgetreten, nachdem er mit dem Bundesliga-Neuling sensationell den Klassenerhalt gehalten hatte - der bis dahin größte Erfolg der FCA-Geschichte.

Auch vom wackeligen Start in die vergangene Spielzeit - Topfavorit Hertha startete mit einem Remis und einer Niederlage - sorgte beim bescheidenen 50-Jährigen nicht für Irritationen. Nach und nach arbeitete sich sein Team mit ansehnlichem Offensivfußball nach vorne, am 23. Spieltag war die Tabellenspitze erreicht. "So ist schnell Ruhe eingekehrt", sagt Luhukay.

Am Ende standen nie erreichte Werte von 76 Punkten und 22 gewonnenen Partien - und die im Mai unter großem Beifall der Anhänger verkündete Vertragsverlängerung bis 2016. Vor allem zuhause tritt Luhukays Team beeindruckend auf, und diese besondere Stärke scheint sich Hertha trotz des Aufstiegs beizubehalten: beide Heimspiele hat die "Alte Dame" für sich entschieden, Eintracht Frankfurt am 1. Spieltag sogar mit 6:1 geschlagen. Macht in der Summe 19 Heimspiele ohne Niederlage im Olympiastadion, unter Luhukay haben die Hauptstädter da noch nie verloren.

"Hertha ist auf dem Weg zurück zu Seriösität"



Sollte Hertha diese Serie auch gegen die nächsten Besucher VfB Stuttgart, 1. FSV Mainz 05 und Borussia Mönchengladbach fortsetzen, würde Luhukay auf Rang 7 der Liste illustrer Trainer der Bundesliga und 2. Bundesliga vorrücken, die nach ihrem Amtsantritt am längsten zuhause ungeschlagen geblieben sind und die vom früheren Hamburger Ernst Happel angeführt wird (42 Spiele). Schon jetzt steht er in dem Klassement gleichauf mit Borussia Dortmunds Jürgen Klopp und Ottmar Hitzfeld (Dortmund, Bayern München).

Die Grundlagen für weitere Erfolge sieht Luhukay, der im Sommer die Verpflichtung seiner ehemaligen Spieler Alexander Baumjohann, Sebastian Langkamp, Johannes van den Bergh und Hajime Hosogai vorantrieb und dem Markus Gellhaus mittlerweile schon beim vierten Verein assistiert, bei Hertha jedenfalls gegeben. "Hertha ist auf dem Weg zu Kontinuität und zurück zur Seriösität", sagt er. Wohlwissend, dass er selbst daran ganz entscheidenden Einfluss hat.

Felix Seaman-Höschele